Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Aus dem Olympiacamp als Lehrer in ein südafrikanisches Armenviertel

Veröffentlicht von Ulrich Hempen am 13.08.2019.

Sarstedt - Zwei kleine Fußballer geraten während der Abschlussfeier des Olympiacamps im Ebert-Stadion plötzlich aneinander. Was der Auslöser des Konflikts zwischen den Siebenjährigen ist, lässt sich kaum mehr nachvollziehen – aber die Wut der Zwei ist groß: Schreierei, angedeutete Tritte. Michelet Köhler, Betreuer der Fußballgruppe im Camp, sieht es und geht dazwischen. Er trennt die Streithähne, macht keine großen Worte. Dann schickt er das eine Kind ein paar Meter weg. Erst als sich beide beruhigt haben, holt Köhler sie zu sich. Er beginnt ein Gespräch und nimmt seine Schützlinge ins Gebet. Vorher wären sie ohnehin nicht aufnahmebereit gewesen.

Michelet Köhler ist 19 Jahre alt und der Betreuer-Job im Olympiacamp eine seiner letzten Aktionen in Hildesheim, bevor für ihn ein großes Abenteuer beginnt. Er geht für ein Jahr nach Südafrika in eine Township. Dahin, wo sozial schwache Menschen leben. 14 000 Kilometer entfernt von Deutschland will er in einer Schule in Jeffreys Bay am Indischen Ozean Freiwilligendienst leisten und Erst- bis Siebtklässler unterrichten – hauptsächlich im Fach Sport. Der Freiwilligendienst in dem Armenviertel ist ein entwicklungspolitisches Programm, das sich „Weltwärts“ nennt. Es wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ins Leben gerufen, soll zur Völkerverständigung beitragen und Menschen aus sozialen Berufen fördern.

Auf Haiti geboren

Köhler hat in diesem Frühjahr sein Fachabitur an der Elisabeth-von-Rantzau-Schule abgelegt; Themenschwerpunkt: Gesundheit und Soziales. Viele dürften ihn selbst für einen Afrikaner halten, weil er schwarz ist. Aber nicht jeder Schwarze stammt aus Afrika. Köhler ist auf Haiti geboren und wurde von seiner leiblichen Mutter 2004 gemeinsam mit seinem kleineren Bruder Gimel (heute 17) zur Adoption freigegeben. „Wohl aus Not“, vermutet Michelet.

Ute und Volker Köhler aus Sarstedt adoptierten ihn, zusammen mit Gimel. Die Brüder wuchsen bei dem Ehepaar auf. „Klar, sage ich Mama und Papa. Es sind meine Eltern!“

Ihn als Schwarzen oder seine Hautfarbe als schwarz zu bezeichnen, sei okay, meint er. „Neger geht gar nicht. Farbig findet Köhler nur halb-gut. „Ich bin schwarz.“ Er hat schon Alltagsrassismus erlebt. Und wenn es nur die Blicke mancher Leute sind. Richtig genervt haben ihn Erfahrungen während eines Praktikums im Krankenhaus, das er für die Praxisausbildung an der Fachoberschule absolvierte.

„Wo kommst du her?“

„Wo kommst du her?“, fragten ihn die Patienten ständig. „Aus Sarstedt“, antwortete Köhler dann. „Nein, wo du richtig herkommst?“, bohrten die Patienten weiter. „Aus Sarstedt bei Hildesheim.“ So ging das eine Weile hin und her – bis Köhler griffig meinte: „Aus Sarstedt, Niedersachsen, Deutschland, Erde.“ Auch wenn die Fragen nicht böse gemein waren, fühlte sich der 19-Jährige dadurch immer wieder auf seine Hautfarbe reduziert.

In Sarstedt, in seiner Siedlung gibt es das nicht. Da gehört Köhler dazu. „Meine Eltern wohnen in Nachbarschaft mit vielen gebildeten Leuten. Das klingt vielleicht doof, aber es gibt wahrscheinlich andere Viertel, in denen ich mehr Probleme gehabt hätte.“ Offen angefeindet worden ist er abends auf der Straße noch nie. „Vielleicht liegt das an meiner Statur“, sagt Köhler. Er wirkt selbstbewusst, ist mit seinen 1,93 Meter nicht gerade klein, dazu durchtrainiert. Der Mann ist ein guter Läufer des TKJ Sarstedt und trainierte früher am Olympia-Stützpunkt Hannover. Zudem spielt er Fußball, hat Basketball, Breakdance und Kanu-Fahren ausprobiert.

Er erwartet Rassismus

Deutlicheren Rassismus erwartet er in Südafrika. „In Deutschland wird versucht, zu integrieren. Unsere Gesellschaft verfolgt diese Politik – auch, wenn das nicht allen passt.“ In Südafrika sei das ganz anders. „Dort gibt es immer noch die Apartheit, eine Rassentrennung.“ Obwohl sie politisch schon überwunden schien.

Außerdem sind sich dort die Schwarzen untereinander nicht einig. Die Kolonialmächte haben einst willkürliche Grenzen gezogen, ohne auf lokale Befindlichkeiten der Ureinwohner Rücksicht zu nehmen. „Es ist bis heute ein Problem, dass sich manche Stämme nicht riechen können, die gemeinsam in einem Staat leben“, sagt Köhler. „Das macht auch eine gemeinsame Interessenvertretung aller Schwarzen so schwer.“

Für einen 19-Jährigen argumentiert Michelet Köhler erstaunlich reflektiert. Er wurde gut auf seine Reise vorbereitet, hat sich über den Sportverein ASC Göttingen für das Projekt beworben. Der Klub ist Partner des Weltwärts-Programmes. „Der ASC hat einen sehr guten Ruf. Nach mehreren Auswahlverfahren wurde ich genommen.“

Was erwartet ihn in Jeffreys Bay?

Köhler ist neugierig, was ihn in Jeffreys Bay erwartet: „Ein fremdes Land, neue Regeln – vor allem keine deutschen Regeln wie echte Pünktlichkeit.“ Gesprochen wird englisch. „Vielleicht lerne ich ein bisschen deren Khoisan-Sprache, das ist die mit den Klick-Lauten. Total schwer.“ Ohnehin möchte er viel lernen und Erfahrungen sammeln.

„Ich arbeite gern mit Kindern und Jugendlichen“, sagt er. Köhler glaubt, dass er für die Township-Kinder ein echter Exot sei. „Denen wird ein deutscher Lehrer angekündigt, und dann ist der tiefschwarz. Bin mal gespannt, wie die reagieren.“ Wahrscheinlich wird es ähnlich sein, wie im Hildesheimer Olympiacamp. Da fahren die Fußball-Kinder auf ihn ab. Der kleine Luan hängt ständig an Köhlers Armen, genau wie Tristan, Benno, Felix und die anderen.