Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Alte Fahne taucht auf – und erinnert an Aufstand in Lamspringe

Veröffentlicht von Alexander Raths am 13.02.2018.

Lamspringe - Heimatforscher Axel Kronenberg wollte eigentlich nur Fotos von einst im Lamspringer Heimatmuseum sortieren – doch da stieß er auf ein seltsames Paket. In einer Ecke fand er eine eingewickelte Fahne aus dem deutschen Revolutionsjahr 1848, als sich Teile des Volks gegen Könige, Adel und die Obrigkeit erhoben – auch in Lamspringe. Am Ende wurden 20 Männer mit monatelanger Zwangsarbeit oder Gefängnis bestraft. Die Fahne soll nun restauriert werden und einen gebührenden Platz im Archiv im Lamspringer Rathaus oder im Refektorium des Klosters bekommen.

Diesen historischen Raum schmückt bislang eine Kopie der rot-gold-schwarzen Fahne. Das Original schien seit Jahrzehnten verschwunden. Als das Lamspringer Heimatmuseum Anfang der 1980-er Jahre entstand, geriet die Fahne offenbar in Vergessenheit. Bis Kronenberg aus Zufall dieses Relikt der Revolution fand. Ein Zeugnis, gestiftet von Lamspringer Frauen, die eine Fahne für die Bürgerwehr anschafften. Ein Symbol, das an die Aufstände vor 170 Jahren erinnert. Damals, als allein in Berlin 183 Menschen im Laufe der Unruhen von regierungstreuen Truppen getötet wurden.

Mit Gewalt gegen die Obrigkeit

Auch im Raum Hildesheim gingen die Menschen gewaltsam gegen die alte Ordnung vor – verhasst war vor allem der 42 Jahre alte Advokat Joseph Zeidler. Der galt als typischer Vertreter der Oberschicht, die althergebrachte Vorrechte genoss. Die Aufständischen machten sie für ihre ärmlichen Lebensbedingungen verantwortlich. Unter anderem forderten die Demonstranten günstigere Pachtpreise. Am 21. März 1848 versammelten sich mehr als 100 Menschen in der Hauptstraße. Die Unruhen erfassten auch den Klosterhof. Es flogen Steine, etliche Fenster gingen zu Bruch. Eine Frau wurde durch Holzsplitter verletzt. Die Behörden griffen hart durch und schickten die Männer, allesamt Handwerker, hinter Gitter.

Einige Lamspringer gründeten zudem eine Bürgerwehr, um mit ihr für Ordnung zu sorgen und die Behörden zufriedenzustellen. Die Wehr statteten Frauen aus dem Ort mit der Fahne im demokratischen Rot-Gold-Schwarz aus. Eine heutzutage ungewohnte Reihenfolge der Farben, was im 19. Jahrhundert aber durchaus vorkam. Die Lamspringer Fahne trägt auf der einen Seite in der Mitte ein Lamm mit dem Stab des Klosterabtes zwischen den Beinen, als Symbol für den Ort. Auf der anderen Seite prangt eine Hopfenpflanze – sie symbolisiert die Arbeit der Bierbrauer im Flecken, die dort im 19. Jahrhundert Gerstensaft zubereiteten.

Relikt soll gerettet werden

Das Schaustück aus Seide ist beschädigt, die Nähte sind teilweise verschlissen. „Wir werden das reparieren lassen“, verspricht Bürgermeister Andreas Humbert. Der zeigt sich hellauf begeistert von dem Überraschungsfund. „Dass die Farben der Fahne auch nach all den Jahren noch so intensiv sind, ist wirklich beeindruckend.“

Das sieht Kronenberg genauso, der nun auf großzügige Geldgeber hofft. Die könnten helfen, das Fahnentuch wiederherzurichten. Aber dies wird wohl kostspielig. Kronenberg und die Gemeinde rechnen damit, dass man für die Restauration wohl einige tausend Euro aufbringen muss.