Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Ein neuer Blick auf das Gronauer Sprachgenie

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 15.05.2019.

Gronau - Die neue junge Mitarbeiterin bekam erst einmal mächtig Zunder: Den Dialekt von ihrer Insel möge sie sich bitte schnell abgewöhnen. Hier in Bergen wolle den niemand hören. Die Frau gehorchte. Hätte der Geschäftsinhaber in der norwegischen Hafenstadt die junge Frau damals nicht so angefahren, wäre ihre Tochter vielleicht nie nach Gronau gekommen. Und es würde vielleicht keinen Film über Georg Sauerwein geben, eins der größten Sprachgenies aller Zeiten und den bekanntesten Sohn Gronaus.

Anne Magnussen heißt die besagte Tochter. Sie ist Regisseurin und Inhaberin einer Filmfirma in Bergen – und hat einen ungewöhnlichen Dokumentarfilm über Sauerwein gedreht: „Der Mann, der 75 Sprachen konnte.“ Ob dieser demnächst im Gronauer Kino zu sehen ist, hängt am Votum des Stadtrates. Doch die Vorgeschichte des Films ist fast so spannend wie die historische Persönlichkeit Sauerwein selbst. Und genauso international.

Bloß nicht den heimischen Dialekt sprechen, sondern Hochnorwegisch – das predigte die Mutter der kleinen Anne Magnussen von kleinauf. „Sie wollte uns Peinlichkeiten ersparen.“ Sie glaube, dass es vor allem diese Erfahrung war, die in ihr das Interesse für Georg Sauerwein geweckt hat – einen Mann, der sich gegen viele Widerstände für den Erhalt lokaler Sprachen und Dialekte eingesetzt hat. Dazu passt, dass Magnussen den Namen Sauerwein erstmals in Litauen hörte. „Dort wurde er mir als Vater der Nation vorgestellt, weil er sich für die dortige Sprache verwandt hat.“ Zurück in Norwegen fand sie eine Biografie Sauerweins in ihrer Heimatsprache – denn der Gronauer hatte auch längere Zeit in dem skandinavischen Land gelebt.

In Gronau unterwegs

Magnussen war fasziniert. Begann, mehr zu lesen. Reiste zu den wichtigsten Stationen in Sauerweins Leben, gleich zweimal nach Gronau: „Wir sind drei Stunden herumgefahren, haben versucht, anhand alter Bilder Lieblingsplätze Sauerweins zu finden“, erzählt Bürgermeister Karl-Heinz Gieseler, der im Abspann des Films eine Danksagung bekommt. Zudem stöberte Magnussen im örtlichen Sauerwein-Archiv, ein Kameramann filmte in Stadt und Landschaft. Denn in Magnussens Film bewegen sich gezeichnete Figuren teilweise in gefilmten Szenerien.

Der Streifen hat zwei Schwerpunkte: Das Ringen Sauerweins für Sprachen und Dialekte als Identitätsstifter, dass für die Regisseurin gerade angesichts des Zuzugs von Flüchtlingen nach Europa eine neue Aktualität hat. Und seine Beziehung zu der Prinzessin Elisabeth zu Wied, der späteren Königin von Rumänien. Deren Familie hatte Sauerwein als Hauslehrer engagiert, der Gronauer verliebte sich in die Adlige. Wie weit die Beziehung ging, ist historisch umstritten – sicher ist, dass die Liebe letztlich unerfüllt blieb, weil die Standesunterschiede eine Ehe ausschlossen.

Politische Debatte

Heftigen Gegenwind erntete Sauerwein auch für seinen Einsatz für andere Sprachen – das gerade zum Nationalstaat geformte Deutsche Reich wünschte mehr Einheitlichkeit, keine Vielfalt. Jemand, der Sorbisch und Litauisch lernte und stärkte, der europäisch dachte und Völker näher zusammenbringen wollte, war vielen suspekt, wurde massiv beschimpft. Dieser Konflikt klingt schon im Trailer des Films an. Da wird Sauerwein bei einem Empfang gefragt, welche Sprachen er alle beherrsche – und bekommt nach einer imposanten Aufzählung zu hören: „Und was bringt das alles? Wir brauchen eine zentrale Sprache!“

Magnussen nennt ihr 64-Minuten-Werk eine Art animierte Dokumentation“. Damit wolle sie Interesse für die historische Person wecken, ohne den Anspruch historischer Präzision zu erheben: „Kino und Fernsehen ist Unterhaltung. Aber vielleicht bringt der Film Menschen ja dazu, eins der vielen guten Bücher über Sauerwein zu lesen!“

Ob der Film in den Gronauer Lichtspielen gezeigt wird, diskutiert der Kulturausschuss des Gronauer Stadtrates am Donnerstag, 23. Mai, ab 17 Uhr öffentlich im Bürgermeisterhaus, Junkernstraße 7. Dabei geht es vor allem um die Kosten. Zudem soll der Film im Herbst als DVD auf den Markt kommen.

Die Kurzbiografie

Georg Sauerwein wurde am 15. Januar 1831 in Hannover geboren und kam als zehnjähriger nach Gronau, als sein Vater dort Pastor wurde. Nach dem Abitur studierte er zunächst in Göttingen Sprachwissenschaften, zog dann für einige Jahre nach England und Wales und entdeckte dort sein Sprachtalent.

Je nach Quelle beherrschte er 50 bis 80 Sprachen und Dialekte. 1857 wurde er Privatlehrer der Prinzessin Elisabeth zu Wied. Später lebte er teilweise in Litauen und in Norwegen, wo er 1904 starb. Mehrmals kandidierte er vergeblich für den Reichstag. Zwischendurch wohnte er immer wieder in Gronau, auf dem Lehder Friedhof dort ist er begraben. abu