Hildesheimer Allgemeine Zeitung

„Ab in den Wald“ will Märchen hinterfragen

Veröffentlicht von Martina Prante am 12.01.2018.

Hildesheim - Sie lieben Märchen? Dann sind Sie bei „Ab in den Wald/Into The Woods“ genau richtig. Denn im schummrig-finsteren Baumgewirr verirren sich Rapunzel, Aschenputtel und Dornröschen mit ihren Wunschmännern in so manchen Neurosen und Neuröschen. Denn Märchen sind gar nicht so harmlos wie man denken mag.

Der amerikanische Psychoanalytiker Bruno Bettelheim hat um die Jahrhundertwende die psychosozialen Krisen von Prinzen und Prinzessinnen, Riesen, Zwergen, Wölfen und Hexen als äußerst wichtig für Kinder beschrieben, weil dort Gefühle, Ängste und Hoffnung von Heranwachsenden verstanden und gewürdigt werden.

Für die amerikanischen Musical-Macher Stephen Sondheim und James Lapine war Bettelheims Thema „Märchen als entwicklungsfördernde Projektionshilfen“ reizvolle Inspiration für ihr Musical „Ab in den Wald“ („Into the Woods“). 1989 war die Uraufführung, der Spielfilm eroberte 2014 de Leinwand. Allerdings richtet sich diese Musicalwelt nicht an den Nachwuchs. „Den ersten Akt könnte man Kindern noch zeigen“, schmunzelt Musicaldramaturg Christof Wahlefeld. Der zweite allerdings sei dann „Spaß für Erwachsene“.

Sterotypen in Nöten

„Ab in den Wald“ bedient sich aus den Grimm-Geschichten von Rapunzel, Aschenputtel, Rotkäppchen und dem britische Märchen Hans und die Bohnenranke. Zusammengehalten wird das Ganze durch das selbst ausgedachte Geschichten vom „Bäcker und seiner Frau“. Was passiert zwischen Ende der Geschichte und dem Abschlusssatz „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“? Wie lebt es sich mit dem Prinzen, wie zieht man das ersehnte Kind groß? Märchen-Sterotypen in Nöten. „Eine Frage vo nIronie, Witz nd Moral.“

Im ersten Akt arbeiteten alle Märchenfiguren mehr oder weniger verbissen darauf hin, ihr Ziel zu erreichen: ein Kind zu kriegen, auf einem Ball zu tanzen, einen Prinzen zu heiraten oder erwachende Sexualität zu genießen – schummeln und lügen gehört dazu.

„Man ist nicht gut. Man ist nicht schlecht. Man ist nett“, beschreibt RegissCraig Simmons seinen Lieblingssatz in dem Musical. „Und nett ist nicht unbedingt ehrlich“, schmunzelt der Regisseur. „Im zweiten Akt müssen sich die Märchenfiguren am Ziel mit den Konsequenzen ihres Handelns auseinandersetzen.“ Im Musical gehört der Verlust vieler Figuren dazu.

Wald als Sehnsuchtsort

„Es ist eines von den intelligentesten Musicals, die es gibt. Von der Komplexität, von den Ideen her, vom Hinterfragen“, schwärmt der Regisseur. „Der Wald als Sehnsuchtsort, in dem nichts und niemand mehr sicher ist.“

„Ab in den Wald“ ist ein Gemeinschaftsprojekt: Die 16 Darsteller setzen sich zusammen aus der MusicalCompany, Neele Kramer und Peter Kubik vom Musiktheater, vier Mitgliedern aus dem Chor und der TfN-Philharmonie – unterstützt von einer Rhythmusgruppe. „Ein symphonischer Klang“, beschreibt Wahlefeld, mit vielen lautmalerischen Phrasen und einer „Leitmotivik Wagnerischen Ausmaßes“. Auch die Musik entspreche der Unterschiedlichkeit der beiden Akte: Im ersten Akt ist die Partitur leicht und lustig, im zweiten Akt düster.

Das Musical sei sehr aufwändig, betont Simmons. Viele Ortswechsel und vor allem extrem kurze Szenen von nur zwei Minuten Länge sorgten für ein ständiges Kommen und Gehen auf der Bühne. Für Ruhe und Atmosphäre will Ester Bätschmann mit ihrem Bühnenbild sorgen. Der Märchenwelt aus kleinen, begrenzten Holzhäuschen (von Bäcker, Hans, Küche) setzt sie die unsicheren, weil endlose und offene Welt des Walds in Form von transparenten, verschieden farbigen Stoffbahnen gegenüber, die über Licht zum Leben erweckt werden. „Es ist der Gegensatz zwischen dem sicheren Zuhause und der fremden Welt“, verdeutlicht Bätschmann.

Viel Pyrotechnik

Simmons verspricht jede Menge Tricks, wie sie in einen Zauberwald gehören: von verschwindenden Hexen und abgeschnittenen Haaren bis zu jeder Menge Pyrotechnik. „Die Wechsel und die Dynamik im Bühnenbild ähneln ,Dracula’“, erläutert der Regisseur. Allerdings soll „Ab in den Wald“ wie ein Märchen erzählt werden. „Das ist der Reiz.“

Premiere des Musicals „Ab in den Wald/Into the Woods“ ist am Samstag, 20. Januar, um 19 Uhr im Theater für Niedersachsen. Karten zwischen 10 und 35 Euro im TicketShop der HAZ in der Rathausstraße, im Stadttheater und unter 16 93 16 93. Eine weitere Vorstellung in diesem Monat ist am 23. Januar. Die Vernissage beginnt am Sonntag, 14. Januar, um 11.15 Uhr im Stadttheater. Regisseur Craig Simmons, Dirigent Achim Falkenhausen und Ausstatterin Esther Bätschmann geben mit Musicaldramaturg Christof Wahlefeld erste Einblicke in die Produktion.