Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Halle 39: Chris Tall bricht Tabus – und sucht Versöhnung

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 10.02.2019.

Hildesheim - Jede Minderheit habe ein Recht auf Diskriminierung, stellte Serdar Somuncu einst fest. Seine Lesereise konnte der selbsternannte „Hassprediger“ nur unter Polizeischutz und in kugelsicherer Weste beenden. Über Chris Tall hat sich einmal die Bundessprecherin der Grünen Jugend empört. Am Sonnabend trat der 27-jährige Gewinner des RTL Comedy Grand Prix in der ausverkauften Halle 39 auf.

Darf er das? Mit dieser Frage auf dem Merchandise tourt Tall durch die Republik. In seinem aktuellen Bühnenprogramm geht es um weibliche Polizisten („Kann ich nicht ernst nehmen“) und Veganer („das Allerletzte“), ums Furzen und ums Ficken. „Ich bin ehrlich, ich sage, was ihr denkt“, entschuldigt sich Tall im Lauf seines dreistündigen Auftrittes. Warum soll er das nicht dürfen?

Schlagfertig, mit Tabubrüchen

Tall ist weder ein unterirdischer noch herausragender Stand-Up-Comedian. Seine Aufwärmübungen mit austauschbarem Lokalkolorit („Scheiß auf Hildesheim, man ist immerhin schnell wieder draußen“) erfüllen ihren Zweck, im Umgang mit dem Publikum ist er schlagfertig („Halt die Fresse!“). Er animiert zu Wolle-Petry-Sprechchören und zitiert Tom Gerhardt („endlich normale Leute“), den Gerhard Polt des Privatfernsehens.

Ob sie schon einmal gebumst habe, will Tall von einer 14-jährigen Besucherin wissen. Er freut sich, dass er endlich mal nicht der Fetteste sei, meint er zu einem anderen. Für die Tabubrüche und Zoten auf Kosten des Publikums verteilt Tall am Ende T-Shirts und Feuerzeuge. Das beworbene Enfant terrible aus TV Total entpuppt sich als Tabubrecher mit Versöhnungsdrang. Spitzer als eine Anspielung auf Sebastian Edathy sind die Sprüche von Tall nie. Im Jahr 2019 sind solche Witze allerdings so alt, dass sie nicht einmal mehr den geschassten Ex-SPD-Politiker anmachen dürften. Schließlich zerrt Tall noch Busty Heart, die 2010 beim „Supertalent“ mit ihren Brüsten Konservendosen plattdrückte, aus der Mottenkiste.

Publikum kommt auf Kosten

„Mir ist egal, ob Du dick, dünn, schön, hässlich, schwarz oder weiß bist, in meiner Show ist jeder willkommen, und das wird auch so bleiben“, betont Tall am Ende unter Applaus und Streichern. Minderheiten kommen allerdings nicht zu ihrem Recht auf Diskriminierung. In „Und jetzt ist Papa dran“ geht es gegen Fitness-Nazi und Lesbianerinnen. Solche Sprüche sorgen nicht mal bei Gender Studies für Zornesfalten, höchstens für abfälliges Schnauben. Das Publikum von Chris Tall haut sich aber auf die Schenkel.

Klar „darf er das“ und dürfen die das. Die Masche von Chris Tall ist ebenso alt wie seine Witze. Trotzdem haut er auf die Kacke, als würde er die deutsche Medienlandschaft mit einem doppelzüngigen Vortrag über politische Korrektheit vor der AfD in Wallungen bringen. Das Publikum in Hildesheim kommt auf seine Kosten. Vor allem ist aber Chris Tall mit sich selbst zufrieden: „Ich fand den so geil, ich könnt‘ mich gerade selber ficken!“