Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Bleistifthaus: Besetzer räumen das Feld

Veröffentlicht von Rainer Breda am 01.08.2018.

Hildesheim - Am Bleistifthaus haben sich am Mittwoch die Ereignisse überschlagen. Am Ende steht der freiwillige Rückzug der Besatzer – fast genau zwei Wochen, nachdem sie das Gebäude am Marienfriedhof in Beschlag genommen hatten.

Dabei sendet die Initiative „Freiräume Hildesheim“ am frühen Morgen noch ganz andere Signale aus: In einer Pressemitteilung gegen 8 Uhr berichtet die Gruppe vom Besuch einer SPD-Delegation am Abend zuvor und der folgenden Jubiläumsparty, die Besetzung geht schließlich in die dritte Woche. Auch die Aufforderung der FDP, das Gebäude freizugeben, kommt in der Presseerklärung zur Sprache: Man habe „schallend“ darüber gelacht.

Und so bekommt auch ein Vertreter des Baudezernats der Uni einen Korb: Er erscheint am Mittwoch vor dem Haus, fordert den sofortigen Abzug der Aktivisten, droht andernfalls „mit weiteren Maßnahmen“, wie die Besetzer gegen 11 Uhr im Internet berichten. Der Ton ihrer Nachricht wirkt trotzig, jedenfalls nicht beunruhigt. Glauben sie nicht, dass die Uni ernst macht?

Die Hochschule hatte das Bleistift-Haus für ein Projektsemester bis Ende Juli gemietet, sie müsste es zum Mittwoch an Peter Seide übergeben. Der Wirtschaftsprüfer aus Hannover hatte bereits vor Tagen klar gemacht, das Gebäude nur geräumt zurückzunehmen: Für jeden Tag nach dem 31. Juli will er Regress verlangen. Die Hochschule müsste sich das Geld als öffentliche Einrichtung von den Besetzern zurückholen. Aber so weit will es die Uni-Spitze gar nicht erst kommen lassen, macht sie den „Freiräume“-Leute in der vergangenen Woche deutlich.

Öffentlich schweigt Uni-Präsident Professor Dr. Wolfgang-Uwe Friedrich mehr oder minder in der Angelegenheit. Hintern den Kulissen aber bringen seine Verhandler die Aktivisten zum Einlenken: Ende letzter Woche sagt die Gruppe der Hochschule zu, das Gebäude in der Nacht zum 1. August zu verlassen.

Doch die „Freiräume“-Aktivisten rücken davon ab, wie sich am Mittwoch zeigt. Also handeln die Verantwortlichen der Hochschule. Erstatten am Mittag erst Anzeige wegen Hausfriedensbruch bei der Polizei, schaffen damit die rechtliche Voraussetzung für eine Räumung. Dann lassen sie Strom und Wasser abstellen. Auf einmal kommt Bewegung in die Sache.

Um 17 Uhr verkündet ein „Freiräume“-Sprecher bei einer Kundgebung nach „reiflicher Überlegung und ziemlich anstrengender Diskussion bei Abwägung aller Fakten und Gefühle“ den Rückzug. „Selbstbestimmt“, betont der Mann. Die Forderung nach einem unabhängigen Begegnungszentrum bleibe bestehen. „Wir verlassen das Bleistifthaus, aber nicht Hildesheim.“ Doch bei der Hitze hätten sich die Besetzer nicht vorstellen können, ohne Strom und Wasser „weiter so viel Energie und Liebe“ in das Gebäude zu stecken – zumal dessen Belagerung drohe. Das Haus ist zu diesem Zeitpunkt bereits leer. Auch die meisten Besetzer – teilweise hielten sich bis zu 50 Frauen und Männer darin auf – sind abgezogen. Etwa zehn wirken bei der Kundgebung mit, einige halten Transparente hoch, rund 40 Menschen hören dazu. Nach einer knappen Stunde brechen rund 50 Frauen und Männer vom Bleistifthaus zu einer Demonstration auf, ziehen zum Bahnhof und vor das Rathaus.

Die Uni sei durch das Verhalten der Besetzer gezwungen gewesen, Anzeige zu erstatten, betont Präsident Wolfgang-Uwe Friedrich gegenüber der HAZ. Diese hätten ihrer Zusage nicht eingehalten, Hausbesetzung sei ein Rechtsbruch. Die Hochschule begrüße es, wenn sich ihre Mitglieder auf legalen Wegen an der Stadtentwicklung, etwa im kulturellen Bereich, beteiligen. „Es wäre eine Ironie der Geschichte, wenn durch eine illegale Hausbesetzung die Fortsetzung unseres kulturpolitischen Konzepts künftig nicht mehr möglich wäre, weil uns niemand mehr eine Immobilie vermieten würde.“