Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Mensa-Mampf und Abstiegskampf: Eintracht-Handballer unter Druck

Veröffentlicht von Ulrich Hempen am 12.02.2018.

Hildesheim - „Grünkohl!“ Seine Entscheidung steht. „Der schmeckt hier ganz gut“, meint Lukas Schieb und stellt sich in der Hildesheimer Uni-Mensa an den Ausgabetresen. Der Rückraummann des Handball-Zweitligisten Eintracht Hildesheim reibt sich kurz eine rote Stelle an der Stirn – die Mini-Prellung stammt aber nicht aus dem Spiel der Eintracht am Samstag beim Zweitliga-Spitzenreiter Bergischer HC. „Lukas ist im Turn-Seminar in der Uni gegen die Reckstange gelaufen“, lästert Teamkollege und Kreisläufer Chris Meiser. Schieb verdreht die Augen.

Er und Meiser spielen nicht nur Handball, sie studieren auch in Hildesheim auf Lehramt – der erste Sport und Mathe im fünften Semester, der andere Wirtschaft und Sport im ersten Mastersemester. Ebenfalls an der Uni eingeschrieben sind Eintracht-Kapitän Robin John und Rechtsaußen Maurice Lungela. John arbeitet an der Bachelorarbeit im Zwei-Fächer-Studiengang Sport und Wirtschaft. Lungela studiert dasselbe, ist im siebten Semester. Die Vier treffen sich gerade zum Mittagessen in der Mensa.

„Vegetarier? Wir? Quatsch!“

An die Ausgabe mit den fleischlosen Menüs stellt sich keiner. „Vegetarier? Wir? Quatsch!“, meint John. Drei nehmen Nudeln und Hühnchen, Lukas Schieb bleibt beim Grünkohl.

Die 22:33-Niederlage gegen den Bergischen HC (BHC) ist soweit abgehakt – oder verdaut, das klingt beim Mittagessen sinniger. „Wir haben vielleicht mit vier, fünf Toren zu hoch verloren. Das ist ärgerlich. Aber der Gegner war einfach stärker“, sagt John. Allein sechs Nationalspieler stehen im erstliga-reifen Kader des BHC. Dafür wird die nächste Partie nun umso wichtiger für die Hildesheimer. Am Sonntag kommt der Tabellenvorletzte HSG Konstanz in die Volksbank-Arena (17 Uhr). Beide Teams kämpfen um den Klassenerhalt. „Wir wissen, dass wir da gewinnen müssen“, meint Kreisläufer und Lehramtsstudent Meiser.

Er, Lungela und John stellen sich einen gemischten Salat mit aufs Tablett. „Wenn die anderen alle einem nehmen, muss ich das wohl auch. Wie sieht das denn sonst aus? Bin schließlich Sportler“, sagt Lukas Schieb und greift sich eine Schüssel. Da ist er einer der wenigen Menschen auf diesem Planeten, die zu Grünkohl und Bregenwurst einen Salat verhaften. Aber wenn es dem Image guttut.

Schieb ist unruhig. Am Nachmittag liegt für ihn eine Klausur an. „Turnen. Theorie“, sagt er und greift sich noch einmal an Stirn – der Fleck vom Reck-Unfall. „Das klappt schon. Schlimmer wird es morgen. Da schreibe ich Pädagogik.“ Offiziell ist das Semester beendet. In der Mensa tummeln sich nicht so viele Studenten wie sonst. Derzeit läuft die Klausurphase.

Leistungssport und Studium sind nicht immer leicht unter einen Hut zu bringen. Neun Trainingseinheiten die Woche stemmen die Einträchtler, dazu die Uni. „Man nimmt sich immer wieder vor, auf der Hinfahrt zu den Auswärtsspielen zu lernen“, sagt Meiser. Das funktioniert vielleicht eine halbe Stunde lang. „Dann setzt sich im Bus schon der erste Teamkollege neben einen und will irgendetwas.“ Computerspielen oder zusammen Handball gucken – und zack sind die Bücher wieder fein in der Tasche verstaut.

Wenn die Einträchtler etwas länger studieren als gewöhnlich, ist das weniger problematisch. Sie verdienen Geld mit ihrem Sport – andere Studenten stehen unter größerem finanziellen Druck. Robin John: „Das ist schon komfortabel.“

Still isst Maurice Lungela seine Nudeln. Er gehört eher zu den ruhigeren im Team. Dem Rechtsaußen wird auf dem Handballfeld großes Potenzial bescheinigt. Zuletzt sogar von Michael Roth, dem Trainer des Erstligisten MT Melsungen. Lungela gilt aber auch als einer, der dieses Vermögen nicht immer abruft. Im Test gegen Melsungen vor zehn Tagen spielte er stark – sechs wunderbare Tore inklusive. Am Sonntag beim Punktspiel gegen den BHC war davon plötzlich nicht mehr viel zu sehen. „Ich weiß auch nicht, warum das so schwankt bei mir. Wenn ich es wüsste, würde ich es abstellen“, sagt Lungela.

Die Teller leeren sich. Und manchmal kommt mit dem Essen der Appetit. „Ist doch klassisch. Erst hatte ich kaum Hunger“, sagt Robin John, steht auf und holt sich eine zweite Portion. Chris Meiser folgt ihm.

Robin John ins Management

Noch wird John eine Weile bei Eintracht spielen, doch bald ist er fertig mit dem Studium. Er möchte später weiter in der Handball-Branche arbeiten. Die B-Lizenz als Trainer hat er schon. Und Eintracht-Boss Gerald Oberbeck führt den 26-Jährigen langsam auch in den Managementbereich beim Zweitligisten ein. „Das ist so geplant. Ich war zuletzt auch bei den Tagungen der Handball-Bundesliga dabei. Gerald gibt mir die Chance, Einblicke zu bekommen“, sagt John.

Einer fehlt in der Runde. Lothar von Hermanni. Der Linksaußen, der eigentlich zum Inventar bei Eintracht zählt, studiert ebenfalls in Hildesheim. Nur zur Mannschaft gehört er derzeit nicht. Bekanntlich ist von Hermanni in der Winterpause für ein halbes Jahr auf eigenen Wunsch an den Drittligisten Northeimer HC ausgeliehen worden. „Neulich habe ich Lothar in der Vorlesung gefragt, ob er schon die Termine für die Abfahrt zu unserer Auswärtspartie hat. Er schaute mich nur irritiert an“, erinnert sich Maurice Lungela. „Daran muss ich mich erst gewöhnen, dass er nun woanders spielt.“ Lungela und Chris Meiser haben mit von Hermanni gemeinsam das Handball-Internat in Elze durchlaufen, dazu die Eintracht-Jugendmannschaften, und sie sind später ins Zweitliga-Team gerückt. Ein langer Weg. „Schon komisch, ohne Lothar.“

Die Vier sind in Hildesheim so etwas wie lokale Heros. Über sie wird viel berichtet, das öffentliche Interesse an ihrer Mannschaft ist groß. Doch an der Uni fallen sie nicht weiter auf. „Wir werden kaum auf Eintracht angesprochen. Wir sind auch nichts besonderes – es gibt doch noch viele andere Leistungssportler hier“, sagt Chris Meiser. Unter anderem einen Karate-Weltmeister oder Ruth Maria Spelmeyer, die deutsche Top-Leichtathletin.

„Man studiert in Hildesheim gut. Die Uni ist nicht so groß. Die Dozenten und Professoren kennen einen“, sagt John. Aber die Sportanlagen könnten besser sein. Die Halle sei klein, eine Laufbahn gebe es nicht. „Da ist Hannover besser ausgestattet. Man kann nicht alles haben.“

Lukas Schieb atmet tief ein. Da ist er wieder, der Gedanke an die Klausur, die gleich anliegt. Eine schwere Woche für Schieb. Erst „Turnen-Theorie“, dann Pädagogik-Prüfung und am Sonntag folgt für Eintracht ein erstes Schicksalsspiel im Abstiegskampf gegen die HSG Konstanz.