Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Schäffer verlässt die Michelsenschule

Veröffentlicht von Christian Harborth am 22.06.2018.

Hildesheim - Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre Rudolf Schäffer in Togo gelandet. Gleich nach der Promotion wollte ihn die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit dafür gewinnen, in dem kleinen westafrikanischen Land ein Rinderzuchtprojekt zu koordinieren. „Da hätte ich ein Schweinegeld verdient“, sagt der 65-Jährige. Die Voraussetzungen hätte er wohl mitgebracht. Schließlich hatte er sich mehrere Jahre an der Universität Göttingen mit Agrarwirtschaft beschäftigt. Aber es kam anders. „Unser erstes Kind kündigte sich damals an“, erinnert sich Schäffer. Also ließ er Togo sausen und nahm 1979 stattdessen einen Lehrerjob an der Michelsenschule an.

Seit diesem Tag sind bald vier Jahrzehnte vergangen. Hunderte Lehrer und tausende Schüler sind gekommen und wieder gegangen – Schäffer ist geblieben. Aber es sind die letzten Tage für den gebürtigen Garmissener. Am Dienstag soll er mit einem Festakt aus dem Berufsleben an der großen Landkreis-Schule am Fuße des Moritzbergs verabschiedet werden. Anschließend wird ein anderer Direktor in das große Eckbüro im Erdgeschoss des Altbaus des Gymnasiums einziehen.

Hier hatte Schäffer seit dem Jahr 2000 sein Reich. Der 65-Jährige sitzt an der kleinen Sitzgruppe aus hellem Buchenholz und schaut auf den dichten Verkehr auf der Schützenwiese. „Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen“, sagt er. Auch daran, dass die Polizisten der nahen Polizeiinspektion täglich mit Blaulicht zu zahlreichen Einsätzen rasen. „Aber inzwischen bekomme ich von beidem kaum mehr etwas mit“, sagt er.

Die Schule sicher durch alle Untiefen gesteuert

Das kann man von allen anderen Dingen, die rund um die Schule passieren, nicht behaupten. Kollegen beschreiben ihn als extrem kompetenten, immer und für jedermann ansprechbaren Steuermann, der das Gymnasium mit angeschlossener Berufs- und Fachschule seit vielen Jahren sicher und geräuschlos durch alle Untiefen lenke. Er sei kein Schauspieler, der immer die große Bühne suche. „Aber er ist ein sehr angenehmer Mensch, der all seine Arbeitskraft in die Schule steckt.“

So jemanden hätte man sich vermutlich auch als Manager für den Rinderzuchtbetrieb in Togo gewünscht. Aber Schäffer wechselte an die Schule. Und fast 40 Jahre, drei Kinder und vier Enkelkinder später ist er ihr immer noch treu. Vermutlich kennt sich niemand besser hier aus als der 65-Jährige mit dem weißen Vollbart und den gleichfarbigen Haaren. 1040 Schüler gehen hier täglich ein und aus, dazu fast 100 Lehrer und Referendare. Das ist viel für eine Schule dieser Größenordnung. „Wir bekommen langsam ein Platzproblem“, sagt Schäffer.

Das Problem wird jemand lösen müssen. Aber dieser jemand wird nicht mehr Schäffer heißen. Er wird demnächst in seinem Haus in Barienrode sitzen und sich Gedanken dazu machen, was er mit der ganzen freien Zeit anfangen kann. Eins ist ihm besonders wichtig: „Ich möchte viel mit meinen Enkelkindern machen“, sagt er. Und vielleicht bekommt auch sein Motorrad, das er in den vergangenen Jahren nur noch wenig bewegt hat, wieder mehr Aufmerksamkeit. Alles andere wird sich zeigen.