Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Heilung und Kunst im Sandmandala

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 13.02.2018.

Hildesheim - Am Anfang und am Ende steht das Gebet. Dazwischen gibt es nur die Kunst. Beides braucht die ungeteilte Aufmerksamkeit, das ist für die beiden buddhistischen Mönche Kunga Tenzin und Chhimek Rinzen sonnenklar. „Man kann nicht zwei Dinge auf einmal tun, nur ein erleuchteter Buddha kann das“, sagt Tenzin, der Abt des Klosters Chhoede Gompa in der nepalesischen Stadt Lo-Manthang. So viel zum Thema Multitasking. Die ganze Woche über sind die beiden Mönche im Roemer- und Pelizaeus-Museum, um dort eins der berühmten tibetischen Sandmandalas zu erschaffen. Bis Sonntag soll es fertig sein – um dann, gemäß der Tradition, gleich wieder zusammengefegt zu werden.

Die Erstellung ist ein religiöses Ritual und zugleich ein künstlerischer Akt. Im Museum erschaffen die Mönche auf etwa zwei mal zwei Metern ein Mandala des Medizin-Buddha. Man kann ihnen jeden Tag dabei zusehen. Menschen mit einem ausschließlich künstlerischen Interesse sind ebenso willkommen wie all jene, die für ein Leiden Heilung suchen. Ausschlaggebend sei die innere Einstellung, sagt Chhimek Rinzen, der in Lo-Manthang die Klosterschule leitet: „Wenn sie mit guten Gedanken und guten Motiven kommen, werden sie vom Medizin-Buddha gesegnet.“ Speziellen Gebete seien nicht nötig, das Betrachten des Mandalas reiche aus.

Iris Lehmann vom Freundeskreis Lo-Manthang hat die Mönche als Botschafter ihrer Kultur und ihres Glaubens nach Europa einladen. Vor Hildesheim haben sie bereits zwei Sandmandalas in der Schweiz und eines in Moringen erstellt. Das Hildesheimer Museum ist die letzte Station vor der Rückkehr nach Nepal. „Es geht uns natürlich um den Erhalt von Kulturerbe“, erklärt Museumschefin Regine Schulz ihre Rolle als Gastgeberin. „Unser Ziel ist es, dass man nicht nur zuguckt, sondern auch ins Gespräch kommt.“

Was bedeuten die acht Blätter im Zentrum?

Das ist ganz im Sinne der der beiden Mönche. „Ich bin sehr froh, dass wir hier sein können und dass die Menschen so viel Interesse an unserer Kultur haben“, betont Chhimek Rinzen. Allein in Moringen kamen im Verlauf einer Woche rund 1000 Menschen. Die Besucher wollen wissen, was es mit dem Mandala auf sich hat, was etwa die acht Blätter bedeuten, die den Buddha im Zentrum umgeben (sie stehen für die acht Erscheinungsformen des Medizin-Buddhas), oder wo der bunte Sand herkommt (sie haben ihn aus Nepal mitgebracht).

Außerdem werden die Mönche oft gefragt, wo sie herkommen und wie sie leben. Auch darüber erzählen sie gerne, denn mit ihrem Besuchen verfolgen sie auch ein ganz praktisches Ziel: Sie suchen Spender. Die Klosterschule, die mitten im Himalaya auf 3700 Metern Höhe nahe der tibetischen Grenze liegt, ist im vorigen Jahr bei einem Unwetter schwer beschädigt worden. „Normalerweise ist es bei uns sehr trocken“, berichtet Rinzen. Dann habe es jedoch 25 Tage lang ununterbrochen und heftig geregnet. Die Gebäude, die größtenteils in der traditionellen Bauweise aus Lehm errichtet sind, weichten durch und hielten den Wassermengen nicht Stand. Rinzen und Tenzin gehen davon aus, dass die ungewöhnlichen Regenfälle als Folge des Klimawandels wiederkehren können. Beim Neubau der Schule müsse man neue Techniken verwenden, zudem Drainagen und Kanäle berücksichtigen.

Konzert und Fotoreportage

All das kostet Geld, das die Mönche nicht haben. Und auch nicht die Leute, die in der Region leben und die Mönche sonst aus Dankbarkeit für ihre Gebete unterstützen. Damit Kloster und Schule, die zur Zeit 70 Schüler hat, weiter bestehen können, werden dringend Mittel von außerhalb benötigt.

Bisher sei die Idee, über die Sandmandalas mehr Aufmerksamkeit und Spendenbereitschaft zu erzeugen, sehr gut aufgegangen, berichtet Iris Lehmann. Sie reist seit vielen Jahren nach Nepal, hatte bereits im Jahr 2000 zur Expo Mönche nach Hildesheim eingeladen, damit sie im Rathaus ein Mandala schufen. Das Mandala des Medizin-Buddha im Museum bietet nun die erste Chance seit 18 Jahren, an der rund 1000 Jahre alten tibetischen Tradition teilzuhaben.

Parallel zum Entstehen des Sandmandalas bietet das Roemer- und Pelizaeus-Museum ein Rahmenprogramm. Die Arbeiten laufen täglich außer Freitag von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 18 Uhr im Leunissaal. Dort sind auch tibetische Instrumente zu sehen, die das Center For World Music zur Verfügung gestellt hat. Morgen um 18.30 Uhr zeigt Iris Lehmann die Foto-Reportage „Lo-Manthang – Seine Geschichte und Kultur“. Am Samstag, 17. Februar, gibt es um 18.30 Uhr ein Konzert: Die Berliner Musiker Gendun und Dundup singen und spielen „Lieder und Mantras aus Tibet“. Am Sonntag lösen die Mönche das Mandala um 15 Uhr auf und streuen den Sand in einen Fluss. Der Eintritt beträgt einmalig 5 Euro und berechtigt über den gesamten Zeitraum, täglich von 10 bis 18 Uhr, zum Besuch des Mandalas.