Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Schlesien: Ein HAZ-Redakteur reist in seine Vergangenheit

Veröffentlicht von Ulrich Hempen am 20.04.2019.

Badenau/Hildesheim - Vor mir erhebt sich die Kreuzerhöhungskirche – ich stapfe die letzten Stufen hoch zum Gotteshaus auf dem Hügel. Stelle mir vor, wie Tante Maria, meine Oma und meine Mutter mit ihren blonden Locken und auf ihren noch kurzen Beinen an Weihnachten bei viel Schnee und klirrender Kälte diese Treppen hochgestiefelt sind, um die Christmette zu feiern. Die Winter vor 1945 sind in den Erzählungen immer eisig kalt gewesen.

Ich schaue wie selbstverständlich nach rechts an der Kirchenmauer entlang. Gehe bis zu den Tannen. Da ist es. Das Grab meiner Urgroßmutter: Anna Tschauder, geborene Ullmann. Schon komisch, dass ich überhaupt nicht suchen muss. Beinahe ferngesteuert marschiere ich auf das große, weiß getünchte Steinkreuz mit dem Kruzifix aus Bronze zu. So, als ob ich schon zigmal da gewesen wäre. Es ist aber das erste Mal. Mir brennen die Augen.

Ich bin in dem kleinen Ort Bogdanowice in Polen, keine 20 Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt. Früher hieß Bogdanowice einmal Badenau. Badenau im Kreis Leobschütz (heute Glubczyce) in Oberschlesien. Ich bin 51, Nachfahre einer Vertriebenen-Familie und ein bisschen auf Spurensuche.

Tante Marias noch so vertraute Stimme klingt mir im Ohr: „Wenn du Glück hast, kannste vom Friedhof aus ins Glatzer Land blicken und den Schneeberg sehen. Man sieht sogar die Schneekoppe im Riesengebirge.“ Schade, dass Tante Maria jetzt nicht bei mir ist. Sie ist schon seit mehr als 20 Jahren tot – starb 1998, mit fast 93. Tante Maria ist die älteste Schwester meiner Oma Angelika (gestorben 2005) und eigentlich meine Großtante. Doch wer sagt schon „Großtante Maria“.

Karo-Kaffee und Mohnkuchen

Sie hat nach Flucht und Vertreibung aus Schlesien später ständig von der alten Heimat geredet. Viele in der Verwandtschaft nervte das irgendwann. Aber ich mochte es, wenn sie mir bei Karo-Kaffee (sie trank aus Prinzip keinen Bohnenkaffee) und bei schlesischen Mohn- oder Streuselkuchen von ihrem verlorenen Zuhause erzählte. Schon als Kind in den späten 1970ern hörte ich ihr gern zu, auch als Jugendlicher in den 80ern und noch als Erwachsener in den 90ern. Sie hat den Verlust der Heimat nie verschmerzt – aber immerhin: Sie sprach darüber.

Ich blicke nach Südwesten. Tatsächlich erhebt sich in der Ferne der Glatzer Schneeberg und weiter hinten im Dunst die Schneekoppe. Jetzt, Anfang April, haben beide Berge noch einen Zuckerhut auf.

Ich streiche mit der Hand über den Grabstein meiner Urgroßmutter. Da, wo eigentlich ihr Name, Geburtsdatum und Todestag stehen sollten, fühlt es sich rau und kantig an. Ihre Daten hat jemand aus dem Stein geschlagen. Die Polen. Viele von ihnen waren nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Osten nach Ober- und Niederschlesien umgesiedelt worden. Andere lebten auch schon vorher hier – erst unter den Österreichern, dann den Preußen und später unter deutscher Vorherrschaft. Nach dem zweiten Weltkrieg hassten viele Polen alles Deutsche. Kein Wunder, sie haben in ihrer Geschichte einiges mitgemacht. Allein die vier Teilungen ihres Landes, und dann erst die Nazi-Zeit.

Hinten auf Uromas Grabstein steht die Inschrift: „O‘ Herr, gib ihr die ewige Ruhe.“ Das wichtigste haben sie nicht zerstört. Die Polen sind gläubig.

Fremd und vertraut

Ich drücke die schwere Bronze-Klinke der Kirchentür nach unten. Abgeschlossen. Schade. Aber einen festen Pfarrer hat der 800-Seelen-Ort Bogdanowice heute nicht mehr.

Jetzt will ich aber das Elternhaus meiner Mutter sehen. Steige vom Kirchenvorplatz die Stufen hinab ins Dorf. Da! Die „Goldene Ader“! Das Gewässer fließt direkt vor mir. Was hat Tante Maria geschwärmt: „DIE GOLDENE ADER!“ Ich sehe die alte Steinbrücke, die sie mir haarklein beschrieben hat. Auch sie steht noch. Wenn meine Großtante erzählte, wuchs die Goldene Ader zu einem stattlichen Fluss an. Aber der Fluss ist nur ein Bach. Die Ader stellte die Wasserversorgung für die Bauern sicher. Vielleicht wurde sie deshalb so überhöht.

Ich kenne fast jede Straße. Nur aus Erzählungen. Ich muss mich nicht orientieren. Gehe nach links, dann nach rechts am Sportplatz vorbei und wieder links. Seit 1945 hat sich in dem Örtchen nicht wirklich viel getan. Ah, das war früher Wolfs Gasthof. Und direkt daneben erhebt sich das Wohnhaus mit den markanten Giebeln, die teils aus Fachwerk, teils geziegelt sind. Unten im Gebäude waren früher auch die Geschäftsräume, die Bäckerei samt Kolonialwaren-Handel Alois Tschauder – das Elternhaus meiner Mutter.

Die Flucht

Meine Großtante Maria und Oma Angelika sind mit meiner Mutter Ingrid (damals keine fünf Jahre alt), Mamas kleiner Schwestern Christel sowie der Kinderfrau Gatte (sie wurde „die gute Gatte“ genannt) Anfang 1945 vor der Roten Armee geflüchtet. Mit Bollerwagen. Die „Russen“ standen schon vor der Haustür. Uropa Alois war als einziger Mann mit auf der Flucht – er war zu alt für die Wehrmacht. Die anderen Tschauder-Männer kämpften an irgendeiner der sich auflösenden Fronten.

Die Flucht ging quer durch die Tschechei. Sie waren schon fast in Bayern, als Deutschland am 8. Mai 1945, dem fünften Geburtstag meiner Mutter, endlich kapitulierte. Also sind die Tschauders wieder zurück nach Oberschlesien. Zu Fuß. Sie dachten, jetzt wird alles wieder gut. Oder, dass zumindest eine Art Alltag einkehrt. Doch seit der Konferenz von Potsdam im August 1945 war klar, dass ein neuer polnischer Staat entstehen sollte. Oberschlesien fiel an Polen. Die Deutschen mussten raus: Ihre Vertreibung begann. 1946 ging es für Maria, meine Oma, meine Mutter, ihre kleine Schwester Christel und die anderen zwangsweise westwärts.

Sie landeten erst im niedersächsischen Wildeshausen, dann in Vechta – weil sie erzkatholisch waren und die Südoldenburger auch. Meine Oma, also Tante Marias Schwester, wollte von früher nichts mehr wissen. Der Schmerz nach Krieg und Vertreibung saß tief. So tief, dass er sprachlos machte. Tante Maria war da eine Ausnahme. Nur über die Flucht im kalten Winter 1945, die Fliegerangriffe auf den Treck, die Toten oder die Vergewaltigungen redete auch sie nicht. Ich weiß bis heute nicht genau, was ihnen damals widerfuhr. Es wurde überhaupt viel geschwiegen in der Generation meiner Großeltern.

Ein Familienporträt

Ich schaue mich in der Straße um. Bogdanowice ist menschenleer. Ich bin an einem Mittwoch hier, gegen Mittag. Der Himmel ist blau-weiß, fast wolkenlos. Stehe immer noch vor dem Elternhaus meiner Mutter. Im ersten Stock ist ihr Kinderzimmer gewesen. Da wo früher die Ladentür und die Schaufenster der Bäckerei waren, ist heute Wand. Die Ladenfenster wurden zugemauert. Ich hole ein altes, vergilbtes Foto aus der Tasche. Von 1915. Auf dem steht die ganze Familie Tschauder samt den Bäcker-Gesellen und Lehrlingen vor dem Geschäft – in der Mitte Meister Alois, der Chef, mein Uropa.

Die heutigen Besitzer des Hauses sind nicht da. Ich komme auch unangemeldet. Könnte mich ohnehin schlecht verständigen. Ich spreche kein Polnisch.

Rechts neben unserem Haus – ich denke schon „unserem“ – steht ein ebenfalls schönes altes Gebäude. Früher war das der besagte Gasthof Wolf. Mit den damaligen Nachbarn verband meine Familie mütterlicherseits eine Art Hassliebe. Meine Uroma Anna verstarb früh. Zwischen den Weltkriegen an Typhus. Später heiratete mein Urgroßvater ein zweites Mal – eine Tochter aus dem Nachbarhaus Wolf. Irgendwie muss das alles nicht so ganz harmonisch gewesen sein. Ich weiß nichts Genaues – das Schweigen der Großeltern-Generation. Jedenfalls blieben die Tschauders nach Flucht und Vertreibung auch in der neuen Heimat in Westdeutschland mit den Wolfs in Kontakt. Aber man redete nicht immer positiv über sie.

Heute ist das alte Tschauder-Haus in Bogdanowice restauriert, gestrichen, hat ein neues Dach und neue Fenster. Es ist immer noch beeindruckend. Rechts daneben sieht Wolfs ehemaliger Gasthof ziemlich ramponiert aus – Tschauders liegen vorn. „Tante Maria und Oma würde das gefallen“, denke ich.

Die Feuerwehr bestochen

Siebenmal besuchte Maria in den 1970er und Anfang der 80er Jahre ihre verlorene Heimat. In Folge des Kniefalles von Willy Brandt am 7. Dezember 1970 vor dem Ehrenmal der Toten des Warschauer Ghettos entspannte sich die Situation zwischen Polen und Deutschen ein wenig. Die Warschauer Verträge wurden unterzeichnet, kurz darauf konnten West-Deutsche leichter nach Polen reisen. Tante Maria beantragte ein Visum, und es ging mit dem Zug nach Oberschlesien.

Gleich beim ersten Besuch sah sie, dass der Keller ihres früheren Hauses voller Wasser stand. Die neuen Besitzer beteuerten, dass sie schon oft die Feuerwehr in Glubczyce (Leobschütz) gerufen hätten. Aber es war nie etwas passiert. Maria machte sich auf den Weg in die Kreisstadt. Mit Hartnäckigkeit, gutem Zureden und vermutlich auch einigen Devisen (damals noch DM) gewann sie die Herzen der Feuerwehr. Prompt rückte die am nächsten Tag an und pumpte den Keller leer. Jahrelang ist die Geschichte in Bogdanowice erzählt worden: „Maria, die Frau aus Deutschland, die die Feuerwehr in Schwung brachte.“

Ich gehe um das Tschauder-Haus und mir fallen immer mehr Geschichten ein. Im Garten stand früher eine Laube, da hat meine Mutter als kleines Mädchen gespielt – im Schatten des Weines. Auch davon gibt es Fotos. Mitten in Polen, in einem fremden Land, an einer Stelle, wo ich noch nie gewesen bin, fühle ich mich überhaupt nicht fremd. Das soll nicht falsch verstanden werden! Ich will nichts zurückhaben. Aber dieses Gefühl. Ich wische mir schnell eine Träne von der Wange.

Tante Maria konnte sich während ihrer Polen-Besuche verständigen. Sie sprach noch das im Deutschen Reich früher verspottete Wasserpolnisch – eine Mischung aus Deutsch, oberschlesischem Dialekt und Polnisch. Einige in Bogdanowice konnten es ebenfalls. Auch Maria war keine Revanchistin, überhaupt nicht. Sie konnte den Polen klar machen, dass sie nur ab und zu die alte Heimat sehen und fühlen wollte. Deshalb war Maria in Bogdanowice immer willkommen. Und sie machte Frieden mit ihrem Schicksal. Das glaube ich jedenfalls.

Erinnerungen, die nicht die eigenen sind

Es war in Deutschland lange verpönt, öffentlich über den Verlust zu reden und laut zu klagen. Ein jahrzehntelanges Dilemma der Vertriebenen in der jungen Bundesrepublik. Wer es trotzdem tat, wurde besonders in den 1970er und 80er Jahren schnell in die Revanchisten-Ecke gestellt. Die Vertriebenen-Verbände (BDV) taten ihres dazu bei. „40 Jahre Vertreibung – Schlesien bleibt unser“, posaunte BDV-Vizepräsident Herbert Hupka noch 1985 hinaus. Das polarisierte: Viele einfache Vertriebene schwiegen, die Polen reagierten empfindlich, und die deutsche Politik beschwichtigte. Seit dem Grenzvertrag 1990 fiel der östlich der Neiße gelegene Teil Schlesiens völkerrechtlich endgültig an die Republik Polen.

Ob ich nochmal wiederkomme? Ich weiß es nicht. Dann schießt mir durch den Kopf, was wohl die Polen über solche Besuche denken. Vielleicht: „Hört das denn nie auf?“ Auch fast 75 Jahre nach Kriegsende stehen irgendwelche fremden Deutsche vor ihren Häusern und schwelgen in Erinnerungen, die gar nicht ihre eigenen sind.