Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Keine Angst vor den Wechseljahren

Veröffentlicht von HAZ Sonderthemen am 15.05.2019.

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Verschont bleibt keine – die Wechseljahre gehören zum Frausein ebenso dazu wie die Pubertät. Manche Frauen empfinden das Klimakterium als emotional belastend, da sie es als „Abschied von der Weiblichkeit“ interpretieren. Andere leiden dagegen mehr unter den körperlichen Folgen der hormonellen Umstellung: In den Wechseljahren beginnt der Organismus, die Bildung der Geschlechtshormone – der weiblichen wie der männlichen – zu drosseln. Das bleibt nicht ohne Folgen: Hitzewallungen, Schlafstörungen und andere Probleme wie Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen können auftreten. Manche dieser Symptome können so belastend sein, dass sie Krankheitswert erhalten.

Die verschiedenen Wahrnehmungen der Wechseljahre sind auch kulturell bedingt, wie eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Studie mit mehr als 1000 Teilnehmerinnen aus Deutschland, der Türkei sowie asiatischen Ländern ergab. Zwar erlebten die meisten der zwischen 45 und 60 Jahre alten Frauen, unabhängig von Bildungsgrad und Nationalität, die Wechseljahre als natürliche und vorübergehende Phase. Doch die deutschen Frauen werteten die Menopause positiver – als neuen Lebensabschnitt mit neuen Möglichkeiten.

Viele Frauen sind auch in höheren Lebensjahren fit und aktiv und sprühen vor Energie. ©iStock.com/Wavebreakmedia

Der Wechsel braucht seine Zeit

„Die Wechseljahre kommen und sie gehen, so wie andere Phasen in unserem Leben auch“, sagt Dr. Susanne Peschel, Chefärztin der Gynäkologie & Geburtshilfe im St. Bernward Krankenhaus und 2. Vorsitzende im Niedersächsischen Berufsverband der Frauenärzte (BVF), Bezirk Hildesheim. „Sie heißen jedoch nicht umsonst Wechseljahre, nicht Wechselminuten oder Wechselstunden – sie brauchen ihre Zeit.“ Die Übergangsphase von der Geschlechtsreife zum Alter spielt sich in der Regel zwischen dem 45. und 60. Lebensjahr ab. Zunächst sinkt die Produktion des körpereigenen Hormons Östrogen, es treten unregelmäßige und manchmal starke Blutungen auf. Fällt diese Produktion unter einen niedrigen Schwellenwert, bleibt die Menstruation aus 

Etwa ein Drittel der Frauen kommt problemlos durch diese Zeit, ein weiteres Drittel fühlt sich leicht bis mäßig eingeschränkt und nur das letzte Drittel hat tatsächlich deutliche Probleme, die zur Beeinträchtigung der Lebensqualität führen können. „Die Wahrnehmung dieses Zeitraumes hat sich von der düsteren Ausstrahlung befreit“, betont Susanne Peschel. „Für unsere Großmütter war die letzte Menstruation der Wendepunkt zum Alter und das Ende der weiblichen Attraktivität. Diese Einstellung hat sich deutlich gewandelt: Viele Frauen sind auch in höheren Lebensjahren fit und aktiv und sprühen vor Energie. Es gibt über 40-Jährige, die Kinder gebären, und somit 50-Jährige, die kleine Kinder haben. Viele stehen mitten im Berufsleben, auf der Höhe ihrer Karriere.“

Das Älterwerden sollte man entspannt genießen: Es eröffnet oft ganz neue Freiheiten. ©iStock.com/SolStock

Die Psyche spielt eine wichtige Rolle

Die letzte Periode, die Menopause, ist eine biologische Zäsur, die viele Frauen verunsichert. Das Älterwerden wird ihnen bewusster, vielleicht auch spürbarer, und sie befürchten geistige und körperliche Leistungseinbußen. Es ist aber auch eine Zeit des Umbruchs, die es erlaubt, eine Bilanz des bisher Erreichten oder Verpassten zu ziehen und sich neu zu orientieren. Rund ein Drittel des Lebens liegt, statistisch gesehen, noch vor diesen Frauen – und es kann ein entspannter und schöner Lebensabschnitt werden, wenn man dessen Vorteile zu nutzen versteht. Eine überdachte Schwerpunktsetzung mit neuen Sichtweisen kann durchaus zukunfts- und lebensöffnend wirken. Wichtig ist es, diese Zeit nicht als ein Verlust von Jugend, Attraktivität oder Leistungsfähigkeit abzuwerten, sondern als Chance zur Veränderung und als Gewinn neuer Freiheiten zu begreifen.

 „Diese Veränderungen auf körperlicher, sozialer und psychischer Ebene können aber auch in einer Lebens- und Identitätskrise münden, die spezialisierter psychosomatischer und psychiatrischer Behandlung bedarf“, erklärt Susanne Peschel. Dabei spiele die psychische Einstellung der Frau eine große Rolle, die oft durch die Erfahrung geprägt sei, wie die eigene Mutter die Wechseljahre erlebt hat.

Eine bewusste Lebenseinstellung ist hilfreich

Hitzewallungen, Schlafstörungen, Unwohlsein, Reizbarkeit bis hin zur Depression, trockene Schleimhäute – es ist nicht vorhersehbar, in welchem Ausmaß die einzelne Frau von klimakterischen Beschwerden betroffen ist. Aber es gibt viele Möglichkeiten, die Frauen nutzen können, um hormonell bedingten Veränderungen von Körper und Psyche positiv zu begegnen. Schon eine bewusste Lebenseinstellung kann dabei helfen, die Wechseljahre besser zu überstehen. So können eine Gewichtsreduktion, gesunde Ernährung, ausgleichende Sportarten und begleitende Methoden wie Hormonyoga schon deutliche Linderungen bringen. Und natürlich gibt es zahlreiche medizinische Therapiemöglichkeiten, die dabei helfen, die Leistungsfähigkeit und Lebensqualität zu erhalten. 

Es gibt viele Möglichkeiten, den hormonell bedingten Veränderungen positiv zu begegnen - beispielsweise Hormonyoga. ©iStock.com/SilviaJansen

Hormone: So viel wie nötig, so wenig wie möglich

„Wichtig ist es in schweren Fällen, zunächst internistische Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Schilddrüsenprobleme etc. auszuschließen. Auch sollten symptomorientierte Hilfestellungen ausgeschöpft und lokal, beispielsweise mit Cremes, Pflaster oder Sprays, behandelt werden, bevor eine Hormonersatztherapie erfolgt“, rät Susanne Peschel. Bis zur US-Studie der Women’s Health Initiative (WHI) im Jahr 2002, die unter anderem eine Erhöhung des Brustkrebs-Risikos unter Hormontherapie beschrieb, habe man schnell Hormone verabreicht. Heute gehe man, auch wenn die Ergebnisse zwischenzeitig in der Forschung differenziert wurden, eingeschränkter und nach strenger Indikation vor. „So viel wie nötig, so wenig wie möglich, heißt die Devise. Wenn die Lebensqualität der Frau durch den Hormonmangel deutlich beeinträchtigt ist, dürfen nach eingehender Aufklärung weiterhin hormonelle Ersatztherapien verschrieben werden: in möglichst niedriger Dosierung, unter individuell abgestimmten, engmaschigen Verlaufskontrollen und nach Möglichkeit nicht länger als fünf Jahre“, so die Gynäkologin. Die Erhöhung des Risikos für Krankheiten wie bestimmte Krebsarten, Herzinfarkte oder Thrombosen sei dabei genau abzuwägen.

Eine Prophylaxe mit Hormonen sei heutzutage nicht mehr üblich, Ausnahmen würden in einigen Fällen bei einem erhöhten Risiko, an Osteoporose zu erkranken, gemacht, da Studien einen positiven Effekt der Östrogene auf die Knochen nachgewiesen hätten. „Gut ist aber auch die Einnahme von Vitamin D, Kalzium und Bewegung zur Vorbeugung“, empfiehlt Susanne Peschel.

Die neue Lebensphase als Chance begreifen

Ihr Tipp: „Vor allem gilt es, die Selbstakzeptanz und Authentizität der Frauen zu stärken, damit die Zeit des Wechsels zu einer Lebensphase werden kann, in welcher Veränderungen angenommen, Ressourcen aktiviert und eigene Grenzen respektiert werden. Und damit der gesellschaftliche Druck des Jung- und Schönbleibens zurückweicht vor der Attraktivität der reifen Frau: für Jahre des Wechsels mit einer positiven Entwicklung und einer guten Lebensbilanz!“


Erste Ansprechpartner in Sachen Hormonberatung/Wechseljahre sind die niedergelassenen Gynäkologen. Frauen sollten diese Themen rechtzeitig ansprechen und auch Vorsorgetermine regelmäßig nutzen.