Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Rund 1400 Teilnehmer bei Demo „Herz statt Hetze“

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 12.09.2018.

Hildesheim - Der Mann geht im Hohen Weg direkt auf den Fotografen zu. „Sie filmen mir ins Gesicht, lassen Sie das“, sagt er und bleibt vor dem Fotoreporter stehen. Der lässt die Kamera sinken und wartet ab. Doch der Satz ist humorvoll gemeint. Er bezieht sich auf den sächsischen LKA-Mitarbeiter, der unlängst bei einer Pegida-Demo in Dresden ein ZDF-Team bei der Arbeit behinderte – am Ende selbst in die Kritik geriet und einen kompletten Ermittlungsapparat in Verruf brachte.

Der Mann, der den Scherz macht, ist am Mittwochabend nicht in Dresden, sondern zusammen mit rund 1500 weiteren Bürgern in Hildesheim unterwegs, um sein Gesicht für eine offene Welt zu zeigen. Eine andere Welt als die von Chemnitz, wo sich Rechtsradikale und ihre Unterstützer derzeit besonders formieren. „Herz statt Hetze“ hat das Hildesheimer Bündnis gegen Rechts seine Demonstration genannt. Von 300 Teilnehmern hatte Veranstalter Klaus Schäfer am Anfang gesprochen. Dass es am Ende fünfmal so viele werden sollten, ahnte wohl niemand.

Ein breites Bündnis macht sich um 17 Uhr vom Hauptbahnhof auf den Weg durch die Stadt. „Menschenrechte statt rechte Menschen“ ist auf Schildern und Plakaten zu lesen. „Seenotrettung ist eine humanitäre Verpflichtung“, „Gottes Schöpfung ist bunt“, „Seebrücken statt Seehofer“ oder „Rassismus spaltet“. Die Teilnehmer kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Kinder und Rentner sind dabei, ein Mann trommelt beim Vorbeigehen, sein Sohn sitzt in einer Schale auf dem Rücken. Am Rand ist Moritz Bormann mit seinem Vogel unterwegs, der mit den Flügeln schlägt, wenn Bildhauer einen Stock hebt und senkt. Dahinter geht Kai Weber vom niedersächsischen Flüchtlingsrat. Er hebt ein großes Bild in die Höhe, das Rettungsschiffe auf dem Mittelmeer zeigt. „Shame on you, Europe“, ist darauf zu lesen. „Schande über dich, Europa“ – wegen der aktuellen Flüchtlingspolitik.

Unter dem Motto „Herz statt Hetze“ ziehen die Demonstranten durch die Stadt.

Mancherorts geht es nicht mehr darum, ein Zeichen gegen Neonazis und Rassisten in Chemnitz zu setzen. „Der Staat macht mit, der NSU war nicht zu dritt“, skandieren etwa einige Linksradikale. Mittendrin geht ein kleiner schwarzer Block, von dem man nicht genau weiß, wie er reagieren würde, sollten Gegendemonstrationen auftauchen. Angemeldet sind keine. Und es sind auch keine unangemeldeten am Rande der Demonstration zu sehen.

Viele der Teilnehmer sind als routinierte Teilnehmer von Demonstrationen oder Kundgebungen bekannt. Gewerkschafter etwa oder Teilnehmer des Antifaschistischen Netzwerks Hildesheim. Aber es sind auch viele Menschen auf den Beinen, denen erst in den letzten Tagen der Kragen geplatzt ist. „Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass ich das Bedürfnis verspürte, mich einzumischen“, sagte etwa Stephan Speer. Der ist Schulleiter des Gymnasiums Himmelsthür. „Aber jetzt bin ich wie alle anderen als Mensch hier.“

Henning Sonnenberg, Anwalt aus Hildesheim, übte schwere Medienschelte wegen des sogenannten „Bremer Asylskandals“. „Den hat es nie gegeben“, sagte Sonnenberg. Alle in die Welt gesetzten Zahlen seien falsch. „Und der Fall ist jetzt zum Brandbeschleuniger geworden.“

Etwas abseits auf dem Platz an der Lilie steht eine ältere Frau. „Wir sind nach dem Krieg selbst als Flüchtlinge nach Hildesheim gekommen“, sagt sie kurz nach dem Eintreffen des Zugs. „Wie soll ich da fordern, dass Flüchtlinge wieder nach Hause gehen sollen?“

Um 17 Uhr versammeln sich die Teilnehmer am Bahnhof. Foto: Manuel Lauterborn

Hintergrund

In Chemnitz war Ende August ein 35-jähriger Deutscher getötet worden. Verdächtigt werden drei Asylbewerber. Danach kamen Tausende zu einer Kundgebung der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz, darunter auch gewaltbereite Neonazis und Hooligans. Manche zeigten den Hitlergruß. Auch wegen eines Angriffs auf ein jüdisches Restaurant wurde Anzeige erstattet.

Rückblick

26. August: Ein 35-Jähriger wird erstochen. Die Polizei hält sich zu den Nationalitäten der Verdächtigen bedeckt. Demonstranten ziehen durch die Stadt, einige attackieren ausländisch aussehende Menschen. Handy-Videos zeigen, wie Menschen aggressiv auf einen Mann zugehen.

27. August: Gegen einen 22 Jahre alten Iraker und einen 23-jährigen Syrer wird Haftbefehl wegen Totschlags erlassen. Tausende kommen vor dem Karl-Marx-Kopf zu einer Kundgebung der rechtspopulistischen Bewegung Pro Chemnitz zusammen. Einige zeigen den Hitlergruß.

28. August: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigt, dass in einem Rechtsstaat kein Platz für «Hetzjagden» auf Ausländer ist.

29. August: Im Internet taucht der Haftbefehl zu den mutmaßlichen Tätern auf - deswegen wird ein Justiz-Mitarbeiter suspendiert.

30. August: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) stellt sich den Fragen von Chemnitzer Bürgern.

1. September: 8000 Menschen nehmen an einem Marsch der AfD und der fremdenfeindlichen Pegida teil. 3000 demonstrieren dagegen.

3. September: Bei einem Konzert mit Musikern wie Kraftklub, Die Toten Hosen und Marteria protestieren rund 65 000 Menschen gegen Rassismus.

4. September: Es wird bekannt, dass es im Fall der tödlichen Messerattacke einen dritten Verdächtigen gibt. Ein 22-Jähriger Iraker wird mit Haftbefehl gesucht.

5. September: Kretschmer widerspricht der Kanzlerin: Es habe keine «Hetzjagd» auf Ausländer in Chemnitz gegeben.

6. September: Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) äußert Verständnis für die Demonstrationen nach der Messerattacke.

7. September: Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zweifelt daran, dass es in Chemnitz zu «Hetzjagden» auf Ausländer gekommen ist.