Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Lovemobil: Neuer Angeklagter bestreitet Mord

Veröffentlicht von Renate Klink am 07.12.2017.

Hildesheim - „Ich hab nichts damit zu tun, absolut nichts.“ Der Mann auf der Anklagebank sagt diesen Satz mehrmals. Der 30-Jährige wirkt ruhig, fast entspannt. Dabei weiß er, was für ihn auf dem Spiel steht. Er muss sich wegen Mordes vor dem Schwurgericht verantworten. Die Anklage wirft ihm in der Neuauflage des Prozesses vor, dass er der eigentliche Täter sei, der am 4. November 2016 eine Prostituierte in ihrem Lovemobil bei Hohenhameln getötet hat. Nach Ausführungen von Staatsanwalt Wolfgang Scholz, soll er der am Boden liegenden Frau so lange seinen Fuß – er trug Schuhe – auf den Hals gedrückt haben, bis sie erstickt ist.

Der ohnehin schon spektakuläre Fall hatte zusätzlich für Aufsehen gesorgt, da noch fast ein Justizirrtum dazugekommen wäre: Der zunächst angeklagte Mann – er ist der letzte Freier der 40-Jährigen gewesen – war erwiesenermaßen unschuldig. Auslöser für die Wende ist seinerzeit ein anonymer Tippgeber gewesen – ausgerechnet ein einstiger Kumpel des jetzt angeklagten 30-Jährigen.

DNA-Spuren unter Nägeln der Toten

„Es war eigentlich andersherum“, sagt der Angeklagte sehr klar und versucht recht unverhohlen, den Verdacht auf den ehemaligen Freund zu lenken. Er präsentiert der Kammer unter Vorsitz von Richter Peter Peschka eine Version, die im voll besetzten Gerichtssaal nicht ohne Wirkung bleibt. „Ist das schon wieder der Falsche?“ – so flüstern zwei Besucherinnen.

Demnach will der fast zwei Meter große, bullig wirkende Mann an jenem Novemberabend zunächst mit seinem Kumpel eine Spielhalle in Salzgitter besucht haben. Dann wollten sie in Hohenhameln ihr Glück versuchen. Auf dem Weg sollen sie bei Stedum auf dem Parkplatz mit dem Lovemobil angehalten haben. „Ich kenne die Frau“, so habe der 41-jährige Kumpel geprahlt. Er sei er allein ausgestiegen, habe am Wohnwagen geklopft. Die gebürtige Ungarin, die sich Sissy nannte und von 30 Euro an ihre Dienste anbot, habe geöffnet. Man quatschte kurz. Der Angeklagte will im Auto gewartet haben. Nach seinen Aussagen hat ihn sein Kumpel herbeigewinkt. Dabei habe ihn die Prostituierte angemacht, so sagt er. Das habe er abgewehrt, die Frau etwas heftig weggedrückt. Die habe sich an seinem Arm festgehalten, die langen Fingernägel hätten Kratzer hinterlassen. Als besonders prägnanten Beweis wertet die Staatsanwaltschaft die gefundenen DNA-Spuren des Angeklagten unter den Fingernägeln der Toten.

Party als neues Alibi?

„Als Sie weggefahren sind, da war die Frau also noch quicklebendig?“, hakt Richter Peschka nach. Der Angeklagte, der einige Jahre auch in Hildesheim gewohnt hat, nickt. Anschließend ging es an jenem Abend weiter in eine Spielhalle in Hohenhameln. Dann soll seinem Bekannten eingefallen sein, dass er in der Nähe etwas abholen wollte. Etwa sechs Minuten Fahrzeit später seien beide auf irgendeinem Hof in Peine gelandet. Genaueres weiß er nicht mehr. Mitten in einer Party mit 20 bis 30 Leuten. Plötzlich sei der Kumpel verschwunden gewesen – anderthalb Stunden, mit dem Auto. Darin habe auch das Handy des Angeklagten gelegen. Ermittler hatten herausgefunden, dass es zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts eingeloggt gewesen war.

„Die Geschichte, die Sie uns auftischen, glaub ich nicht“, sagt Staatsanwalt Scholz mit Nachdruck. Warum habe er das nicht alles schon früher bei der Polizei erzählt?