Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Kollege Roboter? Der Mensch soll Chef bleiben

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 06.12.2017.

Hildesheim - Man weiß nicht so ganz genau, was man von diesem Roboter halten soll. Er sieht nicht unbedingt gefährlich aus, aber doch auch sehr kräftig. Angelika Kühl hat da keine Berührungsängste. Die junge Mitarbeiterin von Arconic im Gewerbegebiet Bavenstedt steckt dem Ungetüm einen länglichen Holzstab in den Greifer, als würde sie einem Hund Leckerli geben. Der Roboter senkt den Greifer, beginnt, in einer Metallschale zu rühren. Wenig später hält er das Ergebnis hoch: Zuckerwatte! Alle lachen.

Intensive Schulungen

Komplizierte Technik, die aber Spaß machen und Begeisterung wecken soll – so geht der Airbus-Zulieferer Arconic das Thema Digitalisierung im Unternehmen an. Drei Tage lang durchlaufen alle 320 Mitarbeiter in der Hildesheimer Niederlassung einen Parcours, der ihnen die sogenannte Industrie 4.0 und ihre Auswirkungen auf ihr eigenes Arbeitsleben näherbringen soll. Nächstes Jahr sollen intensive Schulungen folgen.

Es geht um ein heikles Thema. Eins, bei dem mit schöner Regelmäßigkeit Unternehmen die Chancen neuer Technologien betonen, während Studien vor allem Ängste bei Mitarbeitern offenbaren: Wenn alles vernetzt ist, wenn Roboter mit künstlicher Intelligenz durch die Werkhallen wirbeln – wer braucht mich dann noch?

Freiräume für Wichtiges

Genau dort will Standort-Geschäftsführer Jens Harde anknüpfen: „Wir brauchen Digitalisierung und Roboter nicht, um Mitarbeiter zu ersetzen, sondern um sie zu unterstützen und ihnen Freiräume für wichtigere, auch anspruchsvolle Tätigkeiten zu verschaffen“, sagt er. „Wir wollen Prozesse optimieren, klar – aber wir brauchen unsere Fachkräfte dazu. Sie müssen den Maschinen sagen, was sie tun sollen.“ Heißt: Selbst wenn Bauteil und Bohrmaschine über Mikrochips kommunizieren und einander mitteilen, wie sie beschaffen sind oder mit welcher Drehzahl sie gleich loszulegen gedenken – ohne den Menschen als Chef geht es nicht. Und ohne den Menschen als Handwerker auch nicht, betont Fertigungsleiter Uwe Welge: „Wir brauchen Maulschlüssel und Smartphone.“

Sorgen in der Belegschaft

Die Arbeitnehmer-Vertreter hat Harde mit seinem Projekt, das auch innerhalb des Arconic-Konzerns einmalig ist, auf seiner Seite: „Es gibt schon Sorgen in der Belegschaft, weil das Thema Digitalisierung schwer zu greifen ist“, sagt Hartmut Maisner vom Betriebsrat. „Es geht darum, wie wir die Leute mitnehmen können auf dem Weg, und da waren wir als Betriebsrat hier in Hildesheim sehr frühzeitig eingebunden.“

Die Arbeitnehmer-Vertretung spielt auch eine zentrale Rolle beim Thema Datensicherheit. Und will unter anderem der Sorge begegnen, das große Datensammeln an den Maschinen diene am Ende der Beurteilung der Mitarbeiter. „Es geht um die Prozesse, nicht um die Leute“, betont auch Harde.

Und so steht jetzt mitten in der großen Montagehalle ein mit Glaswänden abgetrennter Bereich, in dem mehrere Roboter stehen, in denen die Mitarbeiter Workshops absolvieren sollen, um die neue Arbeitsweise kennenzulernen – für alle jederzeit sichtbar. „Wenn wir die Mitarbeiter nicht überzeugen können, macht das alles wenig Sinn“, glaubt Harde.