Hildesheimer Allgemeine Zeitung

Seltene Wildkatze hockt auf dem Kreisel

Veröffentlicht von HAZ-Redaktion am 14.11.2017.

Alfeld - Eine Autofahrerin hat eine Katze vom bepflanzten Kreisel vor der Papierfabrik Sappi in Alfeld geborgen – denn durch den dichten Verkehr drumherum hätte es für sie ziemlich gefährlich werden können. Die Frau dachte zunächst, es handele sich bei der grauen Mieze, die sie in ihr Auto verfrachtete, um eine Hauskatze – doch dann stellte sich heraus, dass sich eine seltene Wilkatze auf den Kreisel verirrt hatte.

Die Finderin fuhr mit der Katze zu Tierärztin Silke Faass, die gleichzeitig Vorstandsmitglied des Tierschutzvereins ist. Da die Veterinärin gerade dienstlich unterwegs war, nahm ihr Mann das abgemagerte Kätzchen in Empfang. „Sie aus dem Auto heraus zu bekommen, war nicht einfach, erzählte mir mein Mann“, sagt sie rückblickend.

Eindeutig weiblich

Silke Faass war nach ihrer Rückkehr und anschließender eingehender Untersuchung ziemlich erstaunt: „Es handelt sich eindeutig um eine weibliche Wildkatze, ungefähr zehn Wochen alt. Am Anfang haben sie noch blaue Augen. Und sie hat die typischen äußeren Merkmale, zum Beispiel die drei schwarzen Ringe am Schwanz. Ihr Zustand war nicht besonders gut.“

Fast zeitgleich kam Tierschützer Udo Schuster mit einer ziemlich stark verletzten Taube in die Praxis: „Leider konnte ihr nicht mehr geholfen werden und sie musste erlöst werden“, erzählt er. „Sonst wäre ich mit ihr gleich in die Wildtierauffangstation Sachsenhagen gefahren. Frau Faass fragte mich in diesem Zusammenhang, ob ich eventuell eine andere Kandidatin dort hinbringen könnte.“ Damit, dass es sich um eine der wenigen in Deutschland lebenden Wildkatzen handeln könnte, hatte er nicht im Traum gerechnet. Also ab in die Box und rein ins Auto. Auch in Sachsenhagen bestätigten die Fachleute schließlich, dass es sich um die vermutete Gattung handelt. Zurzeit leben dort mehrere Wildkatzen, die, wie die am Sappi-Kreisel gefundene, später wieder ausgewildert werden. Sie zu domestizieren, ist nicht möglich.

Warum das Tier verdrängt wird

Das größte Problem für die Wildkatze ist heute die immer intensivere Nutzung der Landschaft durch Verkehr, Siedlungsgebiete und Landwirtschaft. Dadurch wurden die Tiere auf wenige Restlebensräume zurückgedrängt. Diese letzten Rückzugsgebiete liegen voneinander isoliert. Die dort lebenden, vereinzelten Wildkatzenpopulationen sind sehr klein und anfällig für Krankheiten. Fachleute gehen davon aus, dass derzeit nur 5000 bis 7000 Tiere der gefährdeten Art in Deutschland leben. Zu den Hauptverbreitungsgebieten gehören die Wälder von Eifel, Hunsrück, Westerwald, Taunus, Pfälzer Wald und Hainich (Thüringen). Wie die kleine Wildkatze auf den Sappi-Kreisel gekommen ist, bleibt ein Rätsel. Dennoch haben die Alfelder Tierschützer eine Vermutung: Gut möglich, dass sie mit einem der Sappi-Holztransporter mitgekommen ist. „Ob sie zwischen den Baumstämmen auf der Ladefläche hockte oder sich beim Aufladen im Wald im warmen Motorraum verkrochen hat, können wir nur mutmaßen“, meint Silke Faass und ist froh, dass es dem Tier wieder gut geht.