Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Die Skiffle-Ratten von der Lamme

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 13.08.2019.

Bad Salzdetfurth - Ein gepflegtes, unscheinbares Familienhaus an der Lamme. Kaum eingetreten und die Kellertreppe hinabgeschlichen, wummert fröhlich der Teekisten-Bass, pluckert das Banjo, schrammelt die Zwölfsaitige, unterlegt vom aufmunternden Groove des Waschbretts und der „Rattenfalle“, wie das Bassdrum-Pendant der Skiffle-Rats neckisch genannt wird: Ja klar, das ist Johnny Cash. Aber so gut gelaunt hat man die Zeile „I shot a man in Reno just to watch him die“ (Ich erschoss einen Mann in Reno, nur um ihm beim Sterben zuzusehen) noch nicht gehört.

„Skiffle ist ja kein wirkliches Genre“ erklärt Wolfgang Mroz, dessen Hobbykeller als Proberaum dient. „Wir nehmen einfach die Lieder, die uns gefallen, und verskiffeln sie“. Das Resultat ist ein stattliches Repertoire mit rund 100 Stücken. Von Cash bis zu den Andrew Sisters, von „Schmidtchen Schleicher“ bis Westernhagen. Sogar Songs, die einen im Original kalt lassen, bringen in verskiffelter Fassung dann doch die Füße zum Wippen. Das hat was vom lebenslustigen Charme des Dixieland-Jazz oder Ragtime. Nur ohne Blechbläser und Klavier.

Gitarre, Kazoo, Management

Der 67-jährige Mroz ist als Einziger seit der Bandgründung 1988 dabei. Er spielt die zwölfsaitige Gitarre, Kazoo, Mundharmonika, singt und kümmert sich um das Management der Truppe. Den ungewöhnlichen Bass bedient Raimund Siminski (72). Wie es die Tradition im Skiffle vorgibt, handelt es sich um einen selbstgebauten Teekisten-Bass. Siminski, der vor drei Jahren zu den „Ratten“ stieß, erzählt vergnügt, dass es sich bei seinem Exemplar sogar um eine echte, alte indische Teekiste handelt. Sehr dünnes, leichtes Holz. Das resoniert gut, muss aber beim Spielen mit dem Fuß auf dem Boden gehalten werden.

Eine sportliche Leistung, die man als Zuschauer leicht unterschätzt. Dem 72-jährigen beschert’s jedoch sichtlich mehr Spaß als Probleme. Er greift und zupft beherzt die dicke Schnur, die an einem zum Hals umfunktionierten Besenstiel als Saite dient. Dabei singt er, wie der Rest der Gang, beim Refrain lautstark mit. Sein „Kistenbass“ ist zerlegbar und so besser transportabel – was dem Zoll große Kopfschmerzen bereitete, als die Band für ein Engagement im Heimatland des Skiffle, England, eintraf. Siminski musste das Instrument für die Beamten zusammenbauen und vorführen, um zu beweisen, dass es sich nicht um einen bedrohlichen Schabernack handelte.

Fingerhüte statt Stöcke

Für den Rhythmus ist seit 1995 Ulf Trum (78) zuständig. Sein „Set“ besteht aus einem Waschbrett, das er liebevoll mit Blechdosen, Zimbel und Klanghölzern ausgebaut hat. Dazu eine Hi-Hat und eine schwarze Kiste, an die ein Fußpedal gekoppelt ist – die Bassdrum, die tatsächlich fast aussieht wie eine Rattenfalle.

Was dem Schlagzeuger die Stöcke, sind für Trum die Fingerhüte. Mit ihnen tippelt und ratscht er auf seinem Waschbrett, dass es eine Freude ist. Allerdings haben sie ihre Tücken . So wurden beim „Skiffle & Ribs“-Konzert die fettigen Rippchen, die es vor dem Konzert gab, zum Verhängnis – kaum auf der Bühne, flutschten die metallenen Kappen in nullkommanix von den Fingerkuppen. Aber Erfahrung macht ja bekanntlich klug. Der Rhythmusmann ist inzwischen auch für diesen Fall vorbereitet. Einfach ein paar Stoffhandschuhe genommen und Fingerhüte dran geklebt.

Ein Fan von Anfang an

Vierter im Bunde der ehemals siebenköpfigen Gruppe ist Andreas Hanslik. Mit seinen 56 Lenzen ist er das Nesthäkchen der Band. Seit einem halben Jahr dabei, aber bereits seit den Anfangstagen begeisterter Anhänger der Skiffle-Rats. „Ich stand bei Konzerten immer in der ersten Reihe“, so Hanslik. Als Bassist Siminski, der ihn als Gitarristen kannte, fragte, ob er auch Banjo spielen könne, musste Hanslik nicht lange überlegen. Er beschaffte sich ein sechssaitiges Banjo, sagte zu und ist immer noch baff darüber, mit seinen „alten Helden“ zu musizieren.

Wenn die vier gut gereiften Herren am 24. August das Skiffle-Rats Bühnenjubiläum im Kurpark Bad Salzdetfurth feiern, blicken sie auf eine bunte und bewegte Bandgeschichte zurück. Den immer wieder schmerzhaften Um- oder Neubesetzungen, die in so langer Zeit nicht ausblieben, standen abenteuerliche Reisen und fröhliche Feste gegenüber. Drei CD’s wurden im Laufe der Zeit produziert. Auch als Veranstalter haben sich Mroz und seine Kumpane schwer ins Zeug gelegt.

Benefiz für Kind aus Tschernobyl

Zum Beispiel beim Benefiz-Konzert für ein Kind aus Tschernobyl Kind, das mit körperlicher Beeinträchtigung geboren wurde: Die Unterstützung ermöglichte eine dringend benötigte Operation. Als Anerkennung für ihre Einsätze bei Benefizkonzerten wurde die Gruppe von der Stadt Bad Salzdetfurth 2002 mit dem Salzschild geehrt.

Die Urbesetzung der Skiffle-Rats hatte auf einem Elternabend zusammengefunden. Zunächst ging es dem Gründer, Immo Schulze (gestorben 2009), nur darum, einen Song der Gruppe Truckstop zu verskiffeln. Das ganze sollte beim „Happening im Maiental“ aufgeführt werden. Schulze suchte Musikanten für seine Idee. Unter denen, die Lust hatten sich auf den Skiffle einzulassen, war auch Wolfgang Mroz. Der Name „Skiffle-Rats“ war schnell gefunden.

Abwechslung bei den Konzerten

Da die Herren die Abwechslung lieben, hecken sie für jeden Auftritt ein eigenes Programm aus – das Repertoire ist ja groß genug. Auf diese Weise begeisterten sie das Publikum schon auf einer riesigen Bühne auf dem Harley-Davidson-Festival in Davos, in der Sommerresidenz des schwedischen Königs auf der Insel Öland sowie in Spanien und Polen und sogar im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen auf N3 bei „Hallo Niedersachsen“. Auch nach 30 Jahren gibt es nicht den Wunsch aufzuhören, „weil’s einfach Spass macht“, sagt Mroz, schnallt sich die Gitarre um und zählt die nächste Nummer ein.

Ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum feiert die Band am 24. August beim „Festival im Kurpark“ Bad Salzdetfurth. Es beginnt um 16 Uhr.