Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Literarisches Doppel-Debüt für Hildesheim

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 18.04.2019.

Hildesheim - Eigentlich studiert Helene Bukowski - noch. Ihr erster Roman ist schon fertig, bevor sie überhaupt mit der Masterarbeit begonnen hat. Viele Hildesheim-Abgänger sind im Literaturbetrieb gut angekommen, doch so ein Schnellstart ist sogar für die Dichterschmiede an der Domäne Marienburg etwas Besonderes.

Ihr Roman „Milchzähne“ führt in eine fremde Welt, die der unseren sehr ähnlich ist. Der Klimawandel schlägt voll durch, ein Dorf bricht die Brücken zur Außenwelt ab, um überleben zu können. Alles Fremde wird als tödliche Bedrohung empfunden. Sogar ein kleines Mädchen, das wie aus dem Nichts auftaucht.

Mit dem Geschichten-Erfinden hat Helene Bukowski früh angefangen. Ihre Grundschullehrerin machte Mut, sich kleine Episoden auszudenken und festzuhalten. Zudem liebte Bukowski, die in Berlin groß geworden ist, schon als Kind Bücher: „Alle haben sich über mich lustig gemacht, weil ich ständig gelesen habe.“ Mit 14 Jahren nahm sie an einem Kurs des Projekts „Schreibende Schüler“ teil und hörte bei der Gelegenheit erstmals vom Kreativen Schreiben an der Hildesheimer Uni.

„In Berlin gibt’s ja alles schon“

Nach dem Abi und einem Au-Pair-Jahr in London bewarb sie sich 2013 an den beiden deutschen Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig – und wurde in Hildesheim aus hunderten von Bewerbungen ausgewählt.„Mir hat es super-viel gebracht“, sagt sie 26-Jährige über das Studium. Nicht zuletzt der Austausch mit den anderen Studierenden sei eine große Hilfe, den eigenen Stil zu entwickeln.

Dass die Stadt im Vergleich zu Berlin so klein ist, empfindet sie als Chance für das Studium. „In Berlin gibt’s ja alles schon“, sagt sie. In Hildesheim sei es leichter, Leerstände zu nutzen und eigene Projekte zu starten – wie mit dem 2017er- Prosanova-Festival, bei dem sie zum Leitungsteam gehörte. Außerdem mag sie die kurzen Wege, das viele Grün in der Stadt: „Die Leute aus Berlin haben sich schon beschwert, dass ich so wenig da bin.“

Das wird auch in der nächsten Zeit so bleiben, weil sie im Sommer mit ihrer Masterarbeit beginnen will – ihrem zweiten Roman: „Es ist noch so unkonkret, dass ich lieber nichts verraten will.“

Ein Mädchen verschenkt Milchzähne

Der Erstling, „Milchzähne“ hat viele Umwege und Änderungen erfahren, bevor er in Druck gehen konnte. Die Keimzelle war ein Textfragment über ein Mädchen, das ihre Milchzähne verschenkte. Als sie den Text in einem Seminar vorstellte, kam so viel positives Feedback, dass sie daran weiter arbeitete, obwohl sie bis dahin nur Kurzgeschichten geschrieben hatte. Der Wetter-Umschwung als ein Kernthema stand früh fest, der Fremdenhass kam als zweiter Fokus hinzu. Direkte Erfahrungen damit hat sie zwar nicht gemacht, sagt Bukowski, „aber man muss gerade schon sehr blind sein, wenn man das nicht wahrnimmt.“

Ein Auszug der entstehenden Geschichte wurde in der Zeitschrift „Landpartie“ veröffentlicht. Der fiel einer Berliner Literatur-Agentur auf, die die Studentin prompt unter Vertrag nahm. Weitere Unterstützung kam vom Reclam-Lektor Philipp Werner, der sie an der Uni als Mentor begleitete. Werner vermittelte den Kontakt zum Aufbau-Verlag, dem 100 Vorab-Seiten reichten, um zuzugreifen. Der Entstehungsprozess zog sich allerdings hin – eine fast einjährige Schreiblockade inbegriffen – und Helene Bukowski reizte die Abgabefrist bis zum letzten aus, weil sie sich ein Dreivierteljahr Zeit für den Feinschliff nahm.

„Programmatischer Zufall“

Dass der Veröffentlichungstermin nun mit dem Debüt von Luba Goldberg-Kuznetsova zusammentrifft, sei ein allerdings „programmatischer Zufall“, sagt Silke Ohlenforst vom Aufbau-Verlag. „Eigentlich spielt die Herkunft der Autoren keine Rolle.“

In „Lubotschka“ erzählt Luba Goldberg-Kuznetsova - die Geschichte einer Jugendlichen, die in St. Petersburg aufwächst. Sie nimmt den Leser mit auf die Plätze und in die Kaufhäuser der Stadt, über allem hängt der nahe Abschied: Mit ihrer Mutter wird die 18-jährige Ich-Erzählerin nach Deutschland ziehen. Umso intensiver versucht sie, sich St. Petersburg einzuverleiben.

Keine Autobiografie

Es könnte der autobiografische Bericht der Autorin sein, die selbst mit 18 Jahren Russland verlassen hat und nach Deutschland umgesiedelt ist. Doch Luba Goldberg-Kuznetsova weist diese Vermutung vehement von sich. „Es ist nur eine Geschichte. Ich habe sie schon im Kopf gehabt, als ich noch in St. Petersburg war, und sie Jahre lang mit mir herum getragen.“ Was sie dazu inspiriert oder motiviert hat, lasse sich nicht in Worte fassen, sagt die 36-Jährige. „Es ist etwas, das größer ist als meine Motivationen. Der Körper führt das nur aus.“

Geschrieben hat Goldberg-Kuznetsova seit ihrem dritten Lebensjahr, studiert hat sie zunächst Philosophie und Modernes Japan. Für den Master im Literarischen Schreiben kam sie 2014 nach Hildesheim. Da war „Lubotschka“ schon im Entstehen, die Arbeit an dem Buch ging allerdings kaum voran. „In Hildesheim wird mich nichts mehr ablenken“, dachte sie – und hatte Recht damit, Studium und Buch waren 2016 beendet.

Endlich nach Berlin

Zunächst fand sich für das Manuskript kein Verlag – sie habe zwar eine Agentur gehabt, doch es sei nichts passiert, berichtet sie. Als sie kündigte und selber einen Lektor des Aufbau-Verlags kontaktierte, ging es dafür ganz schnell. Die Tantiemen ermöglichten es, 2018 von Hildesheim nach Berlin zu ziehen. Endlich, sie hätte die Stadt gerne viel früher verlassen.

Aktuell arbeitet Luba Goldberg-Kuznetsova an ihrem zweiten Roman. Es wird eine Fortsetzung, die nahtlos an der Stelle anknüpft, an der der Erstling geendet hat.

Der Roman „Milchzähne“ ist für 20 Euro im Buchhandel erhältlich, „Lubotschka“ kostet 22 Euro.