Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Kreis verliert Einwohner – aber acht Gemeinden legen zu

Veröffentlicht von Tarek Abu Ajamieh am 10.07.2019.

Kreis Hildesheim - Hildesheim, na klar. Sarstedt auch, logisch. Algermissen und Giesen, okay. Aber Freden? Das große Sorgenkind, dünn besiedelt und hoch verschuldet – eine Gemeinde, die nach Ansicht des Landes schon lange nicht mehr eigenständig hätte sein sollen? Nein, damit war wirklich nicht zu rechnen, und die Verantwortlichen im Rathaus der kleinsten Gemeinde im Landkreis Hildesheim wirken auf HAZ-Nachfrage selbst ein wenig überrascht: Freden ist eine von acht Städten und Gemeinden im Landkreis Hildesheim, deren Einwohnerzahl im Lauf des vergangenen Jahres gestiegen ist.

Insgesamt ist die Zahl der Kreis-Bewohner minimal zurückgegangen: Zum 31. Dezember 2018 weist das Landesamt für Statistik exakt 46 Bürger weniger aus als Ende 2017 – angesichts einer Gesamtzahl von 27 594 Einwohnern eine verschwindend geringe Zahl und ein deutlich kleinerer Verlust als 2017. Ob sich eine Trendwende anbahnt oder ob das Zufall ist, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Tatsache ist, dass im Jahr 2018 acht von 18 Kommunen ein Einwohner-Plus verbuchten. Ein Jahr zuvor war dieses Kunststück nur sechs Städten und Gemeinden gelungen.

Hildesheim und Sarstedt wachsen

Fünf davon liegen auch dieses Jahr wieder im Plus: Bei der Kreisstadt Hildesheim und der Stadt Sarstedt war dies zu erwarten. Sie verzeichneten in den vergangenen Jahren stets leichte Anstiege der Einwohnerzahlen. Hildesheim hat sich deutlich oberhalb der 100.000er-Marke stabilisiert, Sarstedt steuert langsam auf die 20 000 zu. Beide Städte profitieren von einem ungebrochenen Interesse von Menschen aus Stadt und Region Hannover, die sich im Raum Hildesheim leisten können, was in und um die Landeshauptstadt zu teuer geworden ist.

Auch Algermissen profitiert von dieser Entwicklung und hat den Abwärtstrend gestoppt, kann sich im zweiten Jahr in Folge über Einwohnerzuwächse freuen. Was auch damit zu tun hat, dass Algermissen sich konsequent als Wohngemeinde positioniert, in der es wenig Großgewerbe, dafür aber immer wieder neue Baugebiete gibt – und das werbewirksame Label „kinderfreundliche Gemeinde“.

Elze als größter Gewinner

Von der Nähe zu Hannover und der Ausweisung neuer Baugebiete profitierten 2018 aber auch zwei weitere Nordkreis-Gemeinden, die in den Jahren davor noch stets fallende Einwohnerzahlen vermeldet hatten: Giesen und Nordstemmen. In Giesen war es zuletzt vor allem der Ortsteil Emmerke, der in Richtung Osten wuchs. In Nordstemmen wurde unter anderem in Barnten mehrfach angebaut – auffälligerweise handelt es sich dabei um zwei Dörfer, die jeweils über einen Bahnhof verfügen. Auch dort dürfte es sich also – neben vielen Einheimischen – auch um Neuzugänge aus dem Raum Hannover handeln.

Der größte Gewinner ist allerdings Elze. Mit einem Plus von 81 Einwohnern liegt die Saalestadt zwar hinter Hildesheim und Sarstedt. Doch im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist der Zuwachs dort am höchsten. Schon im Jahr zuvor hatte Elze einen allerdings sehr leichten Anstieg der Einwohnerzahlen erlebt, im Vorjahr schnellte die Anzahl der Bürger dann förmlich nach oben. Um das Ganze ins Verhältnis zu setzen: Das Elzer Einwohnerplus im Jahr 2018 entspräche rechnerisch einer Zunahme um 900 Einwohner in Hildesheim.

Gegen die Verödung

Die Gründe für den bereits seit dem Jahr 2015 anhaltenden Wiederaufschwung nach zuvor lange sinkenden Einwohnerzahlen sind vielfältig. Zum einen schafft es Elze über das immer wieder erweiterte Baugebiet Hanlah im Norden der Stadt, Neubürger anzulocken und junge Familien in der Stadt zu halten. Sie freuen sich über bezahlbares Wohneigentum, von dem aus sie bequem mit Auto oder Bahn nach Hildesheim, Hannover und sogar Hameln pendeln können.

Auch hat sich Elze in den vergangenen Jahren intensiv darum gekümmert, seine Innenstadt vor dem Veröden zu bewahren. Die Stadt kauft alte, leerstehende Häuser auf und verkauft die Grundstücke an Investoren. So entstand zuletzt ein „Argentum“-Wohnangebot der kwg mit einem Medizinischen Versorgungszentrum, in dem mehrere Fach- und Hausärzte arbeiten. Im nächsten Jahr soll Edeka ins Stadtzentrum ziehen. Und auch viele Firmen im Gewerbegebiet Mühlenfeld verzeichnen Wachstum. Unterdessen startet zum neuen Schuljahr eine Realschule unter der Ägide des CJD, dann gibt es in Elze wieder alle weiterführenden Schulformen.

Söhlde – zentral am Rand

Obwohl sie beide auf dem aufsteigenden Ast sind, verhandeln Elze und Nordstemmen über einen Zusammenschluss, um ihre Kräfte zu bündeln. Solche Fusionen kommen meistens nur dann zustande, wenn beide Partner gegen Einwohnerschwund kämpfen.

Ähnlich unerwartet wie in Elze gab es auch in der Gemeinde Söhlde im zweiten Jahr in Folge steigende Einwohnerzahlen. „Die räumliche Nähe zu Städten mit vielen Arbeitsplätzen“ ist für Bürgermeister Alexander Huszar eine mögliche Erklärung für den Aufschwung. Tatsächlich liegt Söhlde zwar aus Hildesheimer Sicht am Rand des Landkreises – doch eigentlich ziemlich zentral zwischen Hannover, Hildesheim, Braunschweig und Salzgitter. Selbst die VW-Stadt Wolfsburg ist von Söhlde aus gut erreichbar. Was offenbar auch Neubürger aus diesen Städten und ihrem Umland anlockt, weil dort immer schwieriger Wohnraum zu finden ist.

Viele Neubürger

„Mit einer vielfältigen Infrastruktur in Bezug auf Kindertagesstätten, Schule und Freizeit sowie einem regen Vereinsleben wird Söhlde wohl als lebenswerte Gemeinde angesehen“, freut sich Huszar. Das Plus kommt vor allem durch Zuzüge zustande: 56 Geburten standen 116 Todesfälle gegenüber – hat die Gemeinde trotzdem an Bevölkerung hinzugewonnen.

Das war im vergangenen Jahr auch in Freden der Fall. 37 Neugeborene und 79 Sterbefälle verzeichnet die Statistik – dafür aber 304 Zuzüge gegenüber 251 Wegzügen (Anmerkung der Redaktion: Die Gemeinden haben stets etwas andere Zahlen als das Land, was an einer unterschiedlichen Zählweise liegt).

Fusion derzeit kein Thema mehr

„Diese starken Schwankungen vermag ich nicht zu erklären“, gibt Mike Weidner von der Gemeindeverwaltung zu, hat dann aber doch einen Hinweis: „Natürlich erfolgt hier Zuzug, weil der Wohnraum günstig ist und durch den Bahnhof diverse Arbeitgeber gut zu erreichen sind.“ Allerdings weist er auch darauf hin, dass die Einwohnerzahl im ersten Halbjahr 2019 schon wieder merklich gesunken sei. Dennoch: Das Plus für 2018 kann den Fredenern keiner mehr nehmen. Und weil es mit Finanzlage und Schwimmbad inzwischen besser aussieht, ist es trotz der geringen Einwohnerzahl vorerst kein Thema mehr, sich von einem größeren Nachbarn schlucken zu lassen.

Die Entwicklung in der Stadt Hildesheim

Nord- und Südstadt boomen, Ochtersum ist der große Verlierer – das ist das Ergebnis der Einwohnerzahlen-Entwicklung in der Stadt Hildesheim im vergangenen Jahr. Zwischen den insgesamt 19 Stadtbezirken gibt es große Unterschiede, wie aus von der Stadt auf HAZ-Nachfrage zur Verfügung gestellten Daten hervorgeht.

Den größten Einwohnerzuwachs verbuchte demnach die Nordstadt mit ihren vergleichsweise meist günstigeren Mieten. Tatsächlich zogen im Lauf des Jahres 2018 insgesamt 1226 Menschen dorthin, im gleichen Zeitraum verließen nur 1012 Menschen den Stadtteil. Obendrein kamen deutlich mehr Kinder zur Welt, als im gleichen Zeitraum Menschen starben – 172 Geburten standen nur 122 Todesfälle gegenüber. Fast überall in Hildesheim und auch im restlichen Landkreis ist die Zahl der Verstorbenen höher als die der Neugeborenen. Die Entwicklung dürfte unter anderem mit dem Zuzug von Flüchtlings-Familien zu tun haben.

Südstadt als Gewinner

Gegen den Trend war die Entwicklung in Hildesheim außerdem nur in der Oststadt, in Bavenstedt und in Marienrode (siehe Tabelle). Wobei das kleine Marienrode als Sonderfall zu sehen ist, weil der Ort zwischen Kloster und Hildesheimer Wald zu klein ist. Dort verzeichneten die Behörden im Vorjahr zwei Babys, kein Bürger segnete das Zeitliche (siehe Tabelle).

Zu den eindeutigen Gewinner-Stadtteilen gehören auch die Südstadt mit deutlich mehr Zu- als Wegzügen, sie dürfte vom Wachstum der beiden Hildesheimer Hochschulen profitiert haben. Auch Sanierungen zum Teil leerstehender Wohnungen wie bei der kwg in der Rostocker Straße dürften zu diesem Resultat beigetragen haben. Ähnlich gefragt ist die Stadtmitte, die weitaus mehr Neubürger verzeichnete, als im gleichen Zuge Menschen das Gebiet verließen. In der Oststadt gab es ebenfalls durch Zuzüge ein deutliches Plus – ein Trend, der sich durch das neue Wohngebiet Ostend noch verstärken dürfte.

Drei große Verlierer

Unter den Verlierern sind hingegen jene Stadtteile, die in den vergangenen Jahren durch Baugebiete erheblich gewachsen waren – Himmelsthür, Ochtersum und auch Itzum etwa. Sie gehören weiter zu den einwohnerstärksten Bereichen. Doch ist zu spüren, dass die neuen Siedlungen etabliert sind, viele Familien inzwischen die Kinder bekommen haben, die sie sich wünschten. In vielen Fällen zieht der Nachwuchs sogar schon aus dem Haus. In allen drei Stadtteilen gab es sowohl mehr Todesfälle als Geburten als auch mehr Weg- als Zuzüge. Das sah vor einigen Jahren noch ganz anders aus.

Doch es gibt auch Stadtteile mit gemischter Bilanz. Wie den Moritzberg, der mehr Zu- als Wegzüge verbuchte. Allerdings starben dort mehr als doppelt so viele Einwohner, wie Babys neu hinzukamen, so dass es unterm Strich ein Minus gibt. Einum wiederum brachte das Kunststück fertig, dass das Plus an Zuzügen die geringe Geburtenrate exakt ausglich. Auffällig ist in der längerfristigen Betrachtung, dass Hildesheim rund 3000 Einwohner weniger hat als vor 25 Jahren – doch dass die heutige Bevölkerung deutlich mehr Platz braucht als eine Generation zuvor. Große Siedlungen wie den Ahnekamp in Himmelsthür, das Mittelfeld in Ochtersum oder die Hohe Rode in Itzum gab es seinerzeit noch gar nicht. Inzwischen ist weit mehr Fläche besiedelt und versiegelt – durch weniger Menschen.

Die Entwicklung in der Stadt Sarstedt

Jedes Jahr ein neuer Rekord: Zum Jahresende 2018 gab es so viele Sarstedter wie noch nie. Das geht aus den jetzt veröffentlichten offiziellen Zahlen des Niedersächsischen Landesamtes für Statistik hervor. 19359 Einwohner hatte die Stadt demnach zum 31. Dezember vergangenen Jahres, genau 97 mehr als ein Jahr zuvor. Und in diesem Jahr zeigt der Trend weiter nach oben.

Zur Erinnerung: Von 2017 auf 2018 hatte Sarstedt nur um genau einen Einwohner zugelegt. Im Jahr 2018 dürfte eine Rolle gespielt haben, dass die letzten Wohnhäuser im Baugebiet Sonnenkamp fertiggestellt und bezogen wurden. Dessen Bewohnerzahl stieg im Lauf des Jahres von 2730 auf 2768. Einen leichten Aufwärtstrend bei der Einwohnerzahl gab es zudem zuletzt in Heisede und Hotteln, doch vor allem die Kernstadt legt immer weiter zu, nicht nur in der Siedlung östlich der Bundesstraße 6.

Sonderfall Sonnenkamp

Was am Sonnenkamp zudem auffällt: Es gab mehr Geburten als Sterbefälle. 43 Kinder, deren Familien in dem Baugebiet wohnen, kamen 2018 zur Welt, dem standen 32 Todesfälle gegenüber. Insgesamt gab es im Stadtgebiet allerdings mehr Sterbefälle (223) als Geburten (184). Dass mehr Menschen sterben, als geboren werden, ist indes in allen Städten und Gemeinden des Landkreises Hildesheim so. In den meisten Kommunen ist die Differenz allerdings deutlich größer als in Sarstedt, das seit Jahren eine vergleichsweise hohe Geburtenrate verzeichnet, weil viele junge Familien in der Stadt leben.

Der entscheidende Faktor für die Einwohner-Entwicklung Sarstedts ist allerdings, dass deutlich mehr Menschen in die Stadt ziehen, als sie verlassen. 1166 Neu-Sarstedter verzeichnete das Rathaus im vergangenen Jahr, im gleichen Zeitraum verließen demnach 1041 Menschen die Stadt. (Anmerkung der Redaktion: Die Differenz entspricht nicht ganz den Daten des Landesamtes. Beide Behörden setzen leicht unterschiedliche Zählweisen ein, unter anderem im Bereich Zweitwohnsitze).

Hotteln zieht vorbei

Tatsächlich ist und bleibt es schwer, in Sarstedt Wohnraum zu finden – egal, ob jemand ein schmuckes Einfamilienhaus sucht oder eine günstige Zwei-Zimmer-Wohnung. Anfragen gibt es auch in den sozialen Medien oft, die Immobilien-Portale geben jedoch nur einige Angebote her. Sarstedt könnte also noch mehr Bürger haben. Auslöser ist vor allem der Druck aus Hannover. In der Landeshauptstadt steigen Mieten und Kaufpreise schneller als in jeder anderen deutschen Stadt. Der Wohnraum hält mit der Nachfrage nicht Schritt, immer öfter weichen Menschen auch ins weitere Umland aus.

Für ein bisschen Entlastung auf dem Sarstedter Immobilienmarkt könnten der Mehrfamilienhaus-Neubau der kwg am Kipphut sowie die geplante Erweiterung des Sonnenkamps in Richtung Gödringen sorgen. Auch das alte Bauhof-Gelände gilt als Kandidat für Wohnbebauung.

Beim Blick in die Ortsteile fällt indes auf, dass Hotteln aktuell seinen ewigen Rivalen Gödringen überholt hat. Lag Gödringen zu Jahresbeginn noch mit 600 gegenüber 588 Einwohnern vorn, ist Hotteln zum 1. Juli mit 593 zu 592 Bürgern vorbeigezogen.