Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Geflügelzüchter feiern 150. Geburtstag

Veröffentlicht von Christian Harborth am 13.08.2019.

Hildesheim - Hans Thron ist ein Glückspilz. Bei der Ausstellung der Geflügelzüchter am 5. November 1950 in der Gallwitzkaserne kauft der Haseder 13 Lose. Die Ausbeute: gigantisch. Thron gewinnt als Preise eine Gans, einen Hahn, eine Kiste Zigarren, eine Flasche Likör, einen Beutel Hühnerfutter und einige Türbeschläge. Das Beweisfoto erscheint zwei Tage später in der Zeitung. Thron, stolz wie Bolle, steht an einem Kasernenpfosten, die quicklebendige Gans hat er sich unter den einen Arm gesteckt, der andere trägt das Hochprozentige. Tochter Helga hält den Hahn, eine Freundin zeigt das Hühnerfutter.

Friedbert Fabig zieht im Dr.-Lax-Haus den Zeitungsausschnitt mit der Aufnahme aus einer Klarsichthülle. Der Zuchtwart für Tauben des Geflügelzuchtvereins Hildesheim und Umgebung hat in den vergangenen Wochen und Monaten Hunderte solcher Zeitdokumente gesichtet und daraus eine Chronik verfasst. Der Verein, der sein Domizil Vor der Lademühle im Jahr 1975 bezog, feiert in diesem Jahr 150-jähriges Bestehen. Am Samstag treffen sich die Mitglieder gemeinsam mit geladenen Gästen im Dr.-Lax-Haus zu einer Feierstunde. Die Öffentlichkeit hatte bereits vor einigen Wochen beim Hähnewettkrähen mitgefeiert.

Versammlungen immer da, wo das Bier billig war

In die Anfangsjahre des Vereins zu schauen, ist nicht ganz einfach. „Die meisten Dokumente sind während des Zweiten Weltkriegs zerstört worden“, sagt Fabig. Langjährige Mitglieder wie Werner Kyling, der 1956 als Zehnjähriger zum Verein kam, haben noch Unterlagen und Fotos. Die ganz alten Dokumente stammen aber aus dem Stadtarchiv. Zum Beispiel die kleine Notiz in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung, die im April 1869 unter „Verschiedenes“ gedruckt wurde. „Einige Züchter haben mehrere Lokale zu fliegenden Hecken eingerichtet und einer derselben hat 100 Zuchtvögel“, heißt es dort auszugsweise. Und weiter: „Die Zucht selbst kann bei einem gründlichen Betriebe und insbesondere bei einer entsprechenden Ernährung der Vögel sehr lohnend sein.“

Das war früher anders. Rund 100 Jahre mussten die Vereinsmitglieder „tingeln“ gehen. „Sie trafen sich im Kolpinghaus am Pfaffenstieg, in der Alten Münze oder in der Gaststätten am Hagentor“, erzählt Fabig. „Immer da, wo das Bier billig war“, schiebt Schriftführer Manfred Bornemann lachend hinterher.

Im kleinen Büro des Vereinsheims hängen Porträts der bisherigen Vorsitzenden. Das erste in der Reihe zeigt den Sanitätsrat August Lax, der am 3. Januar 1872, ein Jahr nach dem Deutsch-Französischen Krieg und der deutschen Reichsgründung, die Geschäfte übernahm. „Wir recherchieren noch, wer die drei Jahre davor Vorsitzender war“, sagt Fabig. Vermutlich hieß er C. E. Ehrbar. In der Chronik ist er jedenfalls schon so vermerkt. Ein Foto existiert aber nicht.

Dr. Lax als Übervater der Geflügelzüchter

Dr. Lax ist noch immer so etwas wie der „Übervater“ der Geflügelzüchter. Er stand drei Jahrzehnte an der Spitze des Vereins. Damals konnte es sich nicht jeder leisten, Hühner oder andere Großvögel als Hobby zu züchten. Nur wohlhabende, bessergestellte Männer hatten das Geld, um neben der Familie noch weitere hungrige Schnäbel durchzufüttern. Geschweige denn eigene Lauben und Volieren zu unterhalten, wie sie die heutigen Mitglieder hinter dem Vereinshaus haben.

Vieles hat sich geändert. Manches ist geblieben. Schon in den alten Zeitungsberichten ist etwa von Rübsen als Nahrung für die Vögel zu lesen. Das ist so geblieben. „Rübsen sind immer noch das Brot für die Vögel“, sagt der Vereinsvorsitzende Vollrath Schwitters.