Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Er bringt das Waldbaden nach Hildesheim

Veröffentlicht von Norbert Mierzowsky am 18.04.2019.

Wilhelm Krüger bleibt mitten im Wald stehen, tritt an eine mächtige Buche heran, schließt die und umarmt sie. Fasst wie eine Geliebte. Und ein bisschen ist es auch so, sagt er: „Man muss eine Beziehung zu dem Baum aufbauen, fühlen wie stark er ist.“ Während er dort verharrt, traben drei Jogger den Waldweg vorbei, schauen irritiert und verschwinden wieder. „Man darf sich von so etwas nicht ablenken lassen“, kommentiert Krüger nur.

Was auf den ersten Blick kurios wirkt, ist derzeit voll im Trend. Schaufenster von Buchläden sind voll davon. „Waldbaden“ lautet das Stichwort, mit dem Autoren versuchen, ihren Lesern durch eine neue Methode der Naturerfahrung mehr innere Ruhe zu vermitteln. Shinrinyoku – wie Waldbaden im Japanischen heißt. Und dort kommt die Idee auch her, gestressten Menschen durch Sinneserfahrungen dabei zu helfen, Stress abzubauen.

Aussteiger aus dem Beruf

Wilhelm Krüger kann ein Lied davon singen. Der 62-Jährige hat lange im Management einer Firma in Hamburg gearbeitet. Sein Job war von hoher Verantwortung geprägt. Und von Stress. Dann kam der Tinnitus, sagt er. Er ist aus dem Beruf ausgestiegen und wollte sein Leben neu in den Griff bekommen. Fest. So wie bei einer Umarmung eines Baumes.

Doch Krüger denkt nicht nur an sich. Er will seine Erfahrung anderen weitergeben. Er gehört dem Verein Shotokan Hildesheim an und ist Karatetrainer. Bei der VHS Hildesheim bietet er nun Schupperkurse „Waldbaden“ an. Beginn ist am Freitag nach Ostern.

„Man kann den Wald in sich aufnehmen“

Mokuso! „Augen zu und ruhig werden“, übersetzt Krüger den japanischen Befehl, stellt sich gerade hin, leicht in den Knien gebeugt, atmet tief ein. Einen kleinen Moment hält er inne und stößt dann die gesammelte Luft wieder aus. „Jede der Übungen trägt dazu bei, unsere Achtsamkeit zu schulen und uns selbst zu erden.“ Fest wie ein Baum: „In dieser Position könnte man stundenlang stehen.“

Doch Waldbaden bedeutet mehr, es geht auch um Fitness, Bewegung und Dehnung. Krüger mischt Übungen aus Karate, Grundregeln des Ausdauersports und mit eigenen Ideen. Zu Beginn läuft er in lockerem Trab oder geht wie ein zügiger Wanderer: „Wenn der Puls so etwa zwischen 120 und 130 liegt, ist der Körper optimal mit Sauerstoff versorgt.“ Dann hält er wieder inne, schließt die Augen und atmet tief ein: „Man kann den Wald riechen und in sich aufnehmen und das Gefühl mit nach Hause nehmen.“

Abschalten können von der Arbeit

1974 hat er mit Karate angefangen – während einer ersten beruflichen Pause. Mittlerweile trägt er den schwarzen Gürtel und hat den Rang eines zweiten Dan. Es geht ihm aber nicht um Kampfkunst, sondern um Konzentration und Wahrnehmung. „Früher konnte ich nicht von der Arbeit abschalten, wenn ich mit meiner Frau im Wald spazieren gegangen bin“, erzählt Krüger. Bäume waren Bäume, Tiere waren Tiere. Mehr nicht. Er bückt sich, hebt eine Handvoll trockenes Laub hoch und zerreibt es vorsichtig: „Man muss lernen, die Natur zu spüren, ihre Vielfalt und sich darauf einlassen können.“

Etwa 90 Minuten lang dauert das Programm pro Kursusnachmittag. Am Ende steht er selbst senkrecht wie ein Baum und beugt sich langsam nach unten. Die Fingerspitzen nähern sich dem Waldboden, aber er bewegt sich weiter – bis er bei durchgedrückten Knien die Hand flach auf die Erde legt: „Ich habe eine Gruppe, bei der kann das jeder.“ Die Teilnehmer sind zwischen 45 und 65 Jahre alt: „Das Alter spielt keine Rolle. Stress fängt schon früh an.“

Termine der Schnupperkurse

Manchmal legt Krüger beim Reden wieder Tempo vor, wenn er seine Übungen erklärt. Ohne Komma oder Punkt redet er plötzlich – wie ein Bach, der immer schneller fließen will. Dann hält er plötzlich inne: „Ich bin bei 65 Prozent Gelassenheit angekommen, auch mir geht es immer wieder so, dass mich meine Gedanken überfallen.“ Dann legt er die Hände zu einem Dreieck zusammen und schaut gen Himmel. Kanku heißt das auf Japanisch. „Ich fokussiere mich und bekomme wieder einen klaren Kopf.“ Früher habe er bei jedem Stau im Auto gesessen und geflucht wie ein Rohrspatz, erzählt er: „Das ist jetzt vorbei.“

Schnupperkurse bietet die VHS am 26. April, ab 17.30 Uhr und Samstag, 27. April, um 15.30 Uhr an sowie am 3. Mai, ab 17.30 Uhr und Samstag, 4. Mai, ab 15.30 Uhr an. Treffpunkt ist am Parkplatz Heiligenweg am Galgenberg. Anmeldungen nimmt die VHS unter der Telefonnummer 93 61-112 oder per E-Mail unter info@vhs-hildesheim.de entgegen.