Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Ein Leben auf der Straße – für das Publikum

Veröffentlicht von Norbert Mierzowsky am 07.09.2018.

Alma und Konstancja sind perfekt vorbereitet: Im Rucksack Äpfel, was zu Trinken, Regenjacke, Kleingeld für die Künstler und „normales Geld, falls wir Hunger kriegen“, zählen die beiden Zehn- und Elfjährigen auf. „Wir waren schon fünfmal beim Zauberpflaster“, sagt Alma. Sie hat sich das Programm für heute Abend im Internet zusammengestellt und ihre Freundin auf den Platz auf der Lilie eingeladen, wo die vier Artisten der brasilianischen Gruppe Cia delá Praká Aufwärmübungen machen. „Als ich sieben Jahre war, wollte ich Artistin werden“, erzählt Alma. Aber ihre Mutter hat ihr davon abgeraten: „Die verdienen kein Geld.“

Dafür haben sie ihre Freiheit. „Wir können reisen, wohin wir wollen, wir haben niemanden, der uns befiehlt, was wir zu tun haben, und wir haben trotzdem immer einen Platz zum Schlafen und zu Essen“, erzählt Ronan Herique, einer der vier brasilianischen Artisten. Das klingt paradiesisch. Die Schattenseiten der Welt hat er als Kind kennengelernt. Der 32-Jährige ist in der Nähe der Favelas, der Slums von Rio de Janeiro, aufgewachsen. Mit 14 hat er Halsketten gebastelt, um sein erstes Geld zu verdienen. Dann schaute er sich bei Straßenakrobaten die ersten Kunststücke ab. Von seiner Familie erzählt er nur, dass sein Vater beim Militär war. Mit 17 entschließt er sich, sein Glück als Artist zu suchen. Mit 18 lernt er Marina Collares kennen. Zwei Bestandteile von Glück hat er gefunden: Liebe und Freiheit.

Hartes Leben und Training

Ihr geht es ähnlich: Als sie fünf Jahre alt war, hat sie mit Tanzen begonnen. Mit 14 Jahren lernte sie zeitgenössischen Tanz. Das ist 20 Jahre her. „Ich glaube, ich hatte keine andere Wahl, meine Mutter war Schauspielerin.“ Beide sind seit Jahren ein Paar, haben eine Künstlergruppe gegründet und sind gleichzeitig Teil einer großen, internationalen Familie, die aus lauter Straßenkünstlern besteht, erzählt sie. Auch in Hildesheim haben sie „alte Bekannte“ wiedergetroffen.

Aber es ist auch ein hartes Leben, das aus Lernen, Training und Unsicherheiten besteht. In Hildesheim testen sie beim Pflasterzauber ihr neues Programm „Maiador“. Das beschreibt einen Platz, auf dem in den ländlichen Regionen Brasiliens die Kühe den Tag verbringen. Die Kultur Brasiliens liegt den jungen Künstlern am Herzen. Ihr neues Programm erzählt von dem Leben der einfachen Menschen in ihrer Heimat, ihren Geschichten und den Liedern der Arbeiter. Artistisch arbeiten sie mit den Mitteln des brasilianische Kampfkunsttanzes Capoeira, der auch afrikanische Wurzeln hat. Leichtfüßig, anmutig und körperbetont versetzen sie ihr Publikum dabei immer wieder erneut ins Erstaunen.

Unterwegs in Europa und Afrika

Die Gruppe Cia delá Praká hat sich 2007 an der Nationalen Zirkusschule von Rio de Janeiro gegründet. Marina und Ronan haben sich dort kennengelernt. „Wir wollten weg von dem akademischen Stil“, erzählt die junge Frau. In den nächsten Jahren tourten sie durch Brasilien, waren in Spanien, in Afrika und studiert an einer Zirkusschule in Toulouse.

Ihr halbes Leben sind sie unterwegs, fremde Länder, fremde Städte und auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten. Schwierigkeiten haben beide nicht dabei erlebt, sagt Ronan. „Wenn man jemandem gut begegnet, wird man auch gut behandelt“, ist er überzeugt. Vielleicht auch, weil es einfach sein Traum ist, so leben zu können.

Mehr als reine Artistik

Seit zehn Jahren ist er gemeinsam mit Marina in der ganzen Welt unterwegs, davon aber nur drei Winter, sagt er und lacht. „Der Winter in Europa ist nicht so angenehm.“ Drei Monate im Jahr ging es zurück nach Brasilien. Aber immer nur, um wieder zurückzukehren – in ihr Leben auf den Straßen Europas. Sie haben mit Diana Bloch und Edgar Ramos zwei neue Partner aus Brasilien gewonnen, die sie in Toulouse kennengelernt haben. Die beiden sind mit knapp 20 Jahren in die Zirkuswelt eingetaucht, aber reine Artistik war ihnen nicht genug.

„Wir sind auf der Suche nach etwas Neuem, um uns auszudrücken“, erzählt Edgar. Irgendetwas, was traditionell und authentisch ist, ihre Sehnsucht nach Heimat ausdrückt, aber gleichzeitig so wild und gleichzeitig poetisch ist, wie vielleicht auch nur junge Herzen sich das Leben vorstellen können. Etwas Besseres als die Straße gibt es dafür vielleicht auch nicht.

Traum von eigenem Zuhause

Doch die hat auch ihre Schattenseiten. Die Einsamkeit der Fremde. „In jeder Stadt kommen wir an und kennen niemanden, wir müssen uns neu zurechtfinden“, erzählt Ronan. Und wenn sie dann warm geworden sind, geht es wieder weiter. Ein halbes Leben auf Wanderschaft ist nicht nur ein Abenteuer oder ein Traum, der in Erfüllung geht. Für ihn und Marina ist es mittlerweile immer stärker auch das Fehlen von einem Zuhause. „Ich wünsche mir feste Beziehungen zu den Menschen, ich möchte irgendwann auch Wurzeln schlagen können“, sagt die 34-Jährige. Ein eigenes, kleines, privates Paradies.

Den Ort dafür haben Sie und Ronan schon gefunden. Im Regenwald von Brasilien haben sie eine Kakao-Farm übernommen. Doch nicht, um als Landwirte zu arbeiten. „Wir wollen dort eine eigene Artistenschule aufbauen“, sagt sie, „zuhause“. Sie möchten ihre Träume und Erfahrungen an andere junge Menschen in Brasilien weitergeben. Und ihnen dabei helfen, einen künstlerischen Ausdruck für ihre Sehnsüchte zu finden. Eingesammelt haben sie Erlebnisse mit anderen Menschen in Europa, aber auch in Afrika. Aber in ihrem Herzen hat längst ihre brasilianische Heimat Wurzeln geschlagen. Aber noch ist es nicht so weit. „Wir wollen noch viel lernen“, sagt Ronan. Von anderen Straßenkünstlern. Auch in Hildesheim. Beim Pflasterzauber.