Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Eine Fahrkarte für alle: Gelingt der Durchbruch?

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 13.02.2018.

Kreis Hildesheim - Wer mit Bus und Bahn in Stadt und Landkreis unterwegs ist, braucht für eine Fahrt bis zu drei Tickets. Seit mittlerweile 20 Jahren soll ein Tarifverbund die Nutzung des Nahverkehrs erleichtern. Schon oft wurde angekündigt, bald sei es so weit – doch immer kam etwas dazwischen. Aktuell hakt es an einem Problem, das zuvor noch nie genannt wurde – den Preisen der Nordwestbahn. Dennoch hofft zumindest der Landkreis auf einen Durchbruch in Kürze. Zumindest auf einen kleinen Durchbruch.

Das Thema kam jüngst im Bau- und Umweltausschuss des Kreistages wieder einmal zur Sprache. Dort beantragten die Grünen ein sogenanntes Sozialticket – Vergünstigungen für sozial Schwache im Nahverkehr. Verwaltungs-Vertreter Jürgen Flory wiegelte ab: Es sei sinnvoll, den geplanten Tarifverbund abzuwarten, schon aus organisatorischen Gründen. Da ging ein kollektives Seufzen durch den Raum, und Grünen-Vertreter Ekkehard Domning bekundete mit entsagungsvoller Miene, er hoffe ja immer noch, dass dieser Tarifverbund „wenigstens zu meinen Lebzeiten“ noch komme.

Levonen: „Ich finde es auch nicht witzig.“

Tatsächlich liest sich die Geschichte des Tarifverbundes ein bisschen wie die des neuen Berliner Flughafens: Immer neue Terminankündigungen durch wechselnde Verantwortliche – und immer neue Probleme, die den Start verhindern und verzögern. Mal gab es Probleme mit den Fahrkartendruckern, mal stellte sich der Regionalbus Braunschweig quer. Aktuell mag niemand einen Stichtag nennen.

Landrat Olaf Levonen (SPD), der in seinem Wahlprogramm 2018 als Ziel für den Start ausgerufen hatte, und der auch zu jenen gehört, die schon mal deutlich frühere Termine angekündigt hatten, sagt: „Ich kann verstehen, wenn jemand das Ganze lächerlich findet. Ich finde es auch nicht witzig.“

Tatsächlich ist der Landkreis als Verantwortlicher für den Nahverkehr im Kreisgebiet und Mehrheitseigner des Regionalverkehrs (RVHi) ein wesentlicher Faktor für die Einführung es Tarifverbundes, aber eben nicht der einzige. Denn der Stadtverkehr Hildesheim (SVHi) hat zwar mit Kai-Henning Schmidt den gleichen Geschäftsführer wie der RVHi, ist aber eine Tochtergesellschaft der Stadtwerke Hildesheim. Da ist der Landkreis formell ohne Einfluss, ebenso wie beim Regionalbus Braunschweig, bei der Nordwestbahn und beim Busunternehmen Koch. Diese drei sind für einzelne Strecken im Ost- und Südkreis zuständig, müssten aber ebenfalls mit ins Boot.

Auf die Nordwestbahn fokussiert sich derzeit auch die Diskussion, wie die Erste Kreisrätin Evelin Wißmann erklärt. Die Vize-Chefin der Kreisverwaltung und Aufsichtsrats-Vorsitzende des RVHi (als Nachfolgerin ihres Chefs Levonen) bemüht sich derzeit, den Tarifverbund voranzutreiben. „Die Nordwestbahn müsste dafür allerdings ihre Fahrpreise um 30 Prozent erhöhen, um sich dem Bus-Niveau anzugleichen“, erklärt sie. Das allerdings sei weder im Sinne des Unternehmens noch der Landes-Nahverkehrsgesellschaft (LNVG), die Preiserhöhung und Verbund genehmigen müsste. Schließlich will das Land, dass der Nahverkehr möglichst günstiger wird und nicht teurer.

Ohnehin wäre eine solche Preissteigerung bei der Nordwestbahn angesichts zahlloser Verspätungen, Zugausfälle und anderer Probleme in den vergangenen Monaten wohl kaum vermittelbar. Ende des Monats gibt es ein weiteres Gespräch zwischen Wißmann, LNVG und Nordwestbahn. „Wir wollen eine Lösung finden“, betont Wißmann. „Deshalb reden wir derzeit oft und intensiv miteinander.“

Schneller als BER

Und wenn es keinen gemeinsamen Nenner gibt? Dann gibt es beim Landkreis auch Planspiele für eine Art Tarifverbund light, um überhaupt einmal zu starten. Sprich eine Vereinheitlichung von Tarifen und Fahrkarten zwischen RVHi und SVHi, die ja für einen Großteil der Kunden in Stadt und Landkreis tatsächlich einen Verbund bringen würde. „Wir sind der Sache ja auch schon nähergekommen, wenn auch eher unverhofft“, merkt Wißmann an. Nach der Pleite des Busunternehmens Rizor hatte der RVHi dessen Linie 34 von Holle nach Hildesheim übernommen und die Preise auf sein übliches Niveau angehoben. Folge: Eine Firma und ein Tarifmodell weniger, das unter einen Hut gebracht werden muss.

Doch noch ist das Tarifverhältnis zwischen RVHi und SVHi so kurios wie die Konstruktion der beiden Schwesterunternehmen mit gemeinsamem Chef und verschiedenen Eignern. Wer mit dem Regionalverkehr aus dem Landkreis nach Hildesheim kommt, kann dort mit seiner Fahrkarte in einen Stadtbus umsteigen. Wer hingegen innerhalb Hildesheims mit dem SVHi zum Beispiel zum Hauptbahnhof fährt und dann in einen RVHi-Bus wechselt, um einen Ort im Landkreis anzusteuern, braucht zwei Fahrkarten.

Steigt er vom SVHi in die Nordwestbahn um und will danach noch mit einem Bus weiterfahren, sind sogar drei Tickets nötig. Zumindest zwischen SVHi und RVHi hält Wißmann dieses Problem für bald lösbar. Es fehle noch ein System, das die interne Abrechnung zwischen beiden Firmen gewährleiste. Die nötige Angleichung von Technik und Fahrkartendruckern, die lange als unüberwindbare Hürde galt, sei jedenfalls inzwischen erfolgt. Und der letzte Schritt sei wohl vor allem deshalb nicht gegangen worden, weil die Verantwortlichen keinen Zwischenschritt machen, sondern den kompletten Tarifverbund abwarten wollten.

„Wir standen schon oft einen Meter vor dem Ziel, haben es dann aber nicht erreicht“, gibt Landrat Olaf Levonen zu. Es scheint wieder einmal so weit zu sein. Klappt es diesmal, hätte es zwar immer noch 20 Jahre gedauert. Es wäre aber immerhin vor dem Berliner Flughafen gelungen.

Kommentar: Peinlich und dumm

An Gründen, warum es leider doch noch nichts wird mit dem Tarifverbund, mangelt es den Verantwortlichen seit gut 20 Jahren nicht. Das ist peinlich und dumm. Peinlich angesichts der Dauer und der vielen Versprechungen in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Dumm deshalb, weil der Autoverkehr immer stärker wird. Fahrer klagen über Staus und Behinderungen, Anlieger über Lärm, Städte wie Hildesheim über eine zu hohe Schadstoff-Belastung der Luft. Moderne Mobilität muss deshalb weniger Individualverkehr bedeuten. Das funktioniert aber nur, wenn Angebote und Image des Nahverkehrs gut sind. Die Probleme mit dem Tarifverbund sorgen im Raum Hildesheim aber für das Gegenteil.

Doch die unendliche Debatte um den Tarifverbund macht auch ein weiteres Problem deutlich, das nicht auf den Nahverkehr beschränkt ist. In vielen Bereichen haben Stadt und Landkreis sich in den vergangenen Jahren komplizierte Kons-truktionen überlegt, bei denen weniger die Interessen der Nutzer im Mittelpunkt standen. Sondern eher Fragen von Finanzierung, Macht und Einfluss. Ein Paradebeispiel sind die Eigentumsverhältnisse bei der Volkshochschule. Vieles könnte einfacher, schneller und günstiger funktionieren, wenn es entflochten würde.

Beim Nahverkehr stellt sich die Frage, warum Stadt- und Regionalverkehr eigentlich parallel existieren müssen und nicht verschmolzen werden. Den gleichen Chef haben sie eh schon. Weitere Synergien, die Politik und Wirtschaft ja immer gern suchen, wären möglich. Und nebenbei ein großer Schritt zum Tarifverbund gemacht.

Von Tarek Abu Ajamieh