Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Brexit verteuert Sitzstock aus Algermissen

Veröffentlicht von Sebastian Knoppik am 11.02.2019.

Algermissen - Der drohende Brexit wird sich nicht nur negativ auf Großkonzerne wie Volkswagen auswirken, sondern auch auf kleine Mittelständler wie etwa das Algermissener Unternehmen Activera. Die Firma importiert Sitzstöcke aus Großbritannien.

Die besten Ideen kommen dem Algermissener Unternehmer Wotschke in der Nacht. Dann grübelt er mal wieder darüber nach, wie er eine seiner kleinen Probleme lösen kann. Der 52-Jährige ist halbseitig gelähmt – und braucht daher im Alltag viele Hilfsmittel. Wotschke recherchiert dann, ob es so ein Produkt schon gibt – und kauft dieses nicht nur für sich selbst, sondern vertreibt es auch gleich mit seinem Unternehmen Activera. Eines dieser Produkte ist der „Flipstick“ aus Großbritannien – eine Mischung aus Spazierstock und mobiler Sitzgelegenheit. „Wir waren vor 15 Jahren die Ersten, die das in Deutschland angeboten haben“, sagt Wotschke.

Die britische Sitzhilfe ist aber nicht nur etwas für körperlich eingeschränkte Menschen. Auch Festival-Besucher, Angler und sogar Teilnehmer des Christopher Street Day nutzen das Hilfsmittel. Bei dem Algermissener Unternehmen macht der „Flipstick“ inzwischen 15 Prozent des Umsatzes aus.

Mehr Kosten und Bürokratie bei ungeordnetem Brexit

Ob das nach dem Austrittsdatum 29. März immer noch so sein wird, ist derzeit noch völlig offen. „Keiner weiß, wie es nach dem Brexit weitergeht – am allerwenigsten die Engländer“, sagt Unternehmenschef Detlef Wotschke: „Auch hier kann mir das von der Industrie- und Handelskammer bis zum Außenwirtschaftsministerium niemand sagen.“

Im schlimmsten Fall – einem ungeordneten Brexit ohne Übergangsregelungen – würde Großbritannien künftig wie jedes andere Land außerhalb der EU auch behandelt. Dann würden nicht nur Zölle für den Import fällig. Die Mitarbeiter von Activera müssten außerdem auch viel mehr Formulare ausfüllen und weitere bürokratische Hürden überwinden, um weiterhin Produkte aus dem Vereinigten Königreich einzuführen.

Hamsterkäufe vor dem Austritt

Derzeit kosten die Flipsticks je nach Ausführung zwischen 36 und 65 Euro. Wotschke geht davon aus, dass in diesem Fall die Sitzstöcke rund 30 Prozent mehr kosten werden. Wotschke fragt sich, ob die Kunden dann überhaupt noch bereit sind, diesen Preis zu bezahlen. „Wir wissen nicht, wie die Kunden reagieren.“

Wotschke überlegt jetzt, noch vor dem Brexit den Flipstick-Jahresbedarf zu ordern und in Deutschland einzulagern. Das würde ihn eine hohe fünfstellige Investition kosten.

Ob dieses Risiko überhaupt notwendig ist, weiß der Unternehmer aber nicht. Es kann schließlich auch sein, dass es einen geordneten Brexit mit einer Übergangszeit gibt, in der die bisherigen Regelungen weiter gelten. Diese Ungewissheit ist nicht nur für Wotschke, sondern auch für viele andere Unternehmern in der Region ein Problem, wie Tilman Brunner, Abteilungsleiter bei der IHK Hannover erklärt: „Das ist das, was allen zu schaffen macht.“