Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Ermittler behalten Familienclans im Visier

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 14.09.2018.

Hildesheim - Zwei Wochen nach der Razzia im libanesisch-kurdischstämmigen Familienclan-Milieu in Hildesheim, Salzgitter und Hannover stehen noch entscheidende Gutachten zu den sichergestellten Schusswaffen aus. Gesucht hatten die Einsatzkräfte vor allem nach einem Elektroschocker, den die mutmaßlichen Täter bei einem Raubüberfall benutzt haben sollen.

Diesen fanden die Beamten nicht, dafür aber die erwähnten Schusswaffen. „Es ist aber nicht klar, ob wir sie auch Personen zuordnen können“, erklärt ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Braunschweig. Untersuchungen zu Fingerabdrücken und DNA-Spuren liefen noch. Gutachten sollen klären, ob die Waffen womöglich mit anderen Straftaten in Zusammenhang gebracht werden können.

Hildesheim besonders betroffen

Unterdessen hat Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius erst am Donnerstag im Landtag erneut bekräftigt: Die Sicherheitsbehörden gingen entschieden wie nie gegen kriminelle Clanstrukturen vor. „Das konsequente Vorgehen ist notwendig, weil das Agieren krimineller Clans ohne Frage eine Gefahr für die Innere Sicherheit darstellt“, sagte Pistorius. Zu den besonders betroffenen Regionen, die sich seit 2013 verstärkt bemühen, gegen die Clanstrukturen vorzugehen, gehört auch Hildesheim. Die hiesige Kripo-Chefin Birgit Thieme bestätigt: „Wir haben schon vor mehreren Jahren erkannt, dass es hier Familienclans gibt, die das deutsche Rechtssystem nicht akzeptieren wollen. Da haben wir seitdem ein Auge drauf.“

Sie bekräftigt: „Wir sensibilisieren alle Beamten, damit auch die Streifen im Bilde sind, mit wem sie es eventuell zu tun bekommen. Bei Straftaten und Ordnungswidrigkeiten greifen wir ein und arbeiten das ab – staubtrocken und konsequent.“ Es gehe nicht um die Brandmarkung einer bestimmten Personengruppe, sondern um die Identifizierung und Verfolgung von Straftätern.

Sarstedter „Ampel-Mord“

Im Blickpunkt – auch im Falle der jüngsten Razzien – sind vor allem einige Familien sogenannter M-Kurden, oft mit deutschen Pässen. Wie rücksichtslos manche von ihnen gegenüber fremdem Leben und der Justiz sein können, war vielen erstmals 2012 im Zusammenhang mit dem Sarstedter „Ampel-Mord“ klar geworden. Familienmitglieder der Angeklagten hatten Richter und Staatsanwalt während der Verhandlung massiv bedroht.

Extreme Szenen gab es auch 2015 in Hameln nach dem Tod eines 26-Jährigen, der bei einem Fluchtversuch aus dem Gerichtsgebäude abgestürzt war. Familienangehörige rasteten aus. Gut zwei Dutzend Polizisten sollen damals verletzt worden sein.

Zahl der Straftaten

Neben Hameln, Braunschweig und Hannover zählt das Innenministerium weiterhin Hildesheim zu einem Schwerpunkt, was die Herkunft von tatverdächtigen aus dem Clanmilieu angeht. Birgit Thieme bestätigt: „Hildesheim ist ein Wohnort-Schwerpunkt.“ Die Strukturen der Familien seien aber auch für Experten oft schwer zu durchschauen. Die Kripo-Chefin misst dem Thema eine große Bedeutung bei, warnt aber auch vor Panikmache: „Als Normalbürger muss man nicht fürchten, in einen Strudel der Kriminalität hineingezogen zu werden.“ Für Zeugen und Opfer von Straftaten sowie für Polizeibeamte besteht nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden hingegen durchaus ein Bedrohungs- und Gefährdungspotenzial.

Die Zahl der Straftaten, die in Niedersachsen M-Kurden zugerechnet werden können, sind nach Angaben des Innenministeriums in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Waren es 2002 rund 100, registrierten die Ermittler 2011 schon 600, und nach Hochrechnungen summierten sich die Ermittlungsverfahren für 2016 auf 882 und für 2017 auf 878.