Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Literaturkirche geht aufs Land

Veröffentlicht von Martina Prante am 12.09.2018.

Hildesheim - Land(schaft) – das verheißt Weite, Freiheit, Leere, Zwischenraum. Doch wie lässt sich Leere mit einem Bühnenbild darstellen? Vor dieser Aufgabe standen Benjamin Gross und David Schnitter. Im Drei-Jahres-Klang „Stadt – Land – Fluss“ des Literaturhauses St. Jakobi stand Thema Nummer zwei an. Und die Umgestaltung des Raumes in der ehemaligen Kirche passend zum Thema gehört zum Konzept von Intendant Dirk Brall.

Der Designer und HAWK-Student Gross und der technische Leiter des Literaturhauses, Schnitter, haben sich mit einer Feldkapelle im Altarraum für eine architektonische Metapher entschieden und die Bühne rechts davon platziert, so dass das Publikum schräg im Raum sitzt. „Die Weite kann man vielleicht nicht sehen, dafür haben wir Kanzel, Taufbecken und Altar aus dem Sichtfeld genommen und der Kirche mehr Raum gegeben", beschreibt Gross die Hintergründe der begehbaren Skulptur. Land stehe mit „Weite, Ruhe und Kontemplation auch für Kreativität und Vielfalt“, ergänzt Schnitter.

Sichtbare Landmarke

Vor allem in Süddeutschland sind Feldkapellen eine weithin sichtbare Landmarke und stehen gern auf einem Hügel. In St. Jakobi ist es der erhöhte Altarraum. Von außen erlauben Fensterschlitze den Blick in das goldene Innere. Dort wiederum gestatten zwei Türspione einen Blick auf das Altarkreuz. Zudem sind Teile des Altars in die kleine Kapelle integriert: „Wir haben sie in Szene gesetzt“, verdeutlicht Schnitter. Zugleich dient das begehbare Innere als Ort der Stille.

„Wir wagen mal was“, beschreibt Schnitter das Motto und verweist auf das farbenfrohe Dach. „In der Kirche gibt es so viel Grau und Braun, wir wollen mit unserem Bühnenbild einen Gegenpunkt setzen, einer der irritiert.“ Das ist gelungen. Während sich die Bauten bisher vorrangig am Material wie Holz orientiert haben, ist diesmal bunt angesagt: tausende von farbigen Origami-Blättern zieren als Schindeln die Haube des gelben Hauses. Dem Inneren geben gebrannte und geölte Holzbalken Halt, die goldene Farbe steht für das Heilige und Archaische. Und vor der kleinen Kapelle sorgen Schafe für lautlose Land-Idylle.

Tiere auch in der Kunst

Tierisch geht es auch auf den Fotos von Anouk Tschanz zu. Sie hat im Wald ein mit Äpfeln behängtes Dreibein aufgehängt und mit einer Überwachungskamera festgehalten, wer sich da an den Früchten menschlichen Tuns labt. „Eine Begegnung von Tier und Mensch“, beschreibt Theresa Tolksdorf die Arbeit. Eine von drei Positionen, mit der sich der Kunstraum 53 im Vorraum von St. Jakobi am Thema Land beteiligt.

Die Kuratorin stellt außerdem die Graphit-Zeichnungen von Sebastian Grande vor, der architektonische Elemente von Fotos neu zusammenstellt. Dritte im Bunde ist Maryna Makarenko, die in ihrer installativen Videoarbeit „Play Ground“ ein fiktives Bergbaugelände zeigt, in dem eine Gruppe von Arbeiterinnen mit Bergbauhämmern die Landschaft mit Klängen füllt. Im März werden die Arbeiten ausgewechselt.

Mit drei Positionen zum Spielzeit-Thema „Land“ eröffnet das Literaturhaus St. Jakobi am Freitag, 17. September, um 19.30 Uhr das neue Programm in St. Jakobi. Mit dabei sind Mirko Peisert, Superintendent des Kirchenkreises Hildesheim-Sarstedt; Annette Pehnt, neue Professorin für literarisches Schreiben an der Uni, sowie Mareike Knobloch und Thomas Härling vom Projektbüro Kulturhauptstadt Hi2025. Der Eintritt ist frei, gegen eine Schutzgebühr von 1 Euro kann man sich bei Ameis Buchecke einen Sitzplatz reservieren.