Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Boxen: Erst wird gecastet, dann gibt es auf die Nuss

Veröffentlicht von Ulrich Hempen am 14.11.2017.

Hildesheim - Boxen ist halbseiden. Boxen ist nur Show. Beim Boxen wird manipuliert. Sagen die Kritiker.

Boxen ist auch ziemlich faszinierend. Zwei Sportler im Ring bekämpfen sich mit Fäusten – ursprünglicher geht es nicht. Irgendwie ist es Sport in Reinkultur, also Kampfsport in Reinkultur.

Aber das Boxen steckt hierzulande mal wieder in der Krise. Mitte der 1990er Jahre, als sich Halbschwergewichtler Henry Maske und Schwergewichtler Axel Schulz noch durch die Reihen kämpften, war der gepflegte Faustkampf die drittbeliebteste TV-Sportart Deutschlands. Regelmäßig schaltete sich ein Millionenpublikum ein. 18 Millionen sahen 1995 den WM-Kampf zwischen Schulz und Frans Botha. Lang ist es her. Derzeit fehlt in vielen Kämpfen schlichtweg das Niveau.

„Wir brauchen wieder mehr richtig gute Boxer in Deutschland. Vorbilder, die es ganz nach oben schaffen“, sagt Karl-Heinz Wolpers. „Das bringt unseren Sport nach vorn.“ Wolpers ist Hildesheimer, genauer gesagt Ottberger. Er gehört als Manager mit zum Profi-Team des Ex-Weltmeisters Marco Huck. Dieses Team hat sich auf die Fahne geschrieben, Talente zu suchen, zu finden und zu fördern. Angefangen wird mit der Suche am Freitag und Samstag während eines großen Events in der Volksbank-Arena Hildesheim. „Boxing for the Future“, lautet das Motto. Talente, oder die sich dafür halten, konnten sich im Vorfeld beim Team Marco Huck bewerben.

Sie werden am Freitagabend direkt in der Volksbank-Arena gecastet: Marco Hucks Trainer Varol Vekiloglu leitet gemeinsam mit einer Jury das Training. „Es haben sich viele Boxer aus der Region bei uns gemeldet, die sich vorstellen wollen“, sagt Karl-Heinz Wolpers aus dem Huck-Team.

Die besten acht Casting-Teilnehmer von Freitag steigen dann am Samstag vor den eigentlichen Hauptkämpfen in den Ring – zu sehen gibt es dabei vier Fights (je vier bis acht Runden). Wolpers: „Wenn ein echtes Talent darunter ist, nimmt Team Huck es als Profi unter Vertrag.“ Das mediale Interesse an der Veranstaltung kann sich sehen lassen. Der Bezahlsender Sky hat sich für Samstag angekündigt, dazu berichtet NDR 1 live im Radio.

Marco Huck, der selbst noch drei Jahre boxen will, und sein Team suchen aber nicht den schnellen Erfolg. Es soll nicht irgendein Box-Talent frühzeitig hochgejazzt werden, dessen Stern dann nach ein, zwei zweifelhaften Kämpfen wieder untergeht. Solche Versuche gab es in der Vergangenheit nämlich häufiger.

Das Publikum ist nicht doof

Als 1996 und 1999 die deutschen Heros Maske und Schulz ihre Karrieren beendet hatten, fahndeten Manager wie Wilfried Sauerland krampfhaft nach neuen Leuten, die die Lücke füllen können. Sie fanden aber – mit Ausnahme der ukrainischen Klitschko-Brüder – oft allenfalls mittelprächtigen Ersatz. Der wurde hochgejubelt, um die TV-Quote und die Werbeeinnahmen zu halten. Das Publikum merkte es, die Quote sank und das Interesse der Sender ebenfalls. Zudem „deutschten“ verschiedene Boxställe Athleten schnell ein. Aus dem Bosnier Adnan Catic wurde Felix Sturm – auch Marco Huck selbst hieß früher Muamer Hukic.

Huck, der jetzt in Bielefeld zuhause ist, will etwas für seine Sportart tun. Künftig sollen jährlich vier dieser Nachwuchs-Castings regelmäßig im südlichen Niedersachsen und in Ostwestfalen stattfinden: in Bielefeld, Halle, Braunschweig und eben Hildesheim.

Die Hauptkämpfe

Die Zuschauer in der Volksbank-Arena bekommen am Samstag nicht nur Talent-Boxen zu sehen. Ab 21.15 Uhr gibt es zunächst vier Profi-Kämpfe – auch zwei Frauen steigen in den Ring. Gegen 22.15 Uhr kommt es dann zum Hauptkampf. Der Braunschweiger Patrick Rokohl, genannt „The Patriot“, tritt im Supermittelgewicht gegen den Georgier Gary Abajyan an. Rokohl ist GBU-Weltmeister. „Die GBU ist zwar ein kleiner Verband, aber Rokohl ist ein gestandener Boxer“, verspricht Karl-Heinz Wolpers.