Hildesheimer Allgemeine Zeitung

HAZ Forum: Wer wird Bürgermeister in Algermissen?

Veröffentlicht von Sebastian Knoppik am 15.05.2019.

Algermissen - Rund 130 Algermissener und andere Interessierte waren der Einladung der HAZ gefolgt, die vom Leiter des HAZ-Wirtschaftsressorts, Tarek Abu Ajamieh, moderiert wurde. Das Spektrum der Themen auf dem Podium im Gasthaus Weiterer war breit:

Verkehr

Beide Kandidaten wollen sich im Falle ihrer Wahl dafür einsetzen, dass vor Kitas Tempo 30 gilt. „Der Landkreis Hildesheim ist der einzige Landkreis, der mir bekannt ist, der das noch nicht umsetzt“, kritisierte Schlemeyer: „Wir werden immer erst aktiv, wenn etwas passiert ist. Und dann ist es zu spät.“ Das sieht Moegerle genauso. Der Landkreis definiere eine Stelle erst dann als gefährlich, wenn es dort einen Unfallschwerpunkt gibt: „Das ist so bescheuert.“ Hier etwas gegenüber der Kreisverwaltung zu erreichen, sei „ein sowas von dickes Brett“.

Lukas Schlemeyer sprach sich dafür aus, die Neue Straße zur Einbahnstraße zu machen. Weil viele Autos an der Straße parken und die Fahrbahn eng ist, müssen Autofahrer hier immer wieder warten. Moegerle sprach sich für ein neues Mobilitätskonzept aus, „auch für die Neue Straße“, ohne jedoch konkret zu werden. „Wir müssen unseren Blickwinkel verändern“, sagte Moegerle, nämlich mehr die Perspektive von Radfahrern und Fußgängern einnehmen.

Damit vor allem ältere Leute besser zum Einkaufen aus den Dörfern in den Hauptort kommen können, plädiert Schlemeyer für Mitfahrbänke, Moegerle brachte flexiblere Konzepte für den ÖPNV ins Gespräch: „Ob das dann angenommen wird, ist die große Frage.“

Wohnen

Bei der Frage, wie bezahlbarer Wohnraum in Algermissen geschaffen werden kann, lagen die Kandidaten besonders weit auseinander. So sprach sich Schlemeyer dafür aus, dass die Gemeinde selber Wohnungen bauen sollte. „Wir können nicht die Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund stellen“, sagte Schlemeyer mit Blick auf gewerbliche Investoren. Moegerle hingegen hält von neuen kommunalen Wohnungen gar nichts: „Der Staat sollte sich überlegen, wo er einsteigt und was andere besser können.“

Kanalausbau

Die Auswirkungen des Stichkanal-Ausbaus wurden bislang vor allem in Harsum kritisch diskutiert. Doch mit dem Wahlkampf ist das Thema nun auch in Algermissen angekommen. Beide Kandidaten sprachen sich für eine Verbreiterung aus.

Während sich Schlemeyer aber dafür aussprach, in diesem Fall eine Umgehungsstraße für den zusätzlichen LKW-Verkehr von und zum Landhandel Weiterer zu bauen, sieht Moegerle ein solches Vorhaben eher skeptisch: „Ich glaube schon, dass wir versuchen müssen, so gut es geht damit zu leben.“

Die Eingriffe in die Natur müssten so gering wie möglich sein, sagte Moegerle. Schlemeyer hingegen meinte, dass im Vergleich zu Harsum ohnehin viel geringere Eingriffe nötig seien, weil dort die Uferböschung anders gestaltet ist.

Investitionen

Lukas Schlemeyer sprach sich dafür aus, Geld in die Erneuerung der Grundschulen in Algermissen und Lühnde zu stecken, die beide aus den 60er-Jahren stammen. Gerade in Lühnde gebe es viel zu tun. Das Dach sei immer nur geflickt worden, die Heizungsanlage und die Sanitäranlagen reparaturbedürftig. Auch andere Städte und Gemeinden hätten sanierungsbedürftige Schulgebäude, sagte Schlemeyer: „Das kann aber keine Ausrede dafür sein, dass das bei uns als kinderfreundliche Gemeinde so bleibt.“

Moegerle wollte von einem „Investitionsstau“ (Schlemeyer) nichts wissen. Er gab den Schwarzen Peter weiter. „Das ist eine politische Entscheidung“, sagte Moegerle. Der Rat könnte jederzeit entscheiden, welche Projekte ihm wichtig sind.

Schulden und Steuern

Einig sind sich beide Kandidaten, dass angesichts der anstehenden Investitionen die Gemeinde wohl den Status der Schuldenfreiheit verlieren wird. Ob es auch zu Steuererhöhungen kommen wird, wisse er noch nicht, sagt Moegerle: „Ich wäre immer dafür, den Menschen so wenig wie möglich wegzunehmen.“

„Unumgänglich ist gar nichts“, antwortete Schlemeyer auf die Frage, ob Steuererhöhungen unumgänglich seien. Er sprach sich dafür aus, keine Schulden zu machen, „um Luxusgüter anzuschaffen oder Löcher zu stopfen.“

Kritisch sieht Schlemeyer etwa die Anlage einer Blühwiese an der Tränkewiese für 120 000 Euro. Für das Projekt gab es einen Zuschuss von 80 000 Euro. Bei der angespannten Haushaltslage müsse man darüber nachdenken, ob das Geld der Gemeinde für solche Projekte richtig angelegt sei.

Moegerle hingegen verteidigte das Vorhaben. Es gehe dabei nicht nur um den Naherholungswert, sondern auch um Naturschutz. „Ich glaube, dass es wichtig ist, auch solche Projekte voranzubringen.“

Persönliches

Amtsinhaber Moegerle betonte seine langjährige Erfahrung in der Verwaltung. Er ist seit 14 Jahren hauptamtlicher Bürgermeister, arbeitete zuvor in der Hildesheimer Kreisverwaltung. „Mein Vorteil ist, dass ich Verwaltung gelernt habe und weiß, wie es geht.“

Schlemeyer ist studierter Theologe und Historiker, macht im Moment Elternzeit – und sieht im Quereinstieg durchaus Vorteile: „Ich will kein Verwaltungsfachmann sein, ich will Mensch sein.“ Er lerne schnell und könne sich einarbeiten, sagte Schlemeyer – und ergänzte augenzwinkernd, dass er ja vor seinem Amtsantritt am 1. November noch ein Praktikum unter Moegerle machen könne.

Der Amtsinhaber betonte in seinem Schlusswort die Erfolge seiner 14-jährigen Amtszeit: „Ich bin wirklich sehr stolz auf das, was in der Gemeinde passiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass es der richtige Weg ist, den wir eingeschlagen haben." Herausforderer Schlemeyer möchte im Fall seiner Wahl an diese Erfolge anknüpfen – und eigene Akzente setzen: „Ich will in der Tat gar nicht alles anders machen, aber ich will vieles besser machen.“

Die Algermissener wählen am Sonntag, 26. Mai – parallel zur Europawahl – ihren Bürgermeister. Neben Amtsinhaber Moegerle und SPD-Herausforderer Schlemeyer tritt auch Einzelkandidat Hagen Dierks an. Er hatte die Teilnahme am HAZ-Forum aber aus terminlichen Gründen abgesagt.

Dossier: Sie wollen Bürgermeister in Algermissen werden -