Hildesheimer Allgemeine Zeitung

E-Scooter in Hildesheim – Fragen und Antworten

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 10.09.2019.

Hildesheim - In vielen deutschen Großstädten sorgen sie bereits für Aufsehen – in Kürze soll es auch in Hildesheim E-Scooter zum Ausleihen geben. „Wir wollen so schnell wie möglich starten“, kündigte Marcel Goos, für die Berliner Verleihfirma „Tier“ als Citymanager für Hannover tätig, am Dienstag gegenüber der HAZ an. 130 Elektroroller will das Unternehmen zum Start in Hildesheim aufstellen – eine größere Anzahl am Hauptbahnhof, den Rest in Dreiergruppen im Stadtgebiet verteilt.

Tier ist nach eigenen Angaben bereits in 16 deutschen Städten vertreten, europaweit sind es 42. Allein in Hannover hat die Firma rund 1100 E-Scooter auf der Straße. Nun soll Hildesheim folgen: „Es ist eine junge Großstadt mit vielen Unternehmen und zwei großen Hochschulen“, sagt Goos. Zudem seien viele Pendler aus Hildesheim, die in Hannover arbeiten, dort bereits Kunden des Unternehmens. Schlussfolgerung: „Wir glauben, dass in Hildesheim die Nachfrage da ist.“

Bettels will „entkrampfen“

Das glaubt auch Dirk Bettels, Ortsbürgermeister für Stadtmitte und Neustadt. Er hat schon länger Kontakt zur Firma Tier, gestern hatte er Goos und seinen Mitarbeiter Darius Heibat in seinem Büro zu Gast. Und bestärkte sie in ihrem Interesse an Hildesheim: „Ich glaube, dieses neue Angebot kann uns helfen, die Verkehrssituation in der Kernstadt zu entkrampfen.“

Wie funktioniert das?

Wer die E-Scooter von Tier nutzen will, muss ich de App des Unternehmens herunterladen. Damit kann er schauen, wo gerade der nächste Scooter bereitsteht, wenn er nicht an einem zentralen Stellplatz wie dem Hauptbahnhof unterwegs ist. Zudem kann er mit Hilfe der App den Roller freischalten und sich später wieder ausloggen. Abstellen können Nutzer die Roller überall im Geschäftsgebiet – verlassen sie diesen Bereich, können sie sich nicht abmelden und zahlen weiter.

Was kann der Scooter?

Auf ebener Strecke kommt er auf rund 20 Stundenkilometer und hat eine Reichweite von 30 bis 40 Kilometern. Bergauf ist er langsamer, schafft laut Tier-Mitarbeiter Darius Heibat aber auch ordentliche Steigungen: „Den Klingeltunnel habe ich schon getestet, das klappt.“

Wo darf er fahren?

E-Scooter sind auf Radwegen, Radfahrstreifen und in Fahrradstraßen erlaubt. Nur wenn diese fehlen, darf auf die Fahrbahn ausgewichen werden. Auf dem Gehweg, in der Fußgängerzone und in Einbahnstraßen entgegen der Fahrtrichtung dürfen E-Scooter nicht fahren.

Was kostet das?

Wer einen E-Scooter mietet, zahlt eine Grundgebühr von einem Euro und danach 15 Cent pro Minute. Enthalten ist auch ein Haftpflicht-Schutz über den Axa-Konzern, der mit Tier kooperiert. Deshalb haben die Roller auch Versicherungskennzeichen.

Wie lange halten die Scooter?

Tier geht davon aus, dass ein Elektro-Roller des Unternehmens 14 Monate lang unterwegs sein kann. „Wer von zwei Monaten spricht, nutzt zwei Jahre alte Zahlen aus den USA“, moniert Marcel Goos und betont: „In Wien haben wir nach zehn Monaten immer noch die erste Generation auf der Straße – weil wir die Roller pflegen.“

Droht ein Fiasko wie bei Obike?

Vielen Hildesheimern ist die Episode mit den gelben Leihfahrrädern von Obike noch in unguter Erinnerung. Relativ schnell landeten viele dieser Fahrzeuge in der Innerste oder in Gebüschen, der Betreiber war nach der Pleite der Muttergesellschaft in Singapur nicht mehr greifbar.

Tier-Manager Marcel Goos verspricht, bei seiner Firma laufe das anders: „Wir sammeln jeden Abend alle Scooter im Stadtgebiet ein und stellen sie morgens wieder auf.“ Bei Nacht würden die Roller geladen und bei Bedarf repariert. Im Übrigen sei das Unternehmen schon dank der Niederlassung im nahen Hannover gut erreichbar.

Welches Gebiet ist geplant?

Für den Anfang plant Tier, seine Scooter nur in der Kernstadt zu positionieren und nutzen zu lassen. Die Südgrenze könnte im Bereich der Universität liegen, die Ostgrenze an der Bahnlinie und in Richtung Uni auch darüber hinaus, die Nordgrenze nahe dem Nordrand der Stadt und die Westgrenze grob die Innerste, erklärt Tier-Mitarbeiter Darius Heibat, der die Stadt ganz gut kennt. Je nach Interesse sei aber eine Ausweitung denkbar, etwa in Richtung Klinikum. Das Umweltbundesamt hält E-Scooter hingegen eher in den Außenbezirken für sinnvoll – etwa für den Weg von zu Hause bis zur ersten Bushaltestelle in Richtung Zentrum.

Wann geht’s los?

„So schnell wie möglich“, sagt Marcel Goos. Eine Genehmigung durch die Stadt braucht das Unternehmen nicht, strebt aber ein Einvernehmen an und will darüber kurzfristig mit der Stadtverwaltung sprechen. In Hannover etwa habe man sich auf ein freiwilliges Regelwerk verständigt, berichtet Goos.

Das schließe ein, dass es Bereiche gebe, in denen die Roller nicht abgestellt werden dürfen – etwa an Gewässern. „Dort kann man sich dann als Nutzer nicht ausloggen und muss erst in einen erlaubten Bereich begeben“, erklärt Goos.

Wie reagiert die Stadt?

Die Information, dass der Start eines E-Scooter-Verleihs unmittelbar bevorsteht, überraschte die Verwaltung gestern. Stadtbaurätin Andrea Döring reagierte pikiert, als Vertreter der Firma ohne Termin bei ihr hereinschneiten. Gleichwohl werde es in den nächsten Tagen Gespräche geben: „Uns ist es wichtig, die Räume, an denen E-Scooter nicht stehen sollten, wie Grünflächen und Welterbeband, kenntlich zu machen.“

Grundsätzlich sei die Stadt an allem interessiert, was den Verkehr umweltfreundlicher mache. Allerdings sorgten Erfahrungen aus anderen Großstädten für Skepsis: Abgestellte E-Scooter wirkten störend, in Benutzung seien sie auch eine Gefahrenquelle, das abendliche Einsammeln mit einem mit Diesel oder Benzin betriebenen Laster werfe die Frage nach der Umweltfreundlichkeit auf. Die Stadt favorisiere ein Modell mit festen Abstell- und Ladestationen. Dazu wird es aber wohl nicht kommen. Tier hat allerdings angekündigt, bald auf E-Transporter umzustellen.

Und die Verbotsdebatte?

Vor einigen Tagen forderte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, E-Scooter zu verbieten – wegen vieler Unfälle: „Aus medizinischer Sicht sind sie einfach zu gefährlich, also weg damit.“ Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Versicherer (GdV) widersprach: „Ein Verbot so kurz nach der Einführung zu fordern, ist Quatsch.“ Auch mit Fahrrädern gebe es schwere Unfälle.

Für ein Verbot gibt es von Medizinern und Politikern aus Hildesheim zunächst keine Unterstützung. Dr. Markus Beck, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am St.-Bernward-Krankenhaus (BK) rät aber, Helm und Schutzkleidung zur Pflicht zu machen: „Generell ist das Unfallrisiko beim Fahren von E-Scootern definitiv erhöht – sowohl für den Fahrer selbst, als auch für die anderen Verkehrsteilnehmer.“

Das Helios Klinikum appelliert an Nutzer, vernünftig zu fahren und Schutzkleidung zu tragen. In beiden Krankenhäusern spielte die Behandlung von Verletzungen nach Unfällen mit E-Scootern bislang keine nennenswerte Rolle. In Hannover gab es bereits Dutzende Verletzte – meist nach Fahrfehlern, etwa wenn zwei Personen auf einem E-Scooter unterwegs waren.

Was sagen Abgeordnete?

Die Bundestagsabgeordneten Bernd Westphal (SPD) und Ottmar von Holtz (Grüne) sind gegen ein Verbot. „Lasst uns doch diese neue Form der Mobilität erst einmal testen“, sagt Westphal und betont: „Wir brauchen keine neuen Gesetze – es würde schon reichen, wenn sich alle an die Straßenverkehrsordnung halten.“ Er sei dafür, dass Verwaltungen und Räte der einzelnen Städte im Zweifel Regeln aufstellen, wo E-Scooter gefahren und abgestellt werden dürfen.

Ottmar von Holtz hält die Forderung nach einem E-Scooter-Verbot für überzogen: „In Berlin wurden gerade vier Menschen von einem SUV tödlich verletzt. Da fordert der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung doch auch nicht gleich das Verbot von SUVs.“ Ziel müsse es sein, in den Städten mehr Platz für Fußgänger, Radfahrer, Busse, Bahnen und eben auch E-Scooter zu schaffen.

„Ganz ehrlich: Auch in Hildesheim ist es noch so, dass das Auto den weitaus meisten Platz im öffentlichen Raum beansprucht“, betont von Holtz.