Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Prozess fällt aus: Angeklagte hat sich abgesetzt

Veröffentlicht von Renate Klink am 14.05.2019.

Hildesheim - Von der Angeklagten keine Spur: Immer wieder schaut Anwältin Julia Kusztelak auf ihre Uhr. Gleich soll der Prozess am Landgericht Hildesheim starten. Es ist selbst für erfahrene Ermittler ein ziemlich außergewöhnlicher Fall, mit dem sich die Große Strafkammer auseinandersetzen muss. Die Staatsanwaltschaft wirft der 29-jährigen Hildesheimerin vor, ihrer nichtsahnenden Bekannten erst einen Topf mit kochendem Wasser über den Kopf gekippt zu haben, dann noch einen zweiten. Wegen der starken Schmerzen soll sich das Opfer wie gelähmt gefühlt haben und unfähig gewesen sein, die Flucht zu ergreifen.

Eine Szene, die sich am 2. Januar 2018 im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses in der Nordstadt abgespielt haben soll. Das Opfer hat dabei schwerste Verbrühungen erlitten, insbesondere im Gesicht und am Oberkörper. Durch den Hitzeschock versagte die Lunge, Ärzte retteten auf der Intensivstation das Leben der 26-Jährigen. Ihre Verletzungen – 15 Prozent der Haut sind betroffen – werden durch dauerhafte Narben wohl immer sichtbar bleiben.

Schwere Körperverletzung

Staatsanwalt Martin Dorn hat die mutmaßliche Täterin wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Dafür sieht das Gesetz ein Strafmaß zwischen drei und fünf Jahren Haft vor. Der Ankläger lässt durchblicken, dass für ihn die Grenze zur versuchten Tötung nicht weit sei. Doch zur Verlesung der Anklage kommt es an diesem Dienstagvormittag nicht.

Die Vorsitzende Richterin Dr. Bernadette Pape lässt zunächst nichts unversucht, um die Angeklagte doch noch in den Gerichtssaal zu holen, damit der Prozess noch starten kann. Sie beauftragt die Polizei, die Angeklagte mit einem Streifenwagen abzuholen. Doch alles, was die Beamten erreichen können, ist mit der Schwiegermutter zu sprechen. Sie wohnt ebenfalls in dem Mehrfamilienhaus in der Nordstadt. Vor der Polizei äußert sie die Vermutung, dass sich ihre Schwiegertochter samt Ehemann und dem sechsmonatigen Säugling nach Serbien abgesetzt haben könnte. Sicher sei das jedoch nicht.

Zielfahndung im Ausland

Die Kammer entscheidet, dass die 29-Jährige per europäischen Haftbefehl gesucht werden soll. Doch die Richterin lässt durchblicken, dass selbst bei einer erfolgreichen Zielfahndung mehrere Wochen vergehen können, bis mit allen Behörden die Auslieferung geklärt sei. Nach einer knappen Stunde steht fest: Der Prozess muss auf unbestimmte Zeit ausgesetzt werden.

Auf dem Gerichtsflur bestätigt Anwältin Kusztelak, dass sie zuletzt im Februar Kontakt zu ihrer Mandantin gehabt habe. Auf mehrere Gesprächsvorschläge habe die Frau seinerzeit nicht reagiert. Der beauftragte Psychiater Axel Wentzel hat die Angeklagte jedoch für sein Gutachten bereits befragen können. Im Raum steht nämlich, dass die Tat eine Vorgeschichte hat: vermutlich Rache. Dabei geht es um einen regelrecht abgeschlachteten Hund der Angeklagten: Der Chihuahua ist aufgeschlitzt und aus dem Fenster geworfen worden. Dafür soll nun wiederum das jetzige Opfer verantwortlich sein.