Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Am TfN spricht der Figaro Deutsch

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 10.09.2018.

Hildesheim - Jeder Opernfreund kennt Wolfgang Amadeus Mozarts Dauerbrenner „Die Hochzeit des Figaro“. So könnte man jedenfalls denken. Denn was Generalmusikdirektor Florian Ziemen dem Publikum am Theater für Niedersachsen (TfN) vorstellt, ist eine Rarität. Anstelle des italienischen Originals hört man Deutsch und gesprochene Rezitative. Der GMD hat die Fassung von Christian August Vulpius und Adolph Knigge ausgegraben. Eigentlich sind es zwei Versionen, die irgendjemand irgendwann miteinander verbunden hat. Auf Vulpius gehen die Dialoge zurück, auf Knigge die eingedeutschten Arien. Mozarts „Opera buffa“ ist zum „Singspiel“ geworden. Hat das Sinn?

Für Ziemen gibt es darauf ein klares Ja. „Sehr viele haben früher das Stück in dieser Fassung kennengelernt, und zwar meist durch Wanderbühnen“, erläutert er. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein habe sich diese Oper als deutsches Singspiel großer Beliebtheit erfreut. „Eine so beständige Übersetzung aus Mozarts Zeit, aus der gleichen geistigen Ära, verstärkt die Kraft des Stücks“, glaubt Ziemen. Außerdem sei es jetzt eine halbe Stunde kürzer, darum „knackiger, rasanter und mitreißend nicht bloß für Figaro-Eingeweihte“.

Sinnliche Direktheit

Auch Regisseur Wolfgang Nägele ist von der „sinnlicheren Direktheit“ dieser Fassung überzeugt. Der 35-Jährige kommt gerade aus Salzburg, wo er mit Hans Neuenfels „in einer Mischung aus Dramaturgie und Regiemitarbeit“ die Tschaikowsky-Oper „Pique Dame“ zur Premiere brachte. Beim „Figaro“ als einem „relativ komplizierten Verwicklungsstück“ verpasse man jetzt die Wendungen auf der Bühne nicht, weil keine Übertitel von Tändeleien und Verkleidungen ablenken. Das frivole Stück, im Original von Lorenzo Da Ponte nach Beaumarchais geschrieben, gilt mit seiner gegen den Adel gerichteten Ironie als gesellschaftskritisches Furioso.

„Von Da Pontes Bissigkeit ging viel verloren“, meint der Regisseur. „Aber im Deutschen ist das Beziehungsgeflecht der Figuren vielschichtiger und zugespitzter.“ Die Oper habe eine zutiefst humanistische Botschaft: „Menschsein ist ohne Verzeihung nicht möglich.“ Figaros berühmte Militärarie sei auf Deutsch viel deutlicher ein Antikriegslied, ergänzt Ziemen. „Knigge hatte als Philosoph eigene aufklärerische Vorsätze“, betont der Musikchef.

Ringen um den Ausdruck

Auf der Probe sind die beiden in Detailfragen manchmal uneins und ringen um den richtigen Ausdruck einer Figur. Im produktiven Für und Wider finden sie einen Konsens. Nägele, der auch Erfahrungen im Sprechtheater hat, probt die Dialoge so intensiv wie bei einem Schauspiel. Da ist sogar die Betonung einzelner Worte wichtig – auch für den musikalischen Leiter. „Die Figuren müssen nach dem Dialog wieder in die Musik finden“, erläutert Ziemen.

Während beide beim Text deutlich gestrichen haben, sei musikalisch wenig verändert. Die für Telemanns „Orpheus“ in der vergangenen Spielzeit angeschafften Barockbögen kommen bei den Streichern teilweise erneut zum Einsatz. Dazu gibt es geliehene Barockpauken, um den Mozart-Stil nachzuempfinden. Dieser quasi historischen Aufführungspraxis verdankt sich auch die Besetzung des Bärbchens aus dem TfN-Jugendchor. Ziemen: „Bei der Uraufführung sang eine Zwölfjährige die Barbarina, bei uns ist sie 13.“

Die Historie lieferte auch den Anstoß fürs Bühnenbild. „Wir haben wie die Wanderbühnen mit einfachen, aber wirksamen Mitteln gearbeitet“, so Nägele. Für ein Theater, das Abstecher-Orte anfährt, sind weniger aufwändige Einzelteile obendrein eine praktische Lösung.

Karten für die Premiere am Samstag, 15. September, um 19 Uhr kosten von 12 bis 36 Euro und sind im TicketShop der HAZ in der Rathausstraße, im Stadttheater und unter 16 93 16 93 erhältlich. Weitere Vorstellungen in diesem Monat sind am 19. und 24. September.