Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Rechtsextreme in der Region formieren sich neu

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 01.08.2019.

Almstedt - Nach einer gemeinsamen Demonstration gegen vermeintliche Pressehetze am vergangenen Samstag in Hildesheim, zu der die Partei Die Rechte aufgerufen hatte, vollzog eine kleine Gruppe niedersächsischer Neonazis den Schulterschluss: Auf dem „offiziellen Gründungsparteitag“ gründeten sie den neuen Kreisverband Braunschweig/Hildesheim, „mit dem in Zukunft in unserer Region nationale, öffentliche Aktivitäten weiter vorangetrieben werden sollen“, heißt es auf der Website der Partei. Johannes Welge sei einstimmig zum Vorsitzenden gewählt worden.

Gartenparty in Sibbesse

Im Anschluss an die Demonstration in Hildesheim machte sich eine Gruppe von etwa 20 Teilnehmern auf in den südlichen Landkreis. Die Polizei begleitete die Neonazis mit mehreren Streifenwagen. In einer offiziellen Pressemitteilung der Polizei war später nur vom „Bereich Sibbesse“ die Rede, inzwischen ist klar, dass sich die Teilnehmer zu einer „Gartenparty“ mit „Liederabend“ in Almstedt versammelten. Die Beamten nahmen die Personalien mehrerer Teilnehmer auf, zu Ordnungsverstößen oder Straftaten kam es aber nicht. Ob es sich bei diesem Treffen um den „Gründungsparteitag“ der Rechten handelte, blieb offen. Die Polizei zeigte sich auf Nachfrage wenig auskunftsfreudig. Johannes Welge ist in Almstedt kein Unbekannter, auch wenn sich die Mitglieder des Ortsrates sehr kurz halten mit ihren Aussagen über den Neonazi. „Mir sind noch nie Beschwerden über die Familie Welge zu Ohren gekommen“, sagte der Ortsbürgermeister Torsten Uhde (CDU) gegenüber der Redaktion. Er erinnere sich lediglich an Flugblätter, die Antifaschisten vor einigen Jahren im Ort verteilten. Darin informierten sie über die rechtsextremen Aktivitäten des neuen Kreisvorsitzenden Welge. Mehr kann oder möchte Uhde nicht zu dem Thema sagen. Ein Ortsratmitglied, das unerkannt bleiben will, erinnert sich an regelmäßige Liederabende im Haus der Familie Welge in Almstedt. „Warum das jetzt wieder hochkommt, das kann ich mir auch nicht erklären.“ In genau jenem Haus soll nach HAZ-Informationen am vergangenen Samstag auch das Treffen der Rechtsextremen stattgefunden haben.

Bedrohliche Szenen in Almstedt

Anfang 2016 ereigneten sich bedrohliche Szenen in Almstedt: Drei Maskierte sollen den Fahrer eines Taxis bedroht haben. Der gebürtige Afghane habe gerade sein Fahrzeug verlassen, um nach seinem Kunden zu suchen, als sich drei mit Baseballschlägern bewaffnete Männer dem Taxi näherten. Dem Mann gelang die Flucht. Ermittlungen der Polizei führten ins rechtsextreme Milieu, verliefen jedoch im Sand. Täter konnten nicht identifiziert werden, erklärte die Hildesheimer Staatsanwaltschaft auf Nachfrage der Redaktion.

Der niedersächsische Verfassungsschutz beobachtet die Partei Die Rechte seit ihrer Gründung 2012. Auch Welge selbst wird namentlich in den Verfassungsschutzberichten 2014 bis 2016 erwähnt, da er schon früh als Kreisvorsitzender des mittlerweile aufgelösten Verbandes Hannover-Hildesheim in der Öffentlichkeit stand. Er organisierte Kundgebungen und trat als Redner auf.

Bei einer Kundgebung am Mai 2015 bezeichnete er die Waffen-SS als „Befreiungsarmee“, weswegen das Amtsgericht Hildesheim ihn ein Jahr später wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilte. Er sollte 80 Tagessätze von je 10 Euro zahlen. Er habe die Gewaltherrschaft der Nazis gebilligt, indem er die Waffen-SS als Armee darstellte, die Unterdrückte befreite, führte der Richter damals aus. Der Militärgerichtshof in Nürnberg habe die Waffen-SS aber zu einer verbrecherischen Organisation erklärt – „sie am 70. Jahrestag des Kriegsendes als Befreier gutzuheißen, verletzt die Würde der Opfer.“ Welge ging in Berufung. Am 3. April 2017 stellte das Landgericht das Verfahren gegen den Neonazi in zweiter Instanz „wegen geringer Schuld“ ein.

Bereits im Juli 2015 hatte die Polizei laut Verfassungsschutzbericht mehrere Wohnungen wegen des Verdachts auf illegalen Waffenbesitz durchsucht – darunter auch die Wohnung Welges. Im November 2015 trat er aus der Partei aus beziehungsweise wurde ausgeschlossen. Sicher sind sich da auch die Verfassungsschützer nicht. Den Untersuchungen des Journalisten- und Fotografen-Kollektivs „Recherche38“ zufolge sei die Rede gewesen von „persönlichen Verfehlungen“ und „zunehmender Distanz“ der Mitglieder zu Welge. Kurze Zeit später löste sich der damalige Kreisverband auf.

Zum aktuellen Treffen der Rechten in Almstedt wollte der Verfassungsschutz keine weiteren Angaben machen. „Wir arbeiten beim Thema Rechtsextremismus eng mit der Polizei zusammen“, versicherte eine Sprecherin. Man beobachte die Szene sehr genau, denn: „Das sind stramme Neonazis“, sagte sie über die Mitglieder der Partei „Die Rechte“. Ein strammer Neonazi ist auch Lasse Richei aus Braunschweig. Der Kampfsportler wird von der Polizei als gewaltbereit eingestuft und pflegt gute Kontakte zu den Neonazis um Welge. Ein Youtube-Video zeigt ihn bei der Demonstration in Hildesheim, wo er als aggressiver Redner auftrat. Auch beim anschließenden Liederabend in Almstedt und der vermeintlichen Neugründung des Kreisverbandes war Richei dabei, wie Fotos der Website „Recherche-Nord“ beweisen.

Richei war ins Licht der Öffentlichkeit geraten, als er nach dem rechtsextremen Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ein Video über Instagram veröffentlichte. „Heute Lübcke, morgen Janzen“, verkündete er darin. Eine offene Morddrohung gegen den Sprecher des Braunschweiger Bündnisses gegen Rechts, David Janzen. Seine Gewaltbereitschaft stellte Richei zuletzt vor wenigen Monaten unter Beweis: Wie die Tageszeitung taz berichtete, wurde er zu einer Woche Dauerarrest und 60 Arbeitsstunden verurteilt, weil er einem Türsteher das Handgelenk gebrochen hatte.

Mit dem am Wochenende gegründeten Kreisverband Braunschweig/Hildesheim will „Die Rechte“ einen neuen Versuch starten, im Hildesheimer Land Fuß zu fassen. Die bundesweit rund 600 Mitglieder sind laut Verfassungsschutzbericht gut mit zahlreichen Neonazi-Gruppen in der Republik vernetzt. Der Deckmantel der Parteizugehörigkeit gibt ihnen Sicherheit: Ein freiheitlich-demokratischer Anstrich für mehrfach verurteilte Straftäter, die auf den Ruf „Nationalsozialismus!“ antworten, indem sie „Jetzt, jetzt, jetzt!“ brüllen.