Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Wie sich die Schule über die Jahre verändert hat

Veröffentlicht von Norbert Mierzowsky am 15.04.2019.

Hildesheim - An die Schulzeit erinnert sich jeder. Gerne oder eher nicht. Je länger es her ist, desto stärker sind die Veränderungen zwischen einst und heute. Ältere haben noch mit Rechenschiebern gearbeitet und sich an eine starre Sitzordnung halten, bei der Lehrer vorne an der Tafel stand. Wenn man dann eine Schule von heute betritt, traut man häufig seinen Augen und seinen Ohren nicht. Dass die Schule früher noch rigider gewesen ist, kann man sich im Schulmuseum in der Volkshochschule anschauen. Oder sogar noch erleben. Denn dort wird einem der Schulunterricht von vor 100 Jahren anschaulich präsentiert.

Doch dafür werden noch begeisterungsfähige Ehrenamtliche gesucht, die das Angebot mit Leben füllen. Mario Müller, Leiter des Schulmuseums bietet dafür einen Kursus an, bei dem man an acht Abenden in die Schulgeschichte Hildesheims und der Region eintauchen kann und zum Museumsführer ausgebildet wird. Start ist am 30. April.

20 000 Unterrichtsmedien

„Seit November hatten wir mehr als 1200 Besucher“, sagt Müller, der an der Universität Hildesheim unter anderem für das Schulmuseum zuständig ist. Das wird über eine Stiftung finanziert, die zum Centrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung gehört. „Wir sind nicht einfach eine Art besonderes Heimatmuseum“, sagt Müller.

Das Schulmuseum bietet auch die Möglichkeit, selbst schulhistorische Forschung zu betreiben. Denn mehr als 20 000 Unterrichtsmedien aus allen Jahrzehnten seit dem 19. Jahrhundert lagern in einem Depot sowie 15 Regalmeter an Exponaten, die in der Vergangenheit in Schulen eingesetzt worden sind. Bausätze, um Moleküle nachzubauen, eine russische Rechenmaschine, Tierpräparate für den Biologieunterricht, Kartenmaterial und vieles mehr, zählt er auf.

Ältere und Jüngere gesucht

Ursprünglich hatte das Schulmuseum seine Heimat auf der Domäne Marienburg, wo es von Mitgliedern eines Freundeskreises seit 2003 betreut wurde. Doch die sind mittlerweile auch in die Jahre gekommen, so dass nun ein Generationswechsel nötig ist. „Wir suchen vor allem Leute um die 50 oder älter, vielleicht sogar Lehrer, aber auch junge Menschen, die sich für das Thema Schule interessieren“, sagt Müller.

Mit der 32-jährigen gebürtigen Lettin Egitar Priede und der 23-jährigen Kira Willms, einer Lehramtsstudentin, hat er zwei Kräfte an seiner Seite, die für das Schulmuseum arbeiten. Doch angesichts der starken Nachfrage ist er nun dringend darauf angewiesen, sein Team mit Ehrenamtlichen zu erweitern.

Mit Kreide auf Schiefer schreiben

Zu den Besuchern zählen zum einen Ältere, die sich zu Schuljahrgangsterminen treffen, aber auch viele Grundschulklassen, weil Schulgeschichte Stoff im Sachunterricht in der dritten Klasse ist. „Die Kinder sind immer wieder begeistert, wenn sie auf den alten Schulbänken sitzen und vor ihnen der strenge Lehrer steht“, erzählt Priede. Im Vorraum hängen noch Kleidungsstücke, die an die Zeit des 19. Jahrhunderts erinnern. Mit Kreidestiften können die Besucher auf Schiefertafeln schreiben und die Aufgaben lösen, die sie diktiert bekommen. Dabei müssen sie gerade sitzen und ruhig bleiben.

Sonst hätte es früher harte Strafen gesetzt, sagt Müller. Festgelegt waren sie unter anderem in einem preußischen Strafordnungsbuch und wurden meist in Form von Stockhieben ausgeübt. „Lehrer haben ihren Schülern mit dem Lineal auf die Handinnenfläche geschlagen, und dann mussten sie unter Schmerzen Schönschreibschrift üben“, berichtet Willms.

Rollenspiele für Schulklassen

Zwei Stunden Schule von vor 100 Jahren begeistert Kinder von heute ungemein, sagt sie. Besonders wenn die Schüler in Rollenspielen sich selbst in die Zeit zurückversetzen und dabei Lehrer die Schulbank drücken müssen: „Sie verkleiden sich dabei und schlagen sich fast darum, vorne am Pult stehen zu dürfen.“

Allein für Kindergartengruppen und Schulklassen gibt es eine Fülle an pädagogischen Angeboten bis zur fünften Klasse. Das Josephinum hat angefragt, ob es etwas zum Thema Kinderspiele früher gibt. „Wir bereiten das gerade vor, im Juni geht es los“, sagt Müller, der noch viele andere Pläne hat, das Schulmuseum weiterzuentwickeln. Auch Ideen für die Oberstufe gibt es schon.

Forschungslabor in der VHS

Allein die Inhalte, die im Unterricht gelehrt wurden, finden sich in den gesammelten Schulbüchern und Fibeln wieder. Wie in den von den Alliierten in den ersten Nachkriegsjahren auf dünnen Papier gedruckten Bände, die mit dem Nazi-Lehrstoff aufräumen sollten. Oder handgeschriebene Schulchroniken, Zeichenmappen aus den 30er Jahren oder das Lehrmaterial, das während des Faschismus eingesetzt worden ist. „Man kann dabei wunderbar vergleichen, ob sich Lehrer an die NS-Vorgaben gehalten haben oder nicht.“ Eine Fundgrube also für historisch interessierte Menschen.

Doch all die Schätze mussten vor anderthalb Jahren erstmal gerettet werden vor den Hochwasserfluten, die 2017 auch die Domäne Marienburg heimgesucht hatten. Damals bedeutete das zunächst das Aus für das Schulmuseum, bis es Ende 2018 mit der VHS einen Partner gefunden hat, der in der Stadt nicht nur die passenden Räume bietet, sondern mit dem Forschungslabor für Schüler, dem Riedel-Vortragssaal und nun dem Kursus zur Museumsführung auch ergänzende Angebote vorhält.

Die nächsten Termine

Für die VHS ist Markus Roloff direkter Ansprechpartner für das Schulmuseum. Mit der Uni zusammen werden in den Räumen Wechselausstellungen präsentiert, wie derzeit eine Sammlung von Kinderbüchern aus verschiedenen Kulturen, die Familien- und Rollenbilder thematisieren. „Dafür haben wir einen Kuschelraum eingerichtet“, sagt Roloff.

Weitere Termine sind am Samstag, 4. Mai, mit einem Vorlesetag „Es wird grimmig“, bei dem Märchen vorgelesen werden und nachgespielt werden können.

Am Donnerstag, 9. Mai, spielt im Riedelsaal eine Puppentheatergruppe aus Rügen das Stück „Der Maulwurf und seine Freunde“, Beginn ist um 14.30 Uhr. Der Eintritt kostet 4,5o Euro.

Anmeldungen über die Uni

Und zum Internationalen Museumstag am Sonntag, 19. Mai, öffnet das Schulmuseum ebenfalls und bietet schulhistorische Führungen sowie Grußkarten, die man in Sütterlin-Schrift ausfüllen kann.

Anmeldungen vor allem von Gruppen für das Schulmuseum nimmt Annedoris Bruns von der Uni Hildesheim unter der Rufnummer 883-1 01 50 entgegen. Geöffnet ist regulär samstags von 11 bis 16 Uhr. Weitere Termine sind möglich. Erwachsene zahlen 2 Euro, Kinder und Jugendliche 1 Euro, Schulklassen 20 Euro. Alle Informationen finden sich auch auf der Homepage www.uni-hildesheim.de/schulmuseum.

Schule – früher und heute