Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Ermittler rätseln: Warum ging die Schranke hoch?

Veröffentlicht von Thomas Wedig am 10.09.2018.

Rössing/Heyersum - Wie war es möglich, dass die Fahrdienstleitung am Freitag die Anrufschranke zwischen Rössing und Heyersum öffnete, obwohl sich gerade ein Zug näherte? Diese Frage steht aktuell bei den Ermittlungen der Bundespolizei im Mittelpunkt. Wie berichtet wurde der Wagen einer 47-Jährigen total zerstört, als er auf dem Bahnübergang mit einem Erixx-Zug zusammenprallte. Die Fahrerin hatte großes Glück, sie wurde bei dem Unfall nur leicht verletzt.

„Die Schranke wurde geöffnet“

Ganz geklärt sind die Abläufe anscheinend noch nicht. Die Pressestelle der Bundespolizei bestätigt lediglich: „Die Autofahrerin bat über die Gegensprechanlage bei der Fahrdienstleitung um Öffnung der Schranke. Die Schranke wurde geöffnet.“ Warum sie sich öffnete oder geöffnet wurde, obwohl die Strecke nicht frei war, werde allerdings weiter untersucht. Näheres will die Bundespolizei dazu noch nicht sagen. Sie verweist darauf, dass sich die Ermittlungen „auf ein mögliches strafrechtliches Handeln“ nach Paragraf 315 des Strafgesetzbuches beziehen. In diesem Paragrafen geht es um eine Gefährdung des Bahnverkehrs – und sieht bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe vor, wenn ein Verantwortlicher „grob pflichtwidrig“ gegen Sicherheitsvorschriften der Bahn verstoßen hat.

Zu 90 Prozent Fehlverhalten

Technische Defekte sind nach Angaben der Deutschen Bahn nur selten die Ursache, wenn es zu Unfällen auf Bahnübergängen kommt. In 90 Prozent aller Fälle führt menschliches Fehlverhalten dazu – Blinklichter werden missachtet, Halbschranken aus Leichtsinn oder Ungeduld umkurvt. Allerdings gibt es derzeit keinen Hinweis, dass sich die 47-Jährige im aktuellen Fall irgendwie falsch verhalten haben könnte.

Laut einer Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) sterben pro Jahr in Deutschland etwa 50 Verkehrsteilnehmer an Bahnübergängen, rund 250 werden schwer, knapp 1000 leicht verletzt. Doch die Zahl solcher Unfälle geht nach Angaben der Deutschen Bahn kontinuierlich zurück.

Bahn baut Übergänge ab

Das liegt auch daran, dass das Unternehmen versucht, immer mehr Übergänge durch Tunnel oder Brücken zu ersetzen. Insgesamt gibt es 16 871 Bahnübergänge im Streckennetz der Bahn (Stand Ende 2016), das sind 190 weniger als im Vorjahr. Anrufschranken wie die bei Rössing sind selten geworden: Bundesweit existieren nur noch 535 solcher Schranken, bei denen der Verkehrsteilnehmer sich über eine Sprechanlage melden muss und die Schranke daraufhin geöffnet wird. In Sarstedt wurden zwei Rufschranken im Jahr 2012 abgebaut – sobald die Ziele hinter den Übergängen durch eine neue Ersatzstraße erreichbar waren.

Mit Abstand am sichersten sind Vollschranken an einem Bahnübergang. Ist dieser nur durch Halbschranken, durch eine Ampel oder ein Blinklicht gesichert, erhöht sich das Unfallrisiko nach der genannten UDV-Studie um das 49-fache.