Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Der Mann für Kulturpolitik: Wolfgang Schneider geht

Veröffentlicht von Martina Prante am 11.07.2019.

Hildesheim - Wolfgang Schneider geht der Ruf voraus, dass er, wenn er erstmal angefangen hat mit dem Reden, so schnell nicht mehr zu bremsen ist. Diese Redegewandtheit gepaart mit seiner imposanten Statur und dem Willen, etwas zu bewegen, prägen die vergangenen 22 Jahre, in denen Schneider als Leiter des Instituts für Kulturpolitik an der Uni Hildesheim und weltweit tätig war. Am Freitagabend wird er verabschiedet.

Das HAZ-Interview

Gefühlt waren Sie mehr weg als hier. -
Wenn ich weg bin, bin ich auch hier. Toller Satz (grinst). Ich bin kein Verwaltungsbeamter, der acht Stunden am Schreibtisch sitzen muss. Ich bin glücklicherweise Uniprofessor und darf mir erlauben, an der Akademie in Wolfenbüttel, an der University of Capecoast in Ghana oder einer Tagung in Berlin nicht nur die Uni zu repräsentieren, sondern auch ein Potenzial zu schaffen, was genauso wichtig ist wie das Abarbeiten von Akten.

Lieber reden oder lieber publizieren? -
Eines geht nicht ohne das andere. Ich rede gern. Ich freu mich, am Katheder zu stehen und verstanden zu werden. Aber es soll keiner meinen (wird lauter), dass der Schneider, weil er so groß und breit ist, dass der nicht auch ein Sensibelchen ist. Ich rege mich immer noch auf und kann immer noch vor jeder größeren Veranstaltung einen halben Tag nichts essen, weil ich so konzentriert bin.

Drei wichtige Erfolge

Die drei wichtigsten Erfolge Ihrer Amtszeit? -
Als Leiter des Instituts die Einwerbung des Unesco-Chairs. Als Dekan des Fachbereichs die Gestaltung des Kulturcampus’, die Gestaltung des Bologna-Prozesses – von Diplom auf Bachelor und Master. Und die Gestaltung des Generationenwechsels in der professoralen Liga. Die sind alle plötzlich gegangen. Ich war der letzte C4-Professor. Das war eine große konzertierte Aktion, damit es zwar eine Erneuerung gibt, aber der Kern erhalten bleibt.

Welcher Kern? -
Dass im Mittelpunkt der Kulturwissenschaften die Künste stehen, die Vernetzung von Theorie und Praxis, und dass es ein Spinnen in einem Netzwerk ist, das die Studies befähigt, im Arbeitsmarkt anzukommen.

Okay. Und der dritte Erfolg? -
Als sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommision Kultur in Deutschland nicht nur berufen zu werden, sondern mit 100 Seiten Text im 500-Seiten-Band zur Kultur in Deutschland dafür zu sorgen, dass es sowas gibt wie eine kulturpolitische Referenzquelle, die in Deutschland auch nach zehn Jahren noch Bestand hat. Da ist der Schneider stolz drauf.

Er kann nicht Nein sagen

Sie haben unfassbar viele Ämter und Funktionen. Warum wollen alle den Schneider? -
Weil der Schneider das will. Das ist auch das Problem des Schneiders. Er hat nie Nein sagen können. Hat auch mal versucht, sich vorzudrängen und sich bekannt gemacht. Nicht nur durch klappern, sondern auch durch Beiträge, die substanziell und relevant waren.

Welches ist das wichtigste? -
Das bedeutendste Ehrenamt war die Präsidentschaft der Assitej, die internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendtheater. Das sind über 80 nationale Zentren. Ich wurde zweimal wieder gewählt. Ungewöhnlich für einen Deutschen. Aber ich habe immer das neue freie Deutschland repräsentiert, habe mich klar und deutlich bekannt gegen Rechtsaußen und Nationalisten. Diese neun Jahre waren sehr prägend, haben viel Spaß gemacht, sehr viel Zeit gekostet. Da musste die Familie ganz oft auf mich verzichten.

Wer hat sie am meisten geprägt? -
Drei Männer, denen ich alles zu verdanken habe. Klaus Doderer (Professor am Institut für Jugendbuchforschung in Frankfurt) hat mich akademisch gelehrt, Hilmar Hoffmann (Kulturdezernent in Frankfurt) hat mich kulturpolitisch gelehrt. Und der dritte war Hajo Kurzenberger (Professor für Theater in Hildesheim). Er hat auf mich gesetzt, er hat immer mit Herzblut diesen Laden geführt. Das hab ich von allen Dreien gelernt. Ohne Herzblut ist jede Sache leblos und leer.

Altbewährtes und viel Neues

Was zeichnet sie als Menschen aus? -
Ich bin gern mit Menschen zusammen. Es gibt den Schneider als Traditionalisten. Der macht gern Sachen, die er schon immer gemacht hat. Ich mache oft an denselben Plätzen Urlaub. Ich stehle mir die Zeit, um mir etwas so Unnützes zu leisten, wie Krimis zu lesen. Aber andererseits versuche ich immer wieder, etwas Neues zu entdecken oder zu schaffen. Ich bringe gerne Menschen zusammen. Das ist auch ein Schlüssel, warum ich international erfolgreich war.

Ein Beispiel. -
Ich habe einmal bei der Assitej Theatervertreter von Nord- und von Südkorea gemeinsam zum Essen eingeladen. Das war so diplomatisch angeheizt, dass rundum nur Verfassungsschutzleute standen. Und wir haben einen wunderbaren Abend lang über Theater geredet. Natürlich nicht über den kleinen Raketenmann. Diese Rolle als Diplomat spielen zu dürfen, das hat mir auch gut gefallen.

Hätten Sie die Kulturhauptstadt gerne noch selber erlebt. -
Im Herbst kommt ein Buch raus, mit Kollegen aus Europa, die schon mal Kulturhauptstätte evaluiert und begleitet haben. Aber es ist Reflexion über das, was mit den Mitteln der Kulturhauptstadt kulturpolitischmöglich ist. Ich bin nach wie vor beruflicher Niedersachse und insofern schlägt mein Herz für Hildesheim. Aber ich bin nicht so dogmatisch. Ich hab mich da rausgezogen. Ich möchte das als Forschungsgegenstand nutzen. Diese acht Städte, die machen sich an ihrem jeweiligen Ort, was ich für kulturpolitisch sehr wichtig halte – Gedanken über den Tag hinaus, die denken europäisch, mit partizipativem Ansatz. Elemente, wo man sagen soll: Mehr davon.

Vorbild Schweden?

Wer macht die beste Kulturpolitik in Europa? -
(überlegt) Die Schweden waren mal vorbildlich. Aber jetzt sind sie doch gelegentlich reaktionistisch. Aber besser als wir, weil sie mehr von unten denken und nicht die paternalistische (Anm.d.Red.: bevormundende) Attitude eines Kulturministers in Niedersachsen haben.

Sie brechen Ihre Zelte in Hildesheim ganz ab, räumen Ihr Büro für den Nachfolger/die Nachfolgerin. -
Ja, aber das heißt nicht, dass man mich nicht für gut dotierte Vorträge buchen kann, ich mich nicht in den kulturpolitischen Diskurs einmische. Und es gibt noch genügend Ämter (lacht), wo ich mitwirken kann. (denkt nach) Aber ich kann mir auch mal eine Fahrradtour gönnen.

Ihre Frau wird sich freuen. -
Das ist noch nicht geklärt (lacht). Ich bin seit 31 Jahren verheiratet. Gemeinsam haben wir unsere Tochter überlebt. (entrüstet sich spielerisch) 20 Jahre gehe ich mit dem Kind in Theater und Museen, zeige ihr die ganze Welt. Und dann studiert sie Zahnmedizin und heiratet einen IT-Manager. (lacht) Aber ich bin sehr stolz auf unsere Tochter.