Hildesheimer Allgemeine Zeitung

6200 Mitglieder – niemand will Vorsitzender werden

Veröffentlicht von Alexander Raths am 10.02.2019.

Kreis Hildesheim - Der 6200 Mitglieder starke Kreismusikverband Hildesheim geht schweren Zeiten entgegen. Abgesehen von dem 76-jährigen Norbert Lange aus Giesen ist bislang niemand bereit, Verantwortung und den Vorsitz des Verbands zu übernehmen – unter dessen Dach sich rund 50 Musikvereinigungen aus der Region befinden. Lange ist nun schon rund 30 Jahre Verbandschef – und wollte sich eigentlich zurückziehen. Dass sich kein Nachfolger findet, umtreibt die Mitglieder der Organisation mit Sorge. „Wenn wir keinen Kandidaten haben, droht dem Verband die Auflösung“, sagte Christian Bumiller (Musikverein Borsum) während der Jahresversammlung der Musiker vor 150 Delegierten in Algermissen am Samstag.

Zermürbende Minuten

Geradezu zermürbend lange vergingen die Minuten im großen Saal des Gasthauses Weiterer, als Lange an die Mitglieder gerichtet die Frage stellte, wer seine Stelle einnehmen könnte. Der Rentner akzeptierte schließlich die Situation. „Ich mache noch zwei Jahre weiter – aber dann trete ich zurück. Ich mache dann Schluss, das ist klar. Ihr seid gefordert“, sagte Lange genervt. „Wenn das hier den Bach runter geht, dann würde dies sehr weh tun“, betonte der Giesener. Der hatte zu Beginn der Versammlung an die Delegierten appelliert, einen Kandidaten zu präsentieren. „Das ist heute unsere wichtige Aufgabe“, sagte der 76-Jährige. Doch die können die Musiker bislang noch nicht lösen. Symptomatisch für die Situation des Verbands war auch der Ablauf der Wahl der Kassenführerin. Auch diesen Posten wollte zunächst niemand übernehmen. Bis sich schließlich Rita Kentsch für ein Jahr breitschlagen ließ, diese Aufgabe zu übernehmen. Dafür erntete sie den Beifall der Delegierten, die erleichtert waren, dass zumindest diese Frage geklärt war.

Was bleibt, ist die Suche nach der Person, die in Zukunft den Vorsitz übernimmt – und pro Monat etwa zehn Stunden investiert, so Lange.

30 persönliche Gespräche

Wie Christian Bumiller als Mitglied einer Findungskommission berichtete, waren vor der Versammlung 30 persönliche Gespräche mit möglichen Kandidaten vergeblich. „Ob Familie oder Beruf – es gab immer Gründe, diese Aufgabe nicht übernehmen zu wollen.“

Die Verbandsspitze hatte mit Zustimmung der Musiker die Pflichten des Vorsitzenden unter anderem mit der Einrichtung einer hauptamtlich geführten Geschäftsstelle abgespeckt, doch auch dies animierte niemanden, Langes Posten anzustreben. Der zeigt sich davon am Sonntag enttäuscht. „Es ist bei meinem Alter möglich, dass man irgendwann von heute auf morgen nicht mehr kann.“

Kommentar: Ein Armutszeugnis

Von Alexander Raths

Dass sich bislang niemand aus dem Kreismusikverband Hildesheim für eine Kandidatur als Vorsitzender bereiterklärt, ist ein Armutszeugnis. Die Organisation hat rund 6200 Mitglieder – es ist kaum zu glauben, dass sich kein Mensch ein Herz fasst und diese wichtige Aufgabe übernimmt. Stattdessen hängt der 76-jährige Rentner Norbert Lange Jahr um Jahr dran, damit der Verband weiter geschäftsfähig bleibt. Doch es gibt eine klare Ansage – in zwei Jahren ist für den Giesener endgültig Schluss mit seiner Arbeit im Vorstand.

Die Frauen und Männer aus den vielen Musikvereinen der Region müssen nun handeln. Sonst ist der Kreismusikverband bald Geschichte.