Hildesheimer Allgemeine Zeitung

3000 Menschen erinnern an Opfer von Nazi-Massaker

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 14.04.2019.

Ascq - Insgesamt knapp 3000 Menschen haben am Wochenende im französischen Villeneuve d’Ascq der Opfer eines SS-Massakers im Jahr 1944 gedacht. Am 75. Jahrestag der Ermordung von 86 Jugendlichen und Männern in der Kleinstadt bei Lille war für viele Teilnehmer der Gedenkfeiern auch der mögliche Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Karl M. aus Nordstemmen ein großes Thema. Zudem gab es zahlreiche Aufrufe, sich für den Frieden in aller Welt einzusetzen.

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Am späten Samstagabend hielt die Kleinstadt den Atem an. Alle Straßen im Zentrum waren gesperrt, die Straßenlaternen abgeschaltet, als sich knapp 2000 Teilnehmer zu einem Schweigemarsch trafen. 86 Schüler – symbolisch für die Zahl der Massaker-Opfer, begleiteten den Zug mit Fackeln, leises Trommeln von der Spitze des Zuges unterbrach gelegentlich die fast gespenstische Stille. Der Weg führte durch die Altstadt. Die Nachkommen der Opfer gingen zum Teil an den Häusern vorbei, aus denen die SS ihre Väter, Großväter und Urgroßväter gezogen hatte.

Macron nicht bei Gedenkfeier

Am Mahnmal für die Opfer des Massakers entzündete Bürgermeister Gérard Caudron die „Flamme der Erinnerung“. Anschließend wurden die Namen aller Opfer sowie das Alter verlesen – vom 15-jährigen Jean Roques bis zum 74-jährigen Pierre Briet. Dazu projizierten die Veranstalter Porträtfotos der 86 Opfer an die Wand des Mahnmals. Schließlich ging die Menge leise, wie sie zusammengekommen war, auseinander. Marguerite-Marie Sabin, Tochter eines Massaker-Opfers, betonte im Gespräch mit der HAZ: „Es tut gut, nach all den Jahren die Solidarität so vieler Mitmenschen zu spüren.“

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Am Sonntagmorgen zelebrierte Lilles Erzbischof Laurent Ulrich eine Messe für die Opfer und ihre Angehörigen. Danach marschierten rund 800 Menschen erneut zur Gedenkstätte, angeführt von Veteranen mit Fahnen. Kinder legten 86 Blumen ab, 86 Bürgermeister Caudron entzündete erneut die Flamme und legte einen Kranz nieder, ein Regierungsvertreter brachte einen Kranz von Staatspräsident Emmanuel Macron mit. Dass Macron zum 75. Jahrestag nicht selbst nach Ascq gekommen war und auch keinen Minister oder Präfekten geschickt hatte, hatte im Ort im Vorfeld für einigen Unmut gesorgt – Nachkommen und auch bei Bürgermeister Caudron, der berichtete, der habe drei Einladungen nach Paris geschickt und nur mit Mühe eine Antwort bekommen.

Anspielung an Karl M.

In seiner Ansprache verkniff sich der Rathaus-Chef jedoch jede Anspielung. Er betonte vor allem die Bedeutung des Gedenkens – für die Stadt Ascq und ihre Bewohner, die durch das Massaker „geprägt“ worden seien. Vor allem aber rief er dazu auf, sich für die Vermeidung von Kriegen, Gewalt und Terrorismus überall auf der Welt einzusetzen: „Das Massaker gemahnt uns an die Verantwortung jedes Demokraten für das Menschenrecht jedes Einzelnen.“ Es gelte, „unser Europa zu schützen und sich zu wehren gegen diejenigen, die leugnen und relativieren“ – eine Anspielung auf den Fernsehauftritt von Karl M. im November.

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