Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Rätseln über grausame Taten in Göttingen

Veröffentlicht von Thomas Wedig am 30.09.2019.

Göttingen / Elze / Kreis Hildesheim - Am Freitagabend gab es noch eine leise Hoffnung, dass zumindest eine der beiden Frauen die Tat überleben würde, die der 52-jährige Frank N. am Donnerstag um 13 Uhr in Göttingen begangen haben soll. Doch in der folgenden Nacht starb auch das zweite Opfer. Und der Verdächtige, der nach einer Flucht über Elze, den Hildesheimer Nordkreis und Hannover nach seiner unerwarteten Rückkehr in Göttingen verhaftet wurde, ist nun ein mutmaßlicher Doppelmörder. Die Grausamkeit seiner Taten erschütterte auch die Polizei-Führungskräfte, die am Samstag bei einer Pressekonferenz in Göttingen erste Details zu dem Fall verrieten – und zum Verhalten des Mannes, das die Ermittler in mancher Phase irritierte. „Die ganze Tat“, fasste der Leitende Polizeidirektor Thomas Rath zusammen, „ist nicht rational nachvollziehbar.“

Die beiden Opfer

Die 44-jährige Bekannte des mutmaßlichen Täters starb noch am Donnerstag am Tatort in der Straße Zollstock in Göttingen. Wie eng die Beziehung zwischen Opfer und Täter genau war, ist den Ermittlern noch nicht ganz klar. Die beiden waren aber offenbar kein Paar. Sie kannten sich seit etwa anderthalb Jahren. Der Verdächtige habe sich wohl mehr erhofft, erklärt Thomas Breyer, der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Göttinger Polizeiinspektion. Frank N. lauerte ihr am Donnerstag auf, als sie von der Arbeit kam. Sie lief weg – und wurde brutal ermordet.

Unterwegs war sie zu diesem Zeitpunkt zusammen mit einer 57-jährigen Arbeitskollegin. Die wollte der 44-Jährigen beistehen, ging dazwischen, als der Täter sie attackierte – und wurde dabei selbst so schwer verletzt, dass sie in der Nacht zum Sonnabend an den Folgen starb. Zwei Zeugen, die sich einmischten, wurden ebenfalls durch Messerstiche verletzt.

Kerzen und Rosen stehen in der Nähe des Tatorts und erinnern an die brutalen Morde. Foto: Swen Pförtner/dpa

Die Tat

In der Pressekonferenz sitzen gestandene Polizisten, jeder von ihnen hat Jahrzehnte Berufserfahrung. Und dennoch: „Die Tat und der Einsatz haben uns alle bewegt und belastet“, sagt Rath, „und sind mir auch nach 40 Dienstjahren auf den Magen geschlagen.“ Um die Brutalität und die außergewöhnliche Gewalt der Tat zu beschreiben, wählen die Polizisten Superlative, Wörter wie „bestialisch“, „abscheulich“.

Zweimal soll Frank N. seine Bekannte mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und angezündet haben. Der Täter stach mit einem Messer auf sie ein, schlug ihr massiv mit einem Feuerlöscher auf den Kopf. Den hatte er einem Zeugen entrissen, der die Flammen damit löschen wollte.

Solange die Ärzte in Göttingen noch um das Leben der 57-jährigen Kollegin kämpften, war er des Mordes und des versuchten Mordes verdächtig. Nun, nachdem auch das zweite Opfer gestorben ist, geht es um zweifachen Mord. Und nach Einschätzung der Polizei sind beide todbringenden Taten so einzustufen – die Tötung der 44-Jährigen wegen der niederen Beweggründe, die offenbar hinter der Tat steckten, und der Grausamkeit bei der Ausführung. Der zweite mutmaßliche Mord hatte nach Auffassung der Ermittler das Ziel, die erste Tat zu ermöglichen oder zu verdecken.

Die Leiche der 44-Jährigen wurde bereits obduziert. Scharfe Gewalteinwirkung sei die Todesursache gewesen, berichtet Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue. Eine Obduktion des zweiten Opfers ist für Montag geplant.

Der Verdächtige machte in den ersten Vernehmungen keine Angaben zur Tat. Er steht aber unter dringendem Verdacht, der Haftrichter erließ am Samstagmorgen einen Haftbefehl. Um die Angehörigen der Opfer, Zeugen und andere Beteiligte kümmerten sich sechs Notfallseelsorger.

Der Täter

Der mutmaßliche Mörder gibt der Polizei Rätsel auf. Manches in seinem Erscheinungsbild und Verhalten passt nicht zu den Gewalttaten, für die er sich nun verantworten muss. Bei den jüngsten Begegnungen zeigte er ein anderes Gesicht, wird in der Pressekonferenz auch als aalglatt, freundlich, nett, locker, zurückhaltend, empathisch beschrieben – so kam er zumindest einigen Zeugen vor, von denen er sich jeweils unter einem Vorwand das Handy borgte, um mehrfach bei der Polizei anzurufen und sich nach dem Gesundheitszustand seines Opfers zu erkundigen. Die Polizei sagte ihm nicht die Wahrheit, verriet nicht, dass die 44-Jährige schon gestorben war. „Wir wollten den Kontakt zu ihm nicht verlieren“, sagt Kriminaldirektor Breyer.

Frank N. wurde in der Vergangenheit dreimal wegen Vergewaltigung verurteilt – in den Jahren zwischen 1985 und 1994. Nach dem dritten Fall saß er eine sechsjährige Haftstraße ab. Danach fiel er nicht mehr negativ auf – bis er am Donnerstag explodierte.

Kürzlich soll er seine Bekannte bereits zu Hause bedrängt haben: Am 20. September randalierte er auf ihrem Balkon. Doch diese Situation habe keinerlei Hinweise ergeben, dass er gewalttätig und gefährlich werden könnte, betont Polizeivizepräsident Gerd Lewin. Und Rath ergänzt: „Auch wenn er damals sehr erregt war, gab es keinen körperlichen Kontakt.“ Die Polizei sprach einen Platzverweis aus, betrachtet ihr Eingreifen in dieser Situation rückblickend als angemessen.

Der mutmaßliche Mörder ist ledig, gelernter Tischler und Hobbyfotograf. Er hielt sich zuletzt mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Der Einsatz

Von Donnerstagmittag bis zum späten Freitagabend waren mehr als 200 Polizisten im Einsatz, 34 Stunden lang. Spezialeinheiten, Hundestaffel, Hubschrauber. Zusammengezogen von Nordrhein-Westfalen bis Thüringen. Zunächst konzentrierte sich die Fahndung auf den Bereich Göttingen – als Frank N. dann plötzlich im Zug kurz vor Elze auftauchte, musste die Polizei schnell ihr Konzept ändern, die Kräfte dort zusammenziehen. Zuerst trafen zwei Streifenwagen aus Elze und Hildesheim ein. „Sie waren sehr, sehr schnell vor Ort“, lobt Polizeidirektor Rath. Doch in der ersten Phase der Flucht waren sie auf sich allein gestellt – denn in Elze hatte niemand den Verdächtigen vermutet. Hubschrauber konnten zu diesem Zeitpunkt nicht starten, weil es in Strömen goss. Der Verdächtige flüchtete aus dem Zug, in dem er entdeckt worden war, verschwand in der Dunkelheit des frühen Morgens. Die Polizei riegelte mit den Kräften, die schon vor Ort waren, die Ausfallstraßen ab. Das Gelände am Elzer Bahnhof war schwer einsehbar. Der Flüchtende, eben noch greifbar, wieder weg. „Wir waren so nah dran und hatten keine Chance, den Täter zu ergreifen“, sagt Rath, „das war sehr frustrierend.“

Einsatz in Elze. Foto: Werner Kaise

Die mutigen Zeugen

Das Verhalten der Zugbegleiterinnen im Regionalzug hat die Polizei schwer beeindruckt. „Vor ihrem Verhalten ziehe ich den Hut“, sagt Rath. Die Frauen sorgten dafür, dass andere Fahrgäste das Großraumabteil verließen, während der Verdächtige auf der Toilette war. Dann schlossen sie ihn ein. Als Frank N. von der Toilette kam, muss er gespürt haben, dass etwas nicht in Ordnung war. Plötzlich allein im Abteil, die Türen zu. „Die Gesamtsituation kam ihm wohl spanisch vor“, sagt der Polizeidirektor. Also nahm der Flüchtige einen Notfallhammer, schlug die Scheibe ein und verschwand durch das Zugfenster. Die Zugbegleiterinnen hätten aber alles richtig gemacht, lobt Rath. „Das war herausragend.“

Wie die Geistesgegenwart der Zeugen, die den mutmaßlichen Mörder am späten Freitagabend in einem Schnellrestaurant in der Göttinger Innenstadt erkannten. Mitten im Menschengetümmel. Nun war die Ausgangslage für die Polizei ähnlich wie am frühen Morgen in Elze: Die Spezialkräfte waren im Raum Hannover eingesetzt, wo der Mann zuletzt gesehen wurde. Man vermutete Frank N. irgendwo in Niedersachsen – aber nicht in Göttingen, von wo er geflüchtet war. Dass er irgendwie dorthin zurück gelangt war, überraschte die Ermittler. Der Verdächtige leistete erheblichen Widerstand, als Göttinger Polizisten ihn überwältigten, schlug und trat um sich. Eine Polizistin wurde bei dem Einsatz verletzt.

Zwischen Elze und Hannover wäre sofort ein Spezialeinsatzkommando (SEK) für die Festnahme zur Stelle gewesen. In Göttingen musste nun eine normale Streifenwagenbesatzung ran. Ein Mann und eine Frau, Zivilfahnder. War es für die beiden nicht zu gefährlich, zu zweit einzugreifen? Das sei eine Abwägung gewesen, erläutert Rath. „Hätten die Kollegen gezögert, wäre die Flucht vielleicht weitergegangen.“ Als der Mann gebändigt und die Gefahr gebannt war, sei die Erleichterung groß gewesen, berichtet Rath. Wenige Stunden später wurde sie allerdings wieder getrübt, als die Nachricht vom Tod des zweiten Opfers kam.

Vor dieser McDonald´s-Filiale wurde der Mann festgenommen. Foto: Stefan Rampfel/dpa

Zwischenfälle

Bei der Fahndung nach dem Täter war die Polizei am Donnerstag zweimal auf einer falschen Spur, wie sie am Sonnabend auf der Pressekonferenz berichtet. So wollten Beamte einen Mann kontrollieren, der dann allerdings auf einem Fahrrad flüchtete und sich dadurch erst recht verdächtig machte. Ein Polizist gab drei Signalschüsse ab, um Kollegen zu alarmieren. Der Verfolgte erlitt einen Schock und musste im Krankenhaus behandelt werden.

Der zweite Zwischenfall: Ein Spürhund schlug vor einem Haus in der Groner Landstraße in Göttingen so auffällig an, dass die Polizei die Spur näher unter die Lupe nahm: Ein Spezialeinsatzkommando durchsuchte das Haus, die Spur lief allerdings auch ins Leere.

Die Flucht

Am frühen Freitagabend erreichte Frank N. offenbar Hannover, wo er Kontakt zu einem Anwalt und rechtlichen Beistand suchte. Der Jurist lehnte ab und informierte die Polizei. Doch wie war der Verdächtige in die Landeshauptstadt gelangt, nachdem er am frühen Morgen in Elze aus dem Zug geflüchtet war? „Höchstwahrscheinlich zu Fuß“, sagt Kriminaldirektor Beyer. Frank N. habe eine gute körperliche Konstitution, sei durchtrainiert. Seine genaue Fluchtroute durch das Hildesheimer Land ist noch nicht rekonstruiert. Doch die Polizei geht momentan davon aus, dass der Flüchtende tatsächlich dort vorbeikam, wo sich auch die Suche konzentrierte – sei es, weil Spürhunde anschlugen oder Zeugen Hinweise gaben: bei Rössing, Barnten, Sarstedt. Der mutmaßliche Mörder soll bei einer ersten Vernehmung selbst gesagt haben, dass er sich zu Fuß in Richtung Hannover durchschlug.

Und dann tauchte er plötzlich und völlig unerwartet wieder in Göttingen auf, wo er am späten Freitagabend gegen 22.50 Uhr gefasst wurde. Wie er dorthin gekommen war? „Wohl wieder mit dem Zug“, sagt Polizeidirektor Rath, „vermute ich mal.“ Die Befragungen des Verdächtigen gehen nun erst richtig los, noch sind manche Rätsel zu klären. Rund um eine Tat, die nach Überzeugung der Polizei ohnehin nicht zu verstehen ist.