Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Ein Raum auf Schienen in der Kirche

Veröffentlicht von Andrea Hempen am 13.03.2018.

Nettlingen - Das ist einmalig in der evangelischen Landeskirche Hannover: In Nettlingen wird ein fahrbarer Gemeinderaum in die Marienkirche gebaut. Die evangelische Kirche muss sparen, dazu gehört, den Immobilienbestand zu reduzieren und Unterhaltungskosten einzusparen. So verkauften die Nettlinger vor drei Jahren ihr Pfarrhaus. Schon öfter sind Gemeinderäume in Kirchen integriert worden, berichtet Architekt Thomas Naumann. Doch auf Schienen, wie in Nettlingen, kommt bisher keiner daher.

„Winterkirche“

Unter dem Titel „Winterkirche“ begannen die Planungen 2016. Die Hildesheimer Firma Bernward-Immobilien nahm den Auftrag an. „Wir erstellten ein Gesamtkonzept für die Kirche“, erklärt Architekt Thomas Naumann, Geschäftsführer der Bernward-Immobilien. Künftig wird die evangelische Kirche nicht mehr nur für Gottesdienste, sondern multifunktional genutzt.

Donnerstag geht es los

Am Donnerstag richten sich die Trockenbauer auf ihrer neuen Baustelle ein. Die Ur-Idee, einen Raum in der Kirche zu schaffen, stammt von den Nettlingern, wie Naumann berichtet. Sein Entwurf sieht vor, dass ein Raum auf Schienen entsteht, der unter die Orgelempore geschoben werden kann und bei Bedarf nach vorne, in den Kirchenraum, gezogen wird. Für die Schienen werden Rillen in das zwölf Zentimeter starke Parkett gefräst. 20 Leute sollen in dem gläsernen Raum Platz finden. Durch einen Bogen wird der neue Gemeinderaum mit dem Turmzimmer verbunden sein. Wie bereits jetzt finden die Gäste dort auch später Toiletten und eine moderne Küchenzeile.

235 000 Euro

235 000 Euro kostet der Umbau, 120 000 Euro bringt die Kirchengemeinde auf, die restliche Summe setzt sich aus Spenden, sowie Zuschüssen der Landeskirche Hannover und des Kirchenkreisamtes zusammen. „Wir sind sehr stolz, dass wir diesen Raum bekommen“, sagt Hans Jürgen Pieper. Nur für dieses Projekt hat er noch einmal den Vorsitz im Kirchenvorstand übernommen. Die Planung lief zuvor schleppend. Unter anderem überschattet durch den Tod des Kirchenvorstandsvorsitzenden Andreas Kniep.

„Der Kirchenvorstand brauchte einen Macher, mein Opa sollte das regeln“, sagt Julius Albrecht, Student der evangelischen Theologie und Enkel Piepers.

Für das Projekt waren Spenden in Nettlingen gesammelt worden. Da augenscheinlich aber nichts geschah, hätten sich Fragen im Dorf nach dem Verbleib des Geldes gemehrt, seien Gerüchte aufgekommen. „Da platzte mir der Kragen“, erzählt Pieper. Schließlich waren viele Ämter, wie das für Denkmalschutz, Bau- und Kunstpflege involviert, das dauerte ein Jahr.

Vereinbartes Bauende

Nun geht es los. Mit den Handwerkern sei vertraglich geregelt, dass die Arbeiten am 1. August dieses Jahres fertig sein müssen. An dem Tag werden nicht nur die Bauarbeiten abgeschlossen. Nach 16 Jahren im Kirchenvorstand wird auch für Pieper endgültig Schluss in dem Gremium sein. Noch einmal will sich der 72-Jährige nicht überreden lassen.

Beim zweiten Bauabschnitt, der Winterkirche, die dem ganzen Projekt den Namen gab, will Pieper nicht mehr die Verantwortung tragen. Für die Winterkirche wird der Altarraum vom Kirchenschiff mit einer Glasschiebewand getrennt. So ist der Raum für die Gottesdienstbesucher nahe des Altars reduziert und besser heizbar. Dafür allerdings muss noch Geld gesammelt und beantragt werden.