Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Prachtstück wird wieder zum Glänzen gebracht

Veröffentlicht von Martina Prante am 14.11.2017.

Hildesheim - Die Backen sind gebläht, die Bauchmuskeln angespannt, die Stirn gerunzelt. Die Anstrengung ist Petrus und Paulus anzusehen: Die Apostel müssen die Bögen tragen, mit denen drei Heilige Familien auf einem 321 Jahre alten Antependium – lateinisch für Vorhang – sozusagen beschützt werden. 35 Jahre hat das Prachtstück, das einst den Hauptaltar in der Apsis des Doms schmückte, im Magazin des Dommuseums vor sich hin gewartet. Jetzt wird es dank des Vereins für Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim gereinigt, damit es in vollem Silber-Glanze Teil der Sonderausstellung „Barocke Pracht“ im Dommuseum werden kann.

Laut Vereinsvorsitzendem Thomas Scharf-Wrede sollten die 10 000 Euro in ein Objekt fließen, „das mit dem Dom Hildesheim zu tun hat“. Von dem drei mal ein Meter großen Antependium ist er „hellauf begeistert“. Meister- und Beschauzeichen – Qualitätssiegel einer Kommission – beweisen die Herkunft aus Köln, neben Augsburg damals Zentrum für prachtvolle Silberarbeiten.

Vielgestaltige Vorhänge

Antependien sind seit dem 10. Jahrhundert bekannt, erklärt Dommuseumsdirektorin Clauda Höhl. Szenen aus der Bibel schmückten in Gestalt von bestickten Stoffen, geschnitztem Holz, Malerei oder eben Metall die Altäre. Im Barock zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert dominierte die Variante aus Silber „weil der Zugriff auf das Material in Lateinamerika möglich war“.

Nur dank dieses florierenden Handels ist auch die Masse an Silber zu erklären, aus der die Künstler der Kölner Werkstatt ihre Geschichten getrieben haben. 40 Kilo wiegt das Relief, das sich aus verschiedenen Teilen zusammensetzt.

Im Zweiten Weltkrieg wurde es im Dom zur Sicherheit abmontiert. Glücklicherweise. Denn der Hauptaltar mit seinen Alabasterreliefs ist Opfer der Bombardierung geworden „und in 1000 Stücke zerbröselt“, erzählt Höhl. Einer Rückkehr in den Dom nach dem Wiederaufbau stand der Geschmack der 50er entgegen: „Die wollten keine Barockisierung.“ Also landete das gute Stück im Magazin, aus dem es Ende der 70er und 1998 nur kurz den Weg in eine Ausstellung fand.

Das neue Dommuseum mit seiner mittelalterlichen Dauerausstellung ist an den Start gegangen mit der Option, immer wieder auch andere Objekte in neuen Kontexten zur Schau zu stellen. In diesem Fall ist es die Weihnachtsausstellung, zu der die Darstellung der drei Heiligen Familien – in der Mitte Maria und Josef mit Christus, links Marias Eltern Joachim und Anna mit der lesenden Maria und rechts Elisabeth und Zacharias mit dem jungen Johannes der Täufer – perfekt passt.

Vor dem Glanz der Fleiß

Allerdings muss zuerst Uwe Schuchardt, der seit 30 Jahren dem Dommuseum als Restaurator zur Seite steht, sein Handwerk erledigt haben, nämlich die Reinigung. Mit Wattebäuschchen, Pinsel und chemischen Reinigungsmitteln muss er die dunklen Schichten abnehmen. „Silber verbindet sich mit Schwefel und wird zu Sulfiden und Chloriden“, erklärt der Gold- und Silberschmied. Zudem sei das Prachtstück nach dem Krieg auf eine einfache Tischlerplatte montiert worden und vorher über Tauchbäder und mittels Wasserschlauch „gereinigt“ worden. Das habe deutliche Spuren hinterlassen, die chemisch aufgelöst und mechanisch nachpoliert werden müssen, „um die Oberfläche zu verdichten“.

Die Masse dieser Putzmittel habe auch nötig gemacht, das Antependium auseinanderzuehmen, um deren Reste darunter zu entfernen. Außerdem müssen Schrauben und Eisennägel entfernt werden, um Kontaktkorrosionen in Zukunft zu vermeiden. Rund 200 Stunden wird Der Schuchardt für Reinigung und Konservierung brauchen. „Dann ist für die nächsten Jahre Ruhe.“

Der Restaurator ist fasziniert von der Qualität des Antependiums: „Erstaunlich, was die mit den Mitteln der damaligen Zeit schaffen konnten“. Immerhin sei das getriebene und anschließend ziselierte Relief nirgendwo dicker als 0,8 bis 1,1 Zentimeter. Trotzdem wirkten Bärte, Augen mit Pupillen, Falten massiv und sehr plastisch. Geschickt auch die Gestaltung des Fliesenbodens und der Architektur, die eine Raumwirkung entstehen lassen. Meisterhaft die gegossenen Girlanden ringsherum, die mit Früchten und Blumen von der Fantasie ihrer Schöpfer erzählen.

Die Sonderausstellung „Barocke Pracht. Silber aus dem Hildesheimer Dom“ ist vom 9. Dezember bis 4. Februar im Dommuseum zu sehen.