Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Kopfsache – mit Kamm und Schere

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 13.04.2019.

Seit 50 Jahren im eigenen Friseursalon: Brigitte Stephan aus Sibbesse erhält Goldenen Meisterbrief

Von Renate Klink

Sibbesse. Der Eingang zu ihrem Friseursalon liegt fast ein bisschen versteckt hinter dem hohen Grün: Doch wer das Geschäft von Brigitte Stephan in der Straße Kurze Halbe betritt, landet wie in einer anderen Zeit. Blümchentapete, grüne Wände, weiße Drehstühle und große runde Spiegel vor jedem Platz. Dazu die großen, nostalgischen Trockenhauben, die sich von oben herab auf die Kundschaft beugen. Und auf jedem Tischchen liebevoll arrangierte Plastikblumen – wohin das Auge blickt. Das ist die Welt der Friseurmeisterin, die jetzt ein seltenes Jubiläum feiert. Vor 50 Jahren hat sie ihre Meisterprüfung absolviert. Ein Lehrling hat seinerzeit nur 25 Mark im Monat bekommen. Mindestlohn? Den gab es damals noch nicht.

Noch immer steht die 76-Jährige fast jeden Tag in ihrem Geschäft. „Mir gefällt das so, die Rente kann ruhig noch ein bisschen warten“, sagt die Frau mit dem asymmetrischen Kurzhaarschnitt. Sie sei mit Leib und Seele Friseurin, habe schon als Kind von diesem Beruf geträumt.

Jeder in ihrem Salon – Frauen und Männer werden hier nicht getrennt bedient – soll sich wohlfühlen. Am besten mit einem besseren Gefühl gehen, als er gekommen sei, meint die agile Chefin und lacht. „Balsam für die Seele“ – so habe eine Kundin mal den Besuch bei ihr geschildert. Ihr Beruf sei mehr als kreatives Handwerk. Sie muss nicht nur die Haarwünsche ihrer Kundinnen genau verstehen, sie muss vor allem auch zuhören können. „Aber niemals etwas weitertratschen“, betont Brigitte Stephan. Wie immer trägt sie ihre schwarze Weste mit Gürtel und Taschen. Ihre Arbeitskleidung eben. Nur die Gesundheitsschuhe und die dicken selbst gestrickten Socken fallen auf. „Den ganzen Tag stehen, das ist schon anstrengend. Und ich hab immer kalte Füße.“ Die Wollsocken sind natürlich auch in lila, so wie die Frisierumhänge für die Kunden und die Vorhänge an den Fenstern. Die Lieblingsfarbe der Chefin,

Angefangen hat die Friseurmeisterin 1969 zuerst in einem Keller in der Hermann-Löns-Straße in Sibbesse. Dann baute sie zusammen mit ihrem Mann ein Eigenheim, an das der eigene Salon gleich integriert wurde. So konnte die vollberufstätige Frau zwischendurch auch noch ihren Sohn großziehen. 13 Lehrlinge hat sie ausgebildet, ihnen handwerkliches Können und vor allem die Kunst am Haar beigebracht. Von Dauerwellen-Mähnen, Toupet-Kunstwerken, Wasserwellen bis Vokuhila-Frisuren – alles hat Brigitte Stephan mitgemacht. Mehrfach ausgezeichnet worden ist sie für ihre Trend-Proklamationen, bei denen sie Modelle stylen musste.

Manchmal ist aber auch Soforthilfe gefragt: Eine Kundin hat sie mal sonntags früh aus dem Bett geklingelt, weil die Haare ein Fiasko waren – durch Selbstversuche mit Farbe. „Ich hab sie nicht weggeschickt, sondern gerettet, was zu retten war“, sagt sie. Sonst arbeitet sie nur nach Voranmeldung. Jede Kundin wird handschriftlich in das schwarze Buch eingetragen. Noch heute hat sie Kundinnen aus der Anfangszeit. Die nehmen Platz und sagen; „So wie immer, Sie wissen schon.“ Mehr Vertrauen geht eigentlich nicht. Und wenn es nach der zierlichen Meisterin geht, dann soll das auch noch eine Weile so bleiben.