Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Einst und heute: Kleiner Anbau, große Kunst

Veröffentlicht von Christian Harborth am 11.02.2019.

Hildesheim - Diese fotografische Neuentdeckung aus dem Gerstenberg-Verlagsarchiv strotzt auf den ersten Blick nicht gerade vor baulicher Gewaltigkeit. Zwei Marktleute auf ihrem Weg durch die Rathausstraße überqueren die Scheelenstraße, im Hintergrund bemühen sich schiefe Fachwerkhäuser um größtmögliche Haltung.

Doch wer genauer hinschaut, entdeckt über der Kiepe der Frau den Schriftzug „Kunstuhr“ auf einem hölzernen Balken des niedrigen Anbaus. Das Haus Rathausstraße 7 links daneben war bei „Einst und heute“ bereits Thema. Wo das Kunstwerk des Malers Gustav Drenkhahn aus der Goschenstraße tatsächlich stand, zeigt allerdings erst das 84 Jahre alte Bild links.

Drenkhahns Kunstuhr

Jüngere Hildesheimer treffen sich hier gerade auf dem Platz an der Lilie zum Eislaufen. Ältere Hildesheimer werden sich wohl noch daran erinnern, dass der Platz einst mit Häusern bebaut war. Und dass man an dieser Stelle, zweitens, Drenkhahns Lebenswerk bewundern konnte, wenn man unter dem Balken hindurch in den kleinen Anbau trat. Drei Jahrzehnte hatte der Maler in seiner Freizeit Ahornholz gesägt, geschliffen, angepasst und geklebt. Selbst das Uhrwerk hatte Drenkhahn aus Holz gefertigt.

„Ab dem 27. Januar 1932 war die Kunstuhr dann in der Rathausstraße zu besichtigen“, sagt Sven Abromeit, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins. Die HAZ schrieb in einem Artikel vom November 1932, die Uhr sei ein Renaissancebau und ähnele ungefähr der Peterskirche in Rom. „Die Monate, Tage, Stunden, Minuten und Sekunden haben je ein besonderes Zifferblatt erhalten, dazwischen befindet sich die Sonnenuhr, eine kleine Weltkugel dreht sich in 24 Stunden einmal um sich selbst, ja sogar der Mond wird in seinen verschiedenen Stellungen gezeigt.“

Die „Kunstuhr“ und das auf dem Foto ebenfalls abgebildete stattliche Haus von Schlachtermeister Borchers an der Ecke zur Marktstraße wurden 1945 ein Opfer der Bomben. Der Platz An der Lilie wurde nicht wieder bebaut.