Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Goethes neue Linde

Veröffentlicht von Christian Harborth am 06.12.2017.

Hildesheim - Wer das Goethegymnasium besucht hat, der verbindet seine Schulzeit auch immer mit einem stattlichen Gesellen auf dem Schulhof. Generationen von Schülern haben unter der Linde pausiert, gebüffelt oder sich im Schatten des Baumes getroffen. Die Stadt hat lange um das zum Schluss fast 180 Jahre alte Lebewesen gekämpft. Doch die Schäden waren am Ende zu groß.

Vor einigen Tagen musste der Methusalem-Baum fallen. Aber eine neue Linde soll die Tradition an gleicher Stelle fortführen. „Dass der Baum gefällt werden musste, war für uns alle ein Schock“, sagte Schulleiterin Maria Uhlenkamp am Mittwoch beim ersten Lindenfest. Aber nach dem Fällen sei für jedermann sichtbar gewesen, dass die Entscheidung richtig war. „Innen war der Baum in einem Durchmesser von 50 Zentimetern hohl“, berichtete Uhlenkamp.

Mit der Feier wollte die Schule den Nachfolger, eine rund vier Meter hohe Silberlinde, begrüßen und zugleich eine neue Tradition begründen. Laut Uhlenkamp ist der Wunsch in der Schulgemeinschaft groß, sich ab sofort jährlich zu einer Feier am Hausbaum der Schule zu treffen. Ob dies immer im Dezember passieren soll, steht noch nicht fest. Der Auftakt hänge mit dem neuen Baum zusammen, der vor einigen Tagen gepflanzt worden war.

„Gratulation zum schönen neuen Sauerstoffspender“

Bürgermeisterin Beate König gratulierte zum „schönen neuen Sauerstoffspender mitten in Hildesheim“. Schülergruppen musizierten, verkauften Leckereien und gruben am Ende eine Dokumentenkapsel an der Wurzel ein. „Sie enthält zum Beispiel Wünsche der Schüler, heutige Münzen und eine Ausgabe der HAZ vom 9. November“, sagte Lehrer Tomas Bierwirth. Über sie sollen spätere Generationen erfahren, wie es 2017 rund um das Goethegymnasium aussah.

Viele Menschen haben eine besondere Verbundenheit zur Goethe-Linde oder eine Geschichte zu ihr zu erzählen. Zum Beispiel Studentin Sarah Haase. Die 21-Jährige besuchte das Goethegymnasium bis 2015. Im Vorabi saß sie einmal traurig unter dem Baum, als ein Lehrer vorbeikam. „Er sah die Tränen in meinen Augen und setzte sich neben mich. Ohne etwas zu sagen oder zu tun. Nur der Wind, der durch die Blätter wehte, war zu hören“, schilderte die junge Frau der Redaktion. Dann habe er ganz ruhig gesagt: „Sarah, egal was es ist und egal wie es ausgeht, dieser eine Augenblick, der dich gerade traurig macht, der entscheidet nicht über dein Leben. Es gibt so viel Wichtigeres, so viel Schöneres.“

Dann sei er gegangen. „Immer wenn ich traurig bin wegen banalen Dingen, dann denke ich an diesen Tag zurück und werde ganz ruhig und friedlich.“