Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Der Sparkurs an Berufsschulen und seine Folgen

Veröffentlicht von Christian Harborth am 12.01.2019.

Hildesheim - Jamil Alcheikho kniet im Obergeschoss eines Reihenhauses auf der Marienburger Höhe auf dem Fußboden und schneidet ein Kupferrohr. Gemeinsam mit dem Gesellen Armin Skotzki sorgt der angehende Anlagenmechaniker dafür, dass es Familie Kirsch aus der Greifswalder Straße bald wieder schön warm im dann sanierten Gästezimmer hat.

Seit zwei Tagen demontieren der Geselle und sein 17-jähriger Auszubildender zum Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik die alte Anlage, ziehen neue Rohre ein und wollen am Ende auch einen neuen Heizkörper installieren. Alcheikho ist dabei ein Lehrling, wie ihn sich erfahrene Gesellen und Meister wünschen. „Er denkt mit und ist oftmals schon schneller als ich“, sagt Skotzki.

Alcheikho kann man als „Vorzeige-Lehrling“ im Bezirk der Innung Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Hildesheim bezeichnen. „Auch wenn er erst im ersten Lehrjahr ist – ich bin mir sicher, dass er einmal einen guten Abschluss machen wird“, sagt der Innungsobermeister Helmut Meier. Er kennt viele der derzeitigen Auszubildenden persönlich. Auch deshalb, weil er um jeden Auszubildenden kämpft.

Keine Sprachförderung mehr?

Doch Meier sieht dunkle Wolken am Horizont aufziehen. Das Kultusministerium hat wie berichtet angekündigt, bei den Berufsbildenden Schulen (BBS) sparen zu wollen. Das betrifft zum Beispiel die „Freien Mittel“, die um zwei Drittel reduziert werden sollen. Aus diesem Topf werden befristet eingestellte Lehrer bezahlt. Daneben soll die Sprachförderung an den BBS wegfallen. Aber genau hier sieht die Sanitär-Innung ein erhebliches Problem.

Denn der Beruf ist kaum gefragt. Und unter den angehenden neuen Lehrlingen sind viele Flüchtlinge, die sich freuen, einen Beruf erlernen zu dürfen, in dem sie später auch arbeiten können. Allerdings ist die Sprache eine wichtige Voraussetzung.

Das hat auch Jamil Alcheikho feststellen müssen. Er ist vor fünf Jahren zusammen mit seiner Familie aus Syrien nach Deutschland geflohen. Dass er Handwerker werden will, war früh klar. Sein Vater arbeitete in Syrien als Automechaniker. Alcheikho machte nach seinem Hauptschulabschluss an der Geschwister-Scholl-Schule mehrere Praktika – am Ende entschied er sich für eine Lehre bei der Installateurfirma Ossenkopp in Hildesheim.

Dort hält man wie in der Innung große Stücke auf den jungen Mann. Und gleichzeitig ist die Sorge groß, dass Lehrlinge wie er künftig weniger werden, wenn das Land seine Sparmaßnahmen wahr macht. „Flüchtlinge wie er haben oftmals großes Potenzial, aber sie müssen oftmals noch ein wenig links und rechts geführt werden“, nennt es Obermeister Meier. Dazu zähle der Sprachunterricht. Aber auch Unterrichtseinheiten, die neben der regulären Theorie in der Werner-von-Siemens-Schule auch im Berufsbildungszentrum der Handwerkskammer in Drispenstedt vermittelt werden. Doch genau hier müssten die Berufsschulen sparen, wenn das Land seine Zuschüsse zurückführt.

Schulen schreiben Brandbrief

Davon wäre wohl auch eine 45 Jahre alte Pädagogin der Werner-von-Siemens-Schule betroffen, die nicht genannt werden möchte. Ihr Arbeitsvertrag läuft zum Sommer aus. „Die Schule möchte mich weiter beschäftigen, aber es kann sein, dass das jetzt nicht mehr möglich ist.“ Die Frau aus dem Südkreis, die vor eineinhalb Jahren mit zwei abgeschlossenen Ausbildungen und einem absolvierten Studium der Erziehungswissenschaften als Quereinsteigerin zur Werner-von-Siemens-Schule kam, blickt in eine ungewisse Zukunft. „Ich bin von Arbeitslosigkeit bedroht, da macht man sich schon Sorgen“, sagt sie. Das fange bereits damit an, dass sie sich demnächst arbeitslos melden müsse, wenn es keine Änderung gebe. „Sonst bekomme ich kein Arbeitslosengeld, wenn es so weit ist.“

Das Kultusministerium selbst spricht nicht von Kürzungen, sondern von Rücklagen der öffentlichen Berufsschulen, die durch übertragende Haushausmittel in den Vorjahren auf einen mehrstelligen Millionenbetrag angewachsen seien. „Diese sogenannten Ausgabereste konnten entstehen, da in den vergangenen Jahren sehr viele Lehrerstellen an Berufsbildenden Schulen nicht besetzt werden konnten“, sagt Jasmin Schönberger, Sprecherin des Kultusministeriums. Das Geld sei für befristete Mitarbeiter genutzt worden.

Weil aber 2018 viele Stellen erfolgreich besetzt werden konnten, sei dies seit 2019 nicht mehr erforderlich. „Es handelt sich hierbei also nicht um eine Kürzung, sondern um die Rückführung von Überschüssen“, erklärt Schönberger. Dennoch sei es für das Ministerium nachvollziehbar, dass es Sorgen an den betroffenen Schulen gebe. Für die Jahre 2019 und 2020 kündigt das Ministerium weitere Lehrerstellen für die Berufsbildenden Schulen des Landes an.

Ungeachtet dessen haben fünf betroffene Berufsbildende Schulen aus Hildesheim unlängst einen Brandbrief an Kultusminister Grant Hendrik Tonne geschrieben (die HAZ berichtete). Tilman Diepholz-Seeger von der Werner-von-Siemens-Schule unterstreicht die geäußerte Kritik. „Vor allem die Kürzung bei den freien Mitteln tut uns derzeit besonders weh, da wir dadurch keine Möglichkeit mehr haben, flexibel auf Bedarfe zu reagieren“, sagt der Schulleiter. Daneben sei auch der Berufsschulunterricht für Schüler der Werkstätten für behinderte Menschen betroffen. „Die dort eingesetzte Kollegin können wir ab Sommer nicht weiter beschäftigen“, sagt Diepholz-Seeger. Schwierigkeit sieht er zudem bei den Fortbildungen, die bisher ebenfalls aus dem Topf bezahlt werden. „Das ist in einer gewerblich-technischen Schule ein besonderer Einschnitt, da wir hier besonders den technischen Innovationen in der betrieblichen Praxis folgen müssen.“

Folgen auch für Kunden spürbar

Die Folgen könnten die Handwerksbetriebe und mit ihnen die Kunden, die einen Handwerker suchen, schon bald zu spüren bekommen. „Denn die Sanitär-Firmen sind beileibe nicht die einzigen Betriebe, die von den Einsparungen betroffen sind“, sagt Obermeister Meier, der für knapp 50 angeschlossene Betriebe im Raum Hildesheim spricht. Er weiß von vielen anderen Gewerken, die ebenfalls große Probleme haben, noch Lehrlinge zu finden.

Meier ärgert sich auch deshalb, weil er den Kultusminister unlängst beim Tag des Niedersächsischen Handwerks getroffen hat. „Da hat er noch die besondere Bedeutung des Handwerks betont“, sagt Meier. „Und jetzt zieht er uns das Handtuch weg.“

Die erfolgreiche Ausbildung von Jamil Alcheikho werden die angekündigten Einsparungen kaum mehr beeinflussen. Der junge Mann aus Syrien macht seinen Weg. Obermeister Meier geht davon aus, dass er die dreieinhalbjährige Ausbildung vielleicht sogar verkürzen kann. Das freut den 17-Jährigen natürlich. „Die Arbeit macht mir großen Spaß“, sagt er. Doch dann muss er auch wieder an die Arbeit. Fürs Reden wird er schließlich nicht bezahlt.