Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Bleibt Hildesheim Rüben-Region?

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 14.09.2018.

Kreis Hildesheim - Ab Samstag rollen sie wieder über die Straßen im Landkreis: die Rübentransporte – die Kampagne in Clauen beginnt, am nächsten Mittwoch in Nordstemmen. Doch wie sieht es damit in Zukunft aus? Ein Interview mit Helmut Bleckwenn.

Landwirt Helmut Bleckwenn

Herr Bleckwenn, heute Nacht hat es geregnet. Wird jetzt alles gut auf dem Acker? -
Bleckwenn: Fantastisches Wetter, nicht wahr? Allerdings waren das ja nur neun Millimeter. Damit die Rübe wirklich etwas davon hat, bräuchten wir mehr und kontinuierlichen Regen.

Das jetzt bringt noch nichts? -
Immerhin könnte es das Roden etwas leichter machen, wenn der Boden ein wenig aufgeweicht wird. Die Rübe selbst profitiert noch nicht.

Muss sie das überhaupt? Schließlich sind die Zuckerrüben von allen Feldfrüchten noch am besten durch die Dürre gekommen ... -
Das stimmt. Sie kann sich besser darauf einstellen als andere Pflanzen, treibt ihre Wurzeln bei Bedarf zwei Meter tief in die Erde. So kann sie auch extrem lange Trockenphasen überstehen.

Sollte man vielleicht künftig mehr Rüben in der Region anbauen? -
Das geht ja nicht so einfach. Die Rübe sollten Sie auf einer Fläche nur alle vier Jahre anbauen, sie brauchen die Fruchtfolge schon wegen der Bodengesundheit. Hier in der Börde machen wir auf vielen Feldern schon alle vier Jahre Rüben. Mehr ist nicht sinnvoll.

Andererseits stellt sich angesichts sinkender Zuckerpreise auf dem Weltmarkt, folglich sinkender Preise für Ihre Rüben und der Diskussion über die Reduzierung des Zuckergehalts in Lebensmitteln vielleicht eher eine ganz andere Frage: Werden in der Region in zehn Jahren überhaupt noch Zuckerrüben angebaut, zumal jetzt schon viele Landwirte klagen, der Anbau lohne sich kaum noch? -
Ich hoffe es sehr. Aber ganz ehrlich: Mit Sicherheit kann man das nicht sagen. Ich warne aber Kollegen davor, allzu leichtfertig den Anbau aufzugeben. Die Rübe ist seit 150 Jahren in der Region zu Hause und hat den Landwirten gute Einnahmen und vielen Menschen Arbeit gebracht. In den Zuckerfabriken steckt das Vermögen der Bauern, auch die im Verhältnis zur Betriebsgröße oft recht ansehnlichen Höfe in den Dörfern hier gründen darauf.

Die Rüben fürs Nordstemmer Werk kommen aus einem Gebiet von Bremen bis Göttingen, die für Clauen aus dem Raum Hannover/Hildesheim/Braunschweig

Dafür kann man sich heute nichts mehr kaufen. -
Aber wir können daraus mitnehmen, dass es sich lohnt, Durststrecken durchzuhalten. Mein Großvater hat erzählt, dass es früher auch in manchen Jahren schwierig war, die Landwirte zur Zuckerrübe zu motivieren. Aber wenn die Zuckerfabriken nicht mehr genug Rüben bekommen, lohnt sich der Betrieb nicht mehr, dann machen sie irgendwann zu, dann ist es vorbei.

Noch vor Kurzem hieß es, bei geringeren Erträgen wie in diesem Jahr steigen die Rübenpreise, die Nordzucker zahlt – weil das Angebot knapper ist. So glich sich vieles aus. Das gilt nicht mehr? -
Das stimmt, und das ist ein Problem für uns. Wir haben im Moment schlechte Erträge und schlechte Preise, weil wir nach dem Auslaufen der Zuckermarktordnung der EU komplett am Weltmarkt hängen. Das ist schwierig, denn unsere Erlöse werden dadurch sehr stark schwanken und damit auch unsere Investitionsfähigkeit.

Wenn es weltweit zu viel Zucker gibt, kann das teure Produzenten wie die Deutschen also zum Aufgeben zwingen. Wäre das nicht die logische Konsequenz und für den Verbraucher, der den Zucker am Ende kauft, im Zweifel sogar gut? -
Finde ich nicht. Es wäre ärgerlich, weil es hier ein Wirtschaftsfaktor ist, weil Landwirte, Zuckerhersteller und Forschung hier eng und auf hohem Niveau zusammenarbeiten. Und es wäre unredlich, weil der Zucker in Indien und Brasilien sicher nicht unter besseren Arbeits- und Umweltbedingungen produziert wird und obendrein hierher transportiert werden müsste – also das Gegenteil von dem, was man von uns verlangt.

Was also tun? -
Ich wünsche mir da schon mehr Unterstützung von der Politik – in Deutschland und Europa.

Was soll die machen? Ihnen Glyphosat und Co. nicht verbieten? -
Es gibt mehrere Aspekte. Wenn die Gesellschaft mehr Ökologie auf den Feldern will, ist das okay. Dann setzen wir das um. Dann müssen aber zumindest EU-weit gleiche Bedingungen herrschen, aber das hat unsere neue Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ja leider schön versemmelt.

Wieso? -
Nehmen wir das Verbot sogenannter Neonikotinoide als Pflanzenschutzmittel. Das hat sie ganz stolz verkündet, wohl weil sie meinte, das sei etwas, was die Mehrheit gern hört. Und was passiert? In Ungarn, Rumänien, der Slowakei, vermutlich auch in Polen und Belgien gibt es Ausnahmeregelungen. Ich stelle mich ja gern dem Wettbewerb, aber dann müssen die Rahmenbedingungen überall gleich sein.

Kernargument für das Verbot ist der Schutz der Bienen. -
Und wissen Sie was? Das ist ja auch gar nicht unberechtigt. Bei Blühpflanzen kann ich das Verbot nachvollziehen. Aber Rüben sind keine Blühpflanzen, die werden von Bienen nicht angeflogen, da könnte man Neonikotinoide problemlos weiter einsetzen. Das Problem mit Politikern wie Frau Klöckner ist, dass sie nicht genug auf Fachleute hören, nicht genug differenzieren.

Selbst wenn die Bedingungen in der EU gleich wären, blieben die großen außereuropäischen Hersteller-Länder, die günstiger produzieren können. -
Dann muss man eben zum Beispiel über wirkungsvollere Schutzzölle nachdenken! Wenn die Gesellschaft eine veränderte Landwirtschaft will, sind viele Landwirte sehr wohl zu Veränderungen bereit. Aber dann muss man ihnen auch die passenden Rahmenbedingungen bieten. Sonst sind die kleinen Betriebe die ersten, die sterben. Und gerade das will man doch nicht. Also wirklich, gern mehr Umweltschutz – aber das muss der Gesellschaft dann auch etwas wert sein.

Also am Ende wollen Sie dann doch mehr Geld vom Staat? Da werden viele sagen, die Bauern kriegen doch schon die Flächenprämien von der EU, was denn noch? -
Nein, ich will nicht, dass mein Einkommen überwiegend aus Steuergeld bezahlt wird. Ich will auch nicht mehr Subventionen haben. Aber ich will in einem Wettbewerb mit fairen Rahmenbedingungen wirtschaften. Die Offenheit ist doch da! Die Landwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schon massiv bewegt und kann das auch weiter tun.

Morgen beginnt die Zuckerrübenkampagne im Werk Clauen, nächsten Mittwoch in Nordstemmen. Für viele Menschen bedeutet das vor allem, dass sie in kleinen Staus hinter Rübentransporten warten müssen. Mal ehrlich – wenn Sie im Auto hinter so einem Gespann sitzen und es eilig haben: Sind Sie dann auch mal genervt? -
Nein, wirklich nicht. Weil ich weiß, dass das ein Wirtschaftsgut ist, das da transportiert wird. Außerdem hat sich auch da schon viel verbessert, die Transporte sind größer und besser organisiert. Früher ist doch jeder morgens um 7 Uhr mit seinem Sieben-Tonnen-Anhänger zu Hause losgetuckert, von den Emissionen will ich gar nicht erst reden ... Ich denke, das ist heute wirklich auszuhalten.