Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Einst und heute: der Kehrwiederturm

Veröffentlicht von Christian Harborth am 15.04.2019.

Hildesheim - Ein Blick in die Wollenweberstraße des Jahres 1935. Der Fotograf hat ein Bauwerk in den Mittelpunkt seiner Aufnahme gerückt, das die Umgebung in seiner heutigen Form seit 550 Jahren dominiert: den Kehrwiederturm.

„Er ist der letzte Zeuge des im 13. Jahrhundert entstandenen Hohnser Tores der Hildesheimer Neustadt“, sagt Sven Abromeit, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins. Der Torturm wie Hildesheimer ihn heute kennen ist 1465 entstanden, 1501 wurde das Neue Hohnser Tor errichtet, das die Torfunktion Richtung Hohnser Mühle und Ochtersum übernahm. Auch diese Toranlage blieb als „Nadelöhr“ bis heute erhalten und wird täglich von hunderten Passanten auf ihrem Weg zwischen Lappenberg und Weinberg genutzt.

Auch der mittlere Teil unseres 84 Jahre alten Bildes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Der Kehrwiederturm prägt bis heute den Blick nach Süden von der Wollenweberstraße in Richtung Lappenberg. Die Häuser im Vordergrund, also im Bereich der Kreuzung Wollenweberstraße, Goschenstraße und Neue Straße, wurden allerdings überwiegend schon beim Bombenangriff am 22. Februar 1945 zerstört.

Daher kommt der Name

Der Name der Wollenweberstraße ist seit 1473 belegt und erinnert – Nomen est omen – an den Sitz der Wollweber. Vorher hieß sie wegen der Bedürftigkeit ihrer Bewohner „Bettlerstraße“ (platea petitorum, 1319). 15 Jahre nach der Aufnahme wurde die Straße bis zum Hindenburgplatz verlängert. Vorher mündete sie in den Friesenstieg. Beide, Hindenburgplatz und Friesenstieg, befanden sich im Rücken des Fotografen, während er auf den Auslöser drückte.

Vorn nahm er unter anderem die Einmündungen der Goschenstraße (links) und der Neuen Straße (rechts) auf. Rechts nähert sich gerade ein Kutschwagen der Einmündung der Neuen Straße.

Der Name Kehrwiederturm wird gern mit der Hildesheimer Sage von der verirrten Jungfrau, die durch das Glockengeläut des Turmes den Weg nach Hause zurückfindet, in Verbindung gebracht. Tatsächlich knickt der die Neustadt schützende, gerade verlaufende Wall an dieser Stelle stark nach Süden in Richtung Godehardikirche ab, macht also eine „Kehre“. Der Turm ist seit 1982 Domizil des Kunstvereins.