Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Pioniere des Free Jazz kommen nach Hildesheim

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 11.10.2018.

Hildesheim - . Alexander von Schlippenbach gehört zu den Wegbereitern und führenden Köpfen des europäischen Freejazz. Am Montag, 15. Oktober, spielt er mit seiner Frau Aki Takase als Piano-Duo im Litteranova. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass ab 19 Uhr. Es gibt noch Karten.

Herr von Schlippenbach, in der ersten Hälfte der 60er Jahre haben Sie schon in den Bands deutscher Jazzgrößen wie Gunter Hampel und Manfred Schoof gespielt. Wie war die Stimmung damals? -
Das war die Zeit, als der neue Jazz, der Free Jazz, wie wir das genannt haben, allmählich emporkam und auch unsere Spielweise insofern mitbestimmt hat, als wir Passagen hatten, in denen wir relativ frei von traditionellen harmonischen Vorgaben improvisiert haben. Die Stimmung war also ganz gut schöpferisch. Wir haben auch selbst angefangen, Stücke zu komponieren, während man ja vorher hauptsächlich in den Jazzclubs das amerikanische Repertoire gespielt hat. Die Stimmung war also ganz gut schöpferisch.

Was hat Sie damals am Free Jazz fasziniert? -
Das Neue, das auch musikgeschichtlich Notwendige hat mich sehr interessiert, zumal ich ja gerade am Anfang meiner musikalischen Laufbahn stand.

Was meinen Sie mit „musikgeschichtlich notwendig“? -
Es gibt bestimmte Zeitpunkte in der Geschichte, wo sich Neues sehr stark bemerkbar macht. Im Jazz war das Anfang der 60er Jahre der Fall. Das lässt sich durchaus vergleichen mit den Vorgängen am Anfang des 20. Jahrhunderts, als die so genannte Neue Musik entstanden ist – natürlich vorbereitet von den sehr weitgehenden Klangballungen bei Wagner und später entscheidend von Schönberg – und dann zu weiteren Entwicklungen geführt und die ganze Musik des 20. Jahrhunderts mitbestimmt hat.

Da Sie den Vergleich zur Neuen Musik ziehen: Der Klangeindruck ähnelt dem Free Jazz teilweise sehr. -
Der entscheidende Unterschied ist der: Wenn wir richtig originären, konsequenten Free Jazz spielen, ist das reine Improvisation. In der Neuen Musik ist erst einmal der Komponist da, der es den Interpreten zur Aufführung gibt. Der Klang im Free Jazz ist gewissen Stücken der Neuen Musik allerdings durchaus ähnlich, weil eine Atonalität und keine traditionelle Harmonik stattfindet.

Eine Gemeinsamkeit besteht auch darin, dass Neue Musik wie Free Jazz sich an ein sehr spezielles Publikum wenden. -
Nein, das finde ich nicht. Ich habe erlebt, dass sich Leute aus unterschiedlichsten Hintergründen für diese Musik interessieren. Das Publikum muss nur herangeführt werden, dann versteht es das auch.

In Hildesheim spielen Sie in einem sehr kleinen Club – was bei einem so bekannten Musiker schon verwundert. -
In der Jazzszene war es immer schon so, dass es bestimmte Personen gibt, die sich stark für diese Musik einsetzen. Hildesheim ist ein gutes Beispiel. Ich habe vor vielen Jahren, in einem Jazzclub gespielt, den es aber scheinbar lange nicht mehr gibt. Jetzt hat unser Hildesheimer Freund Eckhard Reulecke, der sich schon lange für unsere Musik begeistert, es arrangiert, dass wir auf einem anständigen Instrument in einem kleinen Saal spielen. Dafür bin ich sehr dankbar, und das ist etwas, was wir sehr gerne tun. Wir brauchen nicht unbedingt ein Massenpublikum.

Was für ein Programm spielen Sie denn? Im Litteranova steht ja nur ein Klavier, zwei Flügel würden gar nicht hineinpassen. -
Brauchen wir auch nicht. Aki beginnt solo, dann spielen wir vierhändig. Nach einer Pause bin ich solo an der Reihe, und zum Schluss spielen wir noch einmal vierhändig. Es ist interessant, die Möglichkeiten des vierhändigen Klavierspiels auszuloten.

Sie spielen frei und teilen sich aber ein Instrument: Für einen Nichtpianisten ist das schwer vorstellbar. -
Da muss man natürlich ein bisschen die Rollen verteilen. Wir spielen nicht einfach drauflos, sondern haben gewisse Modelle, nach denen wir improvisieren. Oder aber: Wir hören sehr genau aufeinander, um direkt zu reagieren. Es gibt endlose Möglichkeiten, aus dem Klavier Klänge herauszuholen.

Etwas ganz anderes machen Sie bei Lok 03, einem Familienprojekt mit Aki Takase und Ihrem Sohn Vinzent alias DJ Illvibe. Interessieren Sie sich für elektronische Musik? -
Damit befasse ich mich gar, weil ich gerne mit Naturklang arbeite. Aber mein jüngster Sohn Vincent hat eines Tages fanatisch mit dieser Turntablelei angefangen und es dabei auch richtig zu etwas gebracht. Er arbeitet sehr gut mit Improvisatoren, und deshalb machen wir ab und zu etwas zusammen. Lok 03 haben wir uns ausgedacht, weil wir einen Film zu bespielen hatten, „Symphonie der Großstadt“, einen Stummfilm aus den 20er Jahren. Aktuell, das kann ich vielleicht noch anmerken, hat Aki hat gerade ihre neue Gruppe Japanic produziert, das ist ein Quintett, in dem Vincent auch dabei ist.

Interview: Ralf Neite