Hildesheimer Allgemeine Zeitung

29 Morde, vielleicht mehr: Polizei ermittelt in Tötungsserie

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 09.09.2018.

Lüneburg - Der Mörder ist immer der Gärtner – so jedenfalls lautet eine alte Krimiweisheit. In diesem Fall trifft sie tatsächlich zu: Das LKA Niedersachsen verdächtigt einen Friedhofsgärtner, ein Serienmörder zu sein.

Eine gediegene Wohngegend am Stadtrand von Lüneburg, das Einfamilienhaus steht am Ende einer Sackgasse. Ein Rotklinkerbau mit Hecke und Wintergarten, dahinter eine kleine Anhöhe mit Bäumen. Unter der Garage des Hauses ist vor fast einem Jahr die Leiche der seit 1989 vermissten Birgit Meier gefunden worden. Ihr Bruder hat die Suche nie aufgegeben, es ist der ehemalige Leiter des Landeskriminalamts Hamburg, Wolfgang Sielaff.

Privat hat er weiter ermittelt. Am Mittag des 29. September 2017 machen er und sein Team den grauenvollen Fund, der nach Jahrzehnten Gewissheit bringt. Mit Erlaubnis der Eigentümer hat Sielaff das Haus erneut untersucht und den Betonboden der Garage aufgestemmt. Nach dem Fund wollte er sich nicht in der Öffentlichkeit äußern.

Der einstige Besitzer des Grundstücks war schon früh in den Fokus der Ermittler gerückt. Doch der Friedhofsgärtner nahm sich 1993 das Leben, da saß der 40-jährige Deutsche wegen anderer Vorwürfe in Haft. Bereits damals hatte die Polizei das Haus durchsucht und war auf Waffen, Fesseln und anderes verdächtiges Material gestoßen.

«Der Friedhofsgärtner kommt möglicherweise für 24 weitere Todesfälle oder gar noch mehr als Täter infrage», sagt Mathias Fossenberger, Sprecher der für den Fall zuständigen Polizeidirektion Lüneburg. Die Operative Fallanalyse des Landeskriminalamtes Niedersachsen ziehe zwei Dutzend Fälle in Betracht. «Wir schließen nichts aus und beschränken uns nicht auf diese Taten», betont er.

Die Polizei hat in Lüneburg eine sogenannte Clearingstelle eingerichtet, hier laufen die Fäden zusammen. Sie hat ein Bewegungsbild des Mannes erstellt, der längere Zeit auch in Karlsruhe lebte. Alle denkbaren Verbindungen zu nicht aufgeklärten Morden sollen untersucht werden. «Aufgrund des aktuellen Ermittlungsstandes müssen wir von der Möglichkeit einer Vielzahl von Taten in Deutschland und vielleicht auch darüber hinaus ausgehen», sagt Lüneburgs Polizeipräsident Robert Kruse.

«Sollte er wirklich für so viele Tötungen verantwortlich sein, dann gibt es zumindest in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg kaum Fälle, die daran hereinreichen», sagt Kriminalist Stephan Harbort, Experte für Serienmorde. «Nur wenn man serielle Patiententötungen mit betrachtet, kommt man auf ähnliche Opferzahlen.» So muss sich der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel ab Ende Oktober wegen Mordes an 98 Patienten vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Wegen sechs Taten wurde er bereits verurteilt und sitzt lebenslang in Haft.