Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Acht Erfindungen, die aus der Region stammen

Veröffentlicht von Manuel Lauterborn am 12.06.2019.

Kreis Hildesheim - Eine dient dem Zeitvertreib an der Ampel, eine soll den Geruch bekämpfen und eine Menschenleben retten – diese acht Erfindungen kommen aus der Region.

1. Ein selbstgebautes Blindenmobil

Matthias Fuchs aus Sarstedt

Matthias Fuchs arbeitet präzise, jeder Handgriff sitzt. Ein ungewöhnlicher Anblick, denn Matthias Fuchs ist blind. Dennoch hat er ein Fahrzeug für blinde und sehbehinderte Menschen entwickelt – und will damit in Serienproduktion gehen. Schon 2015 macht er sich an die Umsetzung eines behindertenspezifischen Dreirads; eine Idee, die bereits seit 22 Jahren in seinem Kopf herumspukt. Nur damals habe so ein Vorhaben noch niemand unterstützen wollen, sagt Fuchs.

Doch er lässt nicht locker und ist im Januar 2018 erfolgreich: Das Grundgerüst des etwa 80 Kilogramm schweren Gefährts bildet ein ehemaliger Rollstuhl mit aufmontiertem Autositz, angetrieben von zwei Autobatterien à 24 Volt. Detektoren messen in einem Abstand von vier Metern – entweder in regelmäßigen zeitlichen Abständen oder im Dauer-Modus. Mittels Sprachausgabe teilt das Fahrer-Assistenz-System die Entfernung zu umstehenden Objekten in Zentimetern mit. Das ist für den Blinden nötig, um sich laufend orientieren zu können. Das Mobil ist zunächst ein Prototyp, doch wenn es nach Erfinder Fuchs geht, soll das Modell in Serie gehen.

2. Streetpong an der Ampel

„Pong“ kennt ja jeder, schließlich wurde das Spiel bereits 1972 veröffentlicht. „Streetpong“ ist allerdings eine Erfindung aus Hildesheim - von den beiden Studenten Sandro Engel und Amelie Künzler. Im November 2014 geht es an der Ampel am Goschentor bei der HAWK los.

Die Idee geht um die Welt: Unter anderem in Russland, Japan und den USA wird berichtet. Der damalige niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies verleiht den beiden den Gründerpreis „Durchstarter 2015“, beim „Innovation Award“ (Innovationspreis) der Computermesse Cebit landen sie auf dem zweiten Platz. Für Engel und Künzler ist es nicht die letzte Erfindung. Die beiden haben mittlerweile auch Sisyfox gegründet.

3. Rettung made in Hildesheim

Die von Michael Schwindt erfundene Rettungsinsel.

Jahrelang ging Michael Schwindt in den Werkstätten am Römerring ein und aus, tüftelte dort so lange, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Herausgekommen ist der „Rescue-Star“, eine Rettungsinsel, die zum Beispiel gekenterte Flüchtlinge im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten kann.

Das System ähnelt einem umgedrehten Regenschirm mit einem Schwimmkörper an der Spitze, wird vom Kran des Schiffes zu Wasser gelassen, wo sich sternförmig sechs Aluminiumarme ausbreiten. Zwischen den Ausläufern ist ein Netz gespannt, in das sich bis zu vier Schiffbrüchige hineinlegen können, ehe der Rescue-Star mit dem Kran wieder an Bord gehievt wird. Nach den Worten ihres Erfinders hat die Rettungsinsel gegenüber den bisherigen Verfahren einen entscheidenden Vorteil, weil die Menschen im Liegen geborgen werden können.

4. Der Ringelsocken-Erfinder

Noch heute ein Renner: Ringelsocken

Zugegeben, in diesem Fall ist es nicht die Erfindung, die aus der Region kommt, sondern der Erfinder. Trotzdem hat es einen Platz in dieser Liste verdient: Denn niemand wäre wohl auf die Idee gekommen, dass Gustav-Heinrich Pätzmann, der Erfinder der Ringelsocken in Bockenem das Licht der Welt erblickte.

„In den Kirchenbüchern ist zu lesen, dass der besagte Erfinder am 1. Dezember 1826 in Bockenem geboren wurde“, berichtet Stadtarchivar Gert-Achim Sander. Der Experte in Sachen Stadtgeschichte weiß auch, dass der Ringelsocken-Schöpfer 1840 nach Sachsen ausgewandert ist. Dort baute Pätzmann 1851 schließlich eine große Fabrik auf, lieferte Textilien und eben Ringelsocken in alle Welt. „Er muss damit Millionen gemacht haben“, ist sich Sander sicher. Seine Vaterstadt hat Gustav-Heinrich Pätzmann aber niemals vergessen. Nachdem er im Juni 1909 in Dresden verstarb, vermachte er den Bockenemern 5000 Mark.

5. Eine unknackbare „Pflaume“

Eine kleine

Hans-Joachim Bentz ist ehemaliger Mathematik-Professor von der Uni Hildesheim. Doch statt Ruhestand heißt es für ihn Start-up. Er will einen Computer zu bauen, der ähnlich tickt wie das menschliche Gehirn. Schlüssel dazu ist ein kleines Bauteil: Eine Art USB-Stick, mit dem er Daten so verschlüsseln kann, dass es unmöglich ist, sie zu knacken, den Plum (Englisch für Pflaume).

Seit anderthalb Jahren ist er in Hildesheim am Start, um diesen Plum zu bauen. Doch noch fehlt ihm das Geld, um den neuen Rechner zu entwickeln. „Eine Simulation der assoziativen Struktur läuft bereits auf einem herkömmlichen Computer.“ Unter diesem Link kann man sich das Programm herunterladen.

5. Das krachende Klo

Geldstück rein und dann kracht’s zusammen.

Moderator Jürgen von der Lippe macht einen Scherzartikel aus Hildesheim 1995 bundesweit bekannt – und plötzlich wollen alle das krachende Klo von der Lebenhilfe. Beim Besuch des Hildesheimer Weihnachtsmarktes bekam sich von der Lippe damals gar nicht mehr ein vor lauter Lachen. Kaum hatte er nämlich ein Fünf-Mark-Stück in den Schlitz des Häuschens geworfen, da flogen ihm die sechs Einzelteile im wahrsten Sinne des Wortes auch schon um die Ohren. Am Boden der Explosiv-Spardose war nämlich eine Mausefalle installiert. „Das ist was für meine Show“, meinte Spaßvogel von der Lippe und legte anstandslos die 19,50 Mark auf die Theke. Drei Wochen später dann der Anruf vom Westdeutschen Rundfunk: In der Sendung „Geld oder Liebe“ wird am Sonnabend die Spardose samt Bezugsquelle vorgestellt.

Was dann passierte, übertraf alle Erwartungen. Pausenlos klingelte bei der Lebenshilfe das Telefon, im Laufe einer Woche gingen Bestellungen aus ganz Deutschland am Römerring ein. Eine Krisensitzung jagte nun bei der Lebenshilfe die andere. Wie sollte die gigantische Nachfrage innerhalb kürzester Zeit befriedigt werden? Am Ende wurde die Produktion in der Behindertenwerkstatt so umgestellt, dass innerhalb kürzester Zeit 10.000 dieser Scherzartikel hergestellt werden konnten.

6. Der „Jetlev-Flyer“

Flug mit einem Jetlev-Flyer mit Testpilot Fraizier Grandison vor dem Dubaier Hotels Atlantis The Palm.

Es ist kein Flugzeug, kann aber fliegen, es ist kein Boot, kann aber schwimmen. Sicher ist nur, der „Jetlev-Flyer“ ist bei seiner Premiere 2011 ein komplett neuartiges Fluggerät. Und: Der „Jetlev-Flyer“ ist ein Produkt „made in Hildesheim“. „Mein erster Wasser-Flug war Anstrengung pur“, sagt Matthias Otto, aber auch „Spaß pur“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Eigentlich baut Otto, Chef der gleichnamigen Hildesheimer Maschinenbau- und Elektronik-Firma, vorrangig Spezialprodukte in Kleinserien. Er sei aber sehr stolz darüber, dass es ihm mit seiner Hildesheimer Firma gelungen ist, nach fast zehn Jahren erfolgloser Versuche anderer den „Jetlev“ endlich zum Fliegen zu kriegen. Matthias Otto: „Solche Probleme zu lösen, finde ich gut.“

7. Das Kartenspiel „17 Kronen“

Zwei Jahre lang

Hätte es ein Kartenspiel wie „17 Kronen“ vorher schon gegeben – Nicole Eckert-Petkovic und Mladen Petkovic hätten es garantiert gekauft. Doch da es das Spiel noch nicht gab, haben sie es kurzerhand selbst erfunden. Das Grundprinzip: Die Spieler sichern sich Karten durch Zusammenzählen oder Abziehen der Zahlenwerte. Und wer die Zahlen noch nicht kennt, kann ersatzweise die aufgedruckten Tierchen zählen und kommt so auch zum Ziel.

Mit einem Designer wurden die Kartenmotive ausgetüftelt, 10 000 Kartenspiele wurden ausgeliefert. „Entweder wir werden jetzt Marktführer“, sagt Eckert-Petkovic und ergänzt lachend: „Oder wir haben ein Leben lang Geschenke für alle Verwandten, Freunde und Bekannten.“

8. Eine Erfindung für die Tonne

Christian Gentemann und sein WastePad

Wenn der Biomülleimer gut gefüllt ist, fängt er in der Regel an zu müffeln. Doch das muss nicht sein, wie Christian Gentemann weiß. Der Mann hat das WastePad entwickelt, eine Art Schwamm für die Biotonne. Es saugt nicht nur unangenehme Flüssigkeiten auf, es verströmt zudem einen angenehmen Geruch.

Der Prototyp ist fertig, aber noch nicht auf dem Markt. Das soll sich aber in naher Zukunft ändern. In der Praxis hat sich das WastePad schon bewährt. Alle Mitglieder der Familie Gentemann nutzen es und haben geruchstechnisch keine Probleme mehr mit dem Biomülleimer in der Küche.