Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Grün für Fußgänger oder für Autos?

Veröffentlicht von Thomas Wedig am 14.03.2019.

Hildesheim - Die Kommunalpolitiker im Stadtrat stehen vor einer kniffligen Frage: Sollen sie die Fußgänger vor der Almstor-Ampel künftig doppelt so lange auf Grün warten lassen, damit der Autoverkehr auf der Kaiserstraße besser fließt? Das erscheint momentan als das wirksamste Mittel, um Staus zu verhindern oder schneller aufzulösen. Jede zweite Grünphase für Passanten würde wegfallen. Die abgespeckte Ampelschaltung gilt sowieso schon für alle anderen Überwege in der Kaiserstraße.

Die ist nach wie vor eine Problemzone im Hildesheimer Stadtverkehr. Autos stauen sich regelmäßig vor den Ampeln. Fahrer sind genervt, Feinstaub und Stickoxid wabern in der Luft. Vor drei Jahren sollte eine neue Schaltung den Autofahrern die „Grüne Welle“ bescheren, doch die schwappt nicht wie erhofft. Obwohl Heinz Habenicht, Tiefbau-Chef der Stadt, am Mittwochabend im Stadtentwicklungsausschuss meint: „Es läuft ganz oft ganz gut.“

70 Sekunden warten?

Daher empfiehlt die Stadtverwaltung der Politik auch keine Änderung. Denn: Jede Änderung habe Nachteile – und koste wohl einen fünfstelligen Betrag. Der Fachausschuss diskutierte kontrovers über die Option, die Almstor-Ampel so zu verändern, dass Passanten nicht wie bisher 35 Sekunden, sondern künftig 70 Sekunden auf Grün warten. Die bisherige Schaltung nennt sich im Fachjargon „Doppelanlauf“ – und bremst eben auch die Autos doppelt so oft aus.

Martin Eggers von der CDU plädierte in der Sitzung für die Einschränkung der Fußgänger-Grünphasen. Sein Argument: Autos, die vor Ampeln warten und dann anfahren, produzieren mehr Abgase. „Wir sollten das so schnell wie möglich ändern“, fordert er.

Ulrich Räbiger (Grüne) sieht das indes skeptisch. Er erinnert an frühere Diskussionen im Rahmen der Schließung des Almstortunnels vor fünf Jahren. „Damals waren wir uns einig, dass die Fußgängerzone durch die Ampel nicht getrennt werden sollte“, gab er zu bedenken. „Wenn die Fußgänger länger warten müssten, hätten wir aber künftig zwei Fußgängerzonen statt eine.“

Dafür wirbt die Stadt

Orhan Kara (Linke) gab zu bedenken, dass es auch zu Fußgänger-Staus auf dem Überweg kommen könnte, wenn es nur noch halb so viele Grünphasen gäbe.

Die Stadtverwaltung möchte das ganze Thema am liebsten ganzheitlich betrachten und das Problem Kaiserstraße im Rahmen des digitalen Verkehrslenkungssystems anpacken, das im Rahmen des „Green City Plan“ angepeilt ist. Dafür warb die Stadtbaurätin in der Sitzung. Das große Digital-Projekt wird wohl auf keinen Fall vor 2021 starten – also doch eine kurzfristige Ampel-Änderung? Die Fraktionen beraten.

Kommentar: Finger weg!

Von Thomas Wedig

Die Politiker sollten der Empfehlung der Hildesheimer Stadtverwaltung folgen und an der Almstor-Ampel nichts ändern. Denn eigentlich ist es ja das erklärte Ziel der Stadt, dass andere Verkehrsteilnehmer besser mit den privilegierten Autofahrern Schritt halten. Wenn allerdings Fußgänger an nasskalten Tagen wie diesen mehr als eine Minute wartend vor einer Ampel bibbern, zeugt das eher vom Gegenteil. Je länger man dort beim Einkaufsbummel auf Grün wartet, desto stärker wird der Eindruck, dass die Bernwardstraße irgendwie doch nur ein untergeordnetes Anhängsel der Fußgängerzone ist – trotz des neuen Pflasters. Zwar würden Autos weniger Abgase in die Luft pusten, wenn sie nur halb so oft vor dieser einen Fußgängerampel halten müssten. Doch das ist für das Stadtklima nicht entscheidend. In der Abwägung sollten nicht wieder die Autofahrer Vorfahrt haben, das war in der Vergangenheit schon zu oft der Fall. Also: Finger weg von der Ampel!

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