Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Nach Anschlag: Hildesheimer Juden in Sorge

Veröffentlicht von Christian Harborth am 24.05.2019.

Hildesheim - Die Nazis erschossen Michael Ahrbergs Urgroßeltern in Riga, weil sie Juden waren. Seine Großmutter überlebte den Holocaust versteckt in Frankfurt. Noch in der Grundschule sah er sich einem Lehrer gegenüber, der aus seiner Ablehnung Juden gegenüber keinen Hehl machte. „Ich habe Deutschland gegen Menschen wie dich verteidigt“, hatte der ehemalige Stalingrad-Veteran Ende der 1970er-Jahre zu dem damals etwa Zehnjährigen Jungen gesagt. Seit dieser Zeit sind vier Jahrzehnte vergangen. Doch der Stachel der Verletzung und Verunsicherung sitzt tief.

Ahrberg ist etwa 50 Jahre alt. Er lebt mit seiner Familie im Landkreis Hildesheim, ist Unternehmer, trägt in Wirklichkeit aber einen anderen Namen. Er will sich und seine fünfköpfige Familie schützen. In Hemmingen haben Antisemiten gerade versucht, das Haus eines jüdischen Ehepaars anzuzünden. Sie sprühten auch das Wort „Jude“ auf die Tür. So etwas will Ahrberg für seine Familie unbedingt verhindern.

„Erst Adolf Hitler hat uns zu Juden gemacht“

Dabei ist er kein gläubiger Jude. „Ich wurde als Jude geboren, aber Religion spielte in unserer Familie nie eine große Rolle“, erzählt er. „Erst Adolf Hitler hat meine Familie zu Juden gemacht.“ Wenn Menschen hören, dass er Jude sei, fragten sie ihn gleich nach seiner Meinung zum Palästina-Konflikt, zum Westjordanland und Israel. „Dabei sind das Dinge, die mir nicht näher sind als anderen Menschen“, sagt er. Das jüdische Pessachfest feiere er wie die meisten Christen das Weihnachtsfest – als Fest für die Familie. „Hier gehen ja die meisten Menschen Weihnachten auch nicht unbedingt in die Kirche.“

Jüdische Traditionen, Kippa, koscheres Essen – all das sind Dinge, die im Hause des Unternehmers keine große Rolle spielen. „Meine Kinder wollen auch gern mal zu McDonalds“, sagt er. Und trotzdem sei die Sorge allgegenwärtig. Sein zwölfjähriger Sohn besuche ein Hildesheimer Gymnasium. „Aber dort weiß nur die Schulleitung davon, dass wir Juden sind.“ Sein Sohn habe ihm auch unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er nichts anderes will. „Er hat große Angst davor, ein Opfer von Mobbing zu werden“, sagt der Vater. Dass mitunter flapsige Sprüche, gelegentlich sogar ins Antisemitische reichende auf dem Schulhof an der Tagesordnung seien, bekommt der Junge trotzdem regelmäßig mit.

Antisemitische Straftaten sind landesweit gesunken

Das sei aber keine neue Entwicklung, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hildesheim, Wolf-Georg von Eickstedt. „Die Situation in Hildesheim hat sich in den vergangenen Jahren eigentlich nicht grundlegend geändert.“ Trotzdem beobachte er die rechtsradikalen Tendenzen im Land mit großer Sorge. „Leider sind sie teilweise in der Mitte der Gesellschaft angekommen, Stichwort AfD“, sagt von Eickstedt.

Landesweit war die Zahl der antisemitischen Straftaten laut Innenministerium 2018 von 129 auf 99 Fälle gesunken. Bundesweit hatte ihre Zahl dagegen im Vergleich zum Vorjahr um 19,6 Prozent zugenommen. 2018 wurden 1799 antisemitische Straftaten erfasst. Zahlen für den Raum Hildesheim konnte die Polizei am Freitag nicht präsentieren.

Allerdings halte die Polizeiinspektion einen regelmäßigen Kontakt zur Jüdischen Gemeinde, um eventuelle Tendenzen frühzeitig zu erkennen. Zudem verweist Pressesprecher Robin Skerhut auf das Präventionsteam der Polizei, das sich als Teil ihrer Rechtsextremismus-Arbeit auch mit dem Thema Antisemitismus beschäftige.

Kommentar: Was ist die Vielfalt wert?

Von Christian Harborth

Wer Kontakt zur Jüdischen Gemeinde Hildesheim aufnehmen will, findet im Internet aus Sorge vor Übergriffen keine postalische Adresse. Doch nicht nur das: Viele im Landkreis lebende Juden sichern ihre Häuser, verzichten auf Telefonbucheinträge und Klingelschilder, verheimlichen ihren Glauben und ihre Herkunft und lassen sich nur anonym zitieren. Das ist fast 75 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft kaum zu ertragen. Vor allem, weil es sich in einem Land abspielt, das tolerant sein möchte. Das nach außen gern betont, wie vielfältig das gesellschaftliche Leben hier ist. Und das die Religionsausübung und -zugehörigkeit sogar per Grundgesetz garantiert. Doch wie viel ist diese Vielfalt wert, wenn sie sich nicht auf alle Menschen erstreckt? Wenn sie – bewusst oder unbewusst – Gruppen ausklammert? Besonders erschreckend ist, dass sich eine Mehrheit an diesen Zustand zu gewöhnen scheint. Vor allem unter denen, die während der Nazizeit am meisten unter Deutschland litten: die Juden. Vielleicht ist der Antisemitismus immer ein Bestandteil Deutschlands geblieben. Aber es ist trotzdem die Aufgabe aller hier lebenden Menschen, ihn zurückzudrängen, wo es nur geht.